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Klinik für Gesundheitschecks : Geschäftsmodell Unsterblichkeit

Im Wartebereich der Präventionsklinik: Auf Zeitschriftentiteln wird die Langlebigkeit und Klinikchefin Mouna Esmaeilzadeh gefeiert. Schwedische Medien haben die Erfolgsgeschichte der jungen Ärztin entdeckt. Bild: J. Müller-Jung

Gentests, Biomarker, MRT - Hunderte Gesundheitstests und das von jedem einzelnen. Eine junge Iranierin in Stockholm führt eine Präventionsklinik de Luxe. Ihre Klienten sind Manager und Athleten. Ihnen verkauft sie eine medizinische Vision.

          „Wir Ärzte sollten endlich Partner werden und den Menschen helfen, ihre Gesundheit zu erhalten.“ „Warum sollen wir warten, bis die Menschen krank sind, und teuer bezahlen?“ Sätze wie diese könnten in der Präambel der Bundesregierung für ihr Präventionsgesetz stehen, das mal wieder als Referentenentwurf kursiert, von einigen verflucht, von manchen bekämpft und von vielen erwartet - ob allerdings dieser vierte Anlauf in zehn Jahren tatsächlich durchkommt, hängt einmal mehr davon ab, ob er nicht wieder unter dem Druck der als Sozialpartner gehätschelten Lobbyisten dort landet, wo so viele sinnvolle gesundheitspolitischen Ansätze landen: an der Wand. Man wird sehen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Fakt ist, dass die Eingangszitate eben nicht vom üblichen medizinischen Personal oder von ministerialen Gesundheitswohltätern stammen, sondern von einer vierunddreißigjährigen Schwedin mit iranischer Abstammung. Mouna Esmaeilzadeh hatte vor fünfeinhalb Jahren als Ärztin und Neurowissenschaftlerin am Karolinska-Institut promoviert und sich ohne Umwege als Start-up-Unternehmerin in einem mehrstöckigen Bürohaus am Stureplan, im Herzen Stockholms, selbständig gemacht. Ihre Vision: Radikale Vorsorge. Radikal im Sinne einer Lebensrisikofrüherkennung. Jeder soll über seine Risiken früh genug Bescheid wissen, zwei Stellen hinter dem Komma gewissermaßen. „Niemand soll mehr an vermeidbaren Krankheiten sterben müssen“, sagt sie. Sieben von zehn Leben enden abrupt nach Herzkreislauf-Krankheiten oder einem Krebsleiden. „Mein Ziel war ein Powerhouse für Prävention gegen die Volksleiden.“ Sie kontaktierte ausgewiesene Wissenschaftler aus dem Karolinska-Institut, eines der fortschrittlichsten Häuser für Biomedizin weltweit, gewann Leute wie Alf Lindberg, Mikrobiologe und ehemaliges Mitglied des Nobel-Komitees, und richtete sich ihre „Scilife Clinic“ gleich neben der Startup-Zentrale ihres nicht viel älteren Bruders Saeid ein, der mit seinen Investitionen in digitale Gesundheitsprojekte und Techfirmen und einem Jahresumsatz von knapp vierhundert Millionen Euro zum Stolz der Stockholmer Hightech-Strategen zählt.

          Mouna und ihre Mitgründerin Katia Leonova, eine Physikerin mit Spezialgebiet Magnetresonanztomographie (MRT), haben ein, wie sie es nennen, „integriertes Modell“ entwickelt. Ihre Klinik organisiert und wickelt alles ab, die Untersuchungen selbst werden an Spezialinstitute delegiert - von Blutanalysen über MRT bis zur Entzifferung Hunderter Gene. Nicht nur klassische Gentests für einzelne Erbmerkmale werden abgearbeitet, das sei Old School: „So deterministisch wie früher sind die Ergebnisse der Analysen nicht mehr“, sagt Mouna, „wir können unser genetisches Erbe durchaus beeinflussen.“ Deshalb werden auch epigenetische Detailanalysen hinzugezogen, die Auskunft darüber geben sollen, inwieweit die Aktivität einzelner Gene sich etwa durch Lebenswandel oder Ernährungsumstellung beeinflussen lassen.

          Die Tests müssen interpretiert werden

          Am Ende haben die Klienten zweieinhalb- bis sechstausend Euro investiert, haben sie sich mit gut zwanzig Ärzten und Forschern eingelassen und das Resultat in einem mehr als hundert Seiten starken, im Spiralblock gebundenen Bericht vor sich liegen - die Grundlage für weitere Spezialberatungen etwa beim Humangenetiker. Auf einer der vorderen Seite sind, so konsumentenfreundlich wie nur möglich, die Risikoabschätzungen in einer großen Tabelle in den Ampelfarben zusammengefasst. Rot bedeutet: Hier musst du etwas tun, mindestens aber eine Beratung in Anspruch nehmen.

          Dialog zur Nobelpreiswoche: Der Konsumkultur-Künstler Jeff Koons (M.) diskutierte mit Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel und der Moderatorin Zeinab Badawi, was Unsterblichkeit in Kunst und Wissenschaft bedeutet.

          Etwa sechshundert Männer und Frauen haben sich mittlerweile bis aufs molekulare Gerüst durchchecken lassen, eine zweite Klinik in Kopenhagen ist auch schon gegründet. Das Geschäftsmodell, daran lässt Mouna keinen Zweifel, setzt einen Paradigmenwechsel voraus. Es ist der Utopie der Unsterblichkeit und dem Wunsch nach einem Leben ohne Leiden näher als jede Reparaturmedizin, die unsere heutigen Gesundheitssysteme dominiert. „Wenn der Paradigmenwechsel gelingt und wir Krankheiten verhindern, könnten wir bis Mitte des Jahrhunderts Krebs und Herztod eliminieren“, sagt sie. Bisher sind es allerdings vor allem Manager, die davon träumen dürfen und von ihren Unternehmen geschickt werden, und Spitzenathleten, für die jedes Krankheitsrisiko ein potentieller Kapitalausfall bedeutet.

          Wissenschaftliche Gesundheitsvorsorge als Einstieg für Eliten, das ist auch hierzulande durchaus möglich. Jedenfalls gab es schon immer diese Sorge. Tatsache ist, dass, wer Geld hat, leichter Krankheiten vorzubeugen vermag. Armut macht krank, das gehört zu den Binsenweisheiten. Im neuen Präventionsgesetz soll für die Vorsorge und Aufklärung jährlich eine halbe Milliarde - statt 200 Millionen bisher - ausgegeben werden, es geht um Bewusstseinsbildung in ganz unterschiedlichen Lebenswelten, etwa Schulen und Kindergärten, nicht mehr nur in Betrieben. Dort geht es um Ratschläge für die Lebensführung. Früher oder später allerdings werden wohl auch die großen Konzerne das Geschäftsmodell Unsterblichkeit für sich entdecken.

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