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Veröffentlicht: 10.09.2015, 10:37 Uhr

Funde bei Obduktionen Kann Alzheimer übertragen werden?

Forscher finden immer mehr Indizien dafür, dass die Alzheimer-Demenz übertragbar sein könnte. Darauf deuten Ablagerungen im Gehirn Verstorbener hin.

von Hildegard Kaulen
© dpa Ist Alzheimer-Demenz- hier zwei Bewohnerinnen in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke - eine Infektionskrankheit? Das letzte Wort ist wohl noch nicht gesprochen.

Vor zehn Jahren wäre die Vorstellung, dass Alzheimer-Demenz übertragbar ist, als absurd abgetan worden. Heute wird offen über diese Möglichkeit diskutiert - vor allem, seit neue Erkenntnisse aus England für Aufregung sorgen. Es handelt sich dabei um die Obduktionsergebnisse von acht Personen, die an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben sind. Die Männer und Frauen hatten sich Jahrzehnte zuvor bei der Behandlung mit aus Leichen gewonnenem Wachstumsfaktor angesteckt. Die Obduktion zeigte nun, dass sechs der acht Toten neben den für die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit typischen Prionen auch Amyloid-beta-Ablagerungen im Gehirn hatten, die für eine Alzheimer-Demenz charakteristisch sind („Nature“, doi:10.1038/nature15389).

Dabei waren die Betroffenen zum Zeitpunkt ihres Todes zu jung für Alzheimer und besaßen auch keine genetische Veranlagung für eine frühe Form. „Wir glauben, dass sich die Amyloid-Pathologie am plausibelsten dadurch erklären lässt, dass gewisse Chargen an Wachstumsfaktoren sowohl mit Prionen als auch mit Amyloid-beta Ablagerungen verunreinigt waren, die dann als Kristallisationskeime gedient haben“, sagte John Collinge vom University College London, einer der Studienleiter, gegenüber „Nature“. Die Amyloid-Ablagerungen können auch keine Begleiterscheinung der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gewesen sein, weil 116 andere Männer und Frauen mit einer sporadischen Form dieser Krankheit bei der Obduktion keine Ablagerungen im Gehirn hatten.

© AFP, afp Der Alzheimer-Fluch in Kolumbien

Ähnliche Funde bei Mäusen

Bis 1985 dienten die Hirnanhangdrüsen von Verstorbenen als Quelle für humanen Wachstumsfaktor gegen Kleinwuchs. Für eine Charge wurden damals Tausende von Hirnanhangdrüsen vermengt und zu einem Extrakt vereint. Heute wird humaner Wachstumsfaktor nur noch gentechnisch hergestellt. Man weiß inzwischen, dass einige der damaligen Chargen mit infektiösen Prionen verunreinigt waren. Das sind falsch gefaltete Proteine, die ihren richtig gefalteten Artgenossen ihre verkehrte Form aufzwingen. Sie sind damit ein perfider Kristallisationskeim, der über einen Dominoeffekt immer mehr falsch gefaltete Prionen erzeugt, die das Gehirn nach und nach in einen Schwamm verwandeln. Zwischen der Infektion mit den falsch gefalteten Eiweißen und dem Auftreten der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit liegen in der Regel Jahrzehnte. Collinge und seine Kollegen nehmen jetzt an, dass die Chargen damals nicht nur mit infektiösen Prionen verunreinigt gewesen sind, die dann als Kristallisationskeime für die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gedient haben, sondern auch mit Amyloid-beta-Ablagerungen, die nach dem gleichen Muster Alzheimer-Plaques erzeugt haben.

Dass diese Sicht nicht aus der Luft gegriffen ist, legen Experimente von Mathias Jucker vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen nahe, der die Obduktionsergebnisse im neuen „Nature“ kommentiert. Jucker hat schon vor Jahren gezeigt, dass geeignete Mäuse massenhaft Amyloid-beta-Ablagerungen im Gehirn bilden, wenn ihnen eine geringe Menge ins Gehirn oder ins Bauchfell gespritzt wird. Bei den Mäusen müssen die Ablagerungen also übertragbar sein. Die Obduktionsergebnisse legen nun nahe, dass dies beim Menschen auch der Fall sein könnte. Allerdings sind sie kein Beweis. Niemand weiß bisher, ob die Chargen damals tatsächlich mit Amyloid-beta kontaminiert gewesen waren und ob diese Verunreinigungen als Kristallisationskeim für die Ablagerungen gedient haben. Deshalb plädiert Jucker dafür, nach Resten alter Chargen zu suchen und Mäuse damit zu infizieren. Entstehen dann tatsächlich Amyloid-Ablagerungen im Gehirn der Tiere, wäre dies ein Beleg für den vermuteten Übertragungsweg. In England gibt es offenbar noch einige Chargen, weil dort noch juristische Auseinandersetzungen anhängig sind. Weltweit wurden rund 30.000 Männer und Frauen mit Wachstumshormon aus Leichen behandelt. Bis zum Jahr 2012 sind 226 von ihnen an der Creutzfeld-Jakob-Krankheit gestorben, mehr als die Hälfte in Frankreich.

Übertragung unter normalen Umständen?

Was bedeuten die Ergebnisse für die öffentliche Gesundheit? Jucker beruhigt in seinem Kommentar und auch andere Stimmen warnen vor vorschnellen Schlüssen. Die acht Männer und Frauen seien nicht an Alzheimer-Demenz gestorben, sondern an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, schreibt Jucker. Es sei auch nicht klar, ob sie früher oder später tatsächlich eine Alzheimer-Demenz entwickelt hätten oder nicht. Bei den Obduktionen wurden nur Amyloid-beta-Plaques nachgewiesen, keine neurofibrillären Bündel, die ebenfalls typisch für eine Alzheimer- Demenz sind. Es gebe bislang auch keinen Hinweis dafür, dass Alzheimer-Demenz unter normalen Umständen von einer Person auf die andere übertragen werden könne, schreibt Jucker weiter. Allerdings sei es vorstellbar, dass es unter besonderen Umständen eine Übertragung geben könnte. Collinge und seine Kollegen nennen zwei möglichen Routen: über chirurgische Instrumente bei Eingriffen im Gehirn und über Blutprodukte.

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Ob diese Routen tatsächlich ein Risiko bergen, ist völlig offen. Unklar ist auch, ob diejenigen, die seinerzeit das Wachstumshormon aus Leichen erhalten haben, eher eine Alzheimer-Demenz entwickeln als Menschen, die damit nicht behandelt worden sind. Eine definitive Antwort auf die Frage, ob Alzheimer tatsächlich von einer Person auf die andere übertragen werden kann, wird also noch auf sich warten lassen.

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