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Kampf gegen Krebs : Gesundheit rockt nicht

Vor der Therapie sollte Prävention erfolgen. Untersuchung eines Patienten im MRT der Radiologe der Universitätsmedizin in Rostock. Bild: dpa

Krebs beginnt nicht erst mit der Diagnose. Doch das große Potential der Prävention bleibt bislang ungenutzt. Ein Problem der fehlenden Lobby?

          Während vergangene Woche der Deutsche Krebskongress in Berlin stattgefunden hat, zum dreiunddreißigsten Mal und seinem Selbstverständnis nach das größte und wichtigste Treffen der Krebsmedizin weit und breit, dann sollte es vor allem um eines gehen: um veränderte Perspektiven. So lautet das Kongressmotto. Verändert, nicht neu. Wie gehabt geht es um die Perspektive des Patienten, um die der Therapeuten, des Spezialisten, des Laboranten, der Klinik – kurz: Alles dreht sich um die Krankheit. Nur eben nicht um die Verhinderung derselben. Jede Krankheit, Krebs zumal, hat eine Vorgeschichte, auf die es entscheidend ankommt. Es sind die Geschichten der Gesunden.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Rechnerisch muss jeder Zweite damit rechnen, an Krebs zu erkranken. Interessant wird er für das System aber erst, wenn er seine Eintrittskarte mit der Diagnose Krebs löst. Viele haben mit dem Inkrafttreten des vor drei Jahren beschlossenen Präventionsgesetzes die Hoffnung verknüpft, dass sich daran etwas ändert. Stattdessen hat Deutschland, das beklagen die in der „Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten“ zusammengeschlossenen 22 medizinischen Fachgesellschaften, noch immer die rote Laterne in Europa. Prävention sei „ein zartes Pflänzchen“. Gesundheit rockt nicht, auch wenn damit viel Geld einzusparen wäre. Vielleicht ja aber gerade deshalb.

          Das System bremst sich in der Regel selbst aus oder scheitert an anderen Interessen als die der Gesunden. Beispiel eins: die vom Bundestag 2015 beschlossene Strategie zur Reduktion von Zucker, Fett und Salz. Sie stolperte trotz Zugeständnissen zwei Jahre später über das Wirtschaftsministerium. Wiedervorlage mit der Groko, heißt es jetzt. Noch älter: das Werbeverbot für Tabakprodukte im öffentlichen Raum. Deutschland ist der letzte europäische Staat, der sich dagegenstellt.

          Nicht weniger kritisch, weil es auch die von Interessen vermeintlich freien Experten im System betrifft: der Fall des organisierten Darmkrebs-Screenings. Im April 2013 hatte der Gesetzgeber den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, bis zum 30. April 2016 ein Programm zur Darmkrebsfrüherkennung zu regeln. Im Kern geht es um neue Tests, vor allem um ein neues, einfacheres Einladungsverfahren, das nachgewiesenermaßen in Holland dazu geführt hat, dass 70 Prozent der Angeschriebenen den nach Hause geschickten immunchemischen Test annehmen, durchführen und ins Labor zurückschicken. In Deutschland liegt die Teilnehmerquote der Darmkrebsvorsorge bei unter zwanzig Prozent. Weil der G-BA dennoch nicht handelt, haben sechs große medizinische Fachgesellschaften, fünf Berufsverbände, die Deutsche Krebsgesellschaft und drei Stiftungen zusammen ein fertiges „Konzept für die Umsetzung“ ausformuliert, an dem der G-BA aber offenbar immer noch kein Interesse zeigt. Gesundheitsvorsorge auf der langen Bank.

          Welches ungenutzte Potential in der Prävention steckt, ist auf einem Expertentreffen am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) vergangene Woche mehr als deutlich geworden. Allein die Vermeidung von starkem Übergewicht und Fettsucht könnte jährlich gut 8000 Krebsfälle im Land weniger bedeuten. Hermann Brenner vom DKFZ, einer der führenden Köpfe der Krebsvorsorgeforschung, ist überzeugt, dass die in vielen Ländern immer noch rasant ansteigende Darmkrebsquote in den Industriestaaten wie Deutschland auf nahezu null gebracht werden könnte, wenn die Menschen mindestens zweimal – mit 55 und 65 Jahren – die Früherkennungstests nutzen würden. Und auch Xifeng Wu vom Anderson Cancer Center in Austin, Texas, hat vorgerechnet (und soeben im „British Medical Journal“ publiziert): Wer chronische Krankheiten verhindert, senkt damit auch die Krebsraten gewaltig. Diabetes, Bluthochdruck, Gichtarthritis, Nieren- und Lungenleiden könnten für bis zu einem Fünftel der Krebsneuerkrankungen und einem Drittel der Krebstoten verantwortlich sein. Ihr Rat: „Schon 15 Minuten Bewegung täglich können vor chronischen Krankheiten schützen und im Schnitt das Leben um drei Jahre verlängern.“ Schön wär’s? Billiger wäre Gesundheit jedenfalls kaum zu haben. Epidemiologe Brenner: „Wenn wir es genau wissen wollen, braucht es endlich mehr Forschung“ – öffentliche, unabhängige, große Forschung. Doch dafür fehlt der Prävention immer noch vor allem eins: die Lobby.

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