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Kinderbetreuung : Wo bleiben die guten Krippen?

  • -Aktualisiert am

Kinder liegen der Koalition am Herzen Bild: picture-alliance/ dpa

Die Verarbeitung von Trennungsängsten gelingt den Kleinen nicht immer. Erst allmählich wird klar, wie sich die Krippenbetreuung auf die Kinder auswirkt.

          Die Familienministerin nimmt ihr Kind mit ins Büro, es gibt dort schon einen Wickeltisch. Sie kümmert sich selbst und setzt daneben auf die Unterstützung der Großeltern. Frau Schröder bringt also ihr Kind nicht in die Krippe, deren Ausbau ihr als Politikerin so am Herzen liegt. Das ist verständlich, denn letztlich ist nicht ausgemacht, wie viel die frühe Erziehung außer Haus nützt oder schadet. Auf dem diesjährigen Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Bielefeld fiel die Bilanz eher ungünstig aus. Das zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse der Stressforschung, die Carola Bindt, Kinder- und Jugendpsychiaterin an der Universitätsklinik Hamburg, vorstellte. Was Kinder stresst, ist längst nicht offensichtlich. Schon Anna Freud hatte dokumentiert, dass im Krieg Lebensmittelknappheit und Bombenalarm von Kindern vergleichsweise wenig bedrohlich empfunden wurden - solange nur die wichtigsten Bezugspersonen in der Nähe waren. Erst das Auseinanderreißen von Familien, etwa auf der Flucht, löste schwere Traumata aus. Vor allem die Wucht psychischer Stressfaktoren könne nicht hoch genug eingeschätzt werden, betonte Bindt: "Sie resultiert aus der Angst vor sozialer Zurückweisung, die eben so spezifisch ist für den Menschen."

          Die Belastung der Kleinsten in der Frühbetreuung kann man messen, Auskunft gibt das Cortisol-Tagesprofil. Der Pegel des Stresshormons steigt bei Gesunden in einem charakteristischen Muster auf und ab. Bei achtzig Prozent der Kinder in der Tagesbetreuung - sie erleben täglich neu den Wechsel von zu Hause zur Einrichtung - ist dieses Muster anhaltend verändert, deren Spiegel steigen pathologisch bis zum Abend stetig an. Dieser Stresseffekt kann durch gute Betreuungsqualität abgeschwächt, aber nicht aufgehoben werden. Er ist umso klarer nachzuweisen, je jünger die Kinder sind. Spuren dieser Belastung sind nicht nur Monate, sondern selbst Jahre später auszumachen. Noch die Cortisollevel von Teenagern sind umso höher, je länger sie außerhalb der Familie betreut wurden. Dennoch macht die Krippe nicht zwangsläufig krank. Das liegt zum einen an der Resilienz des Einzelnen, seiner Widerstandsfähigkeit, erklärte Bindt, denn: "Ein gewisses Ausmaß an Stress schädigt nicht jeden. Milder Stress kann sogar entwicklungsfördernd sein."

          Das liegt zum anderen auch an Art und Umfang der Krippenerfahrung, denn die Spanne, was die Qualität der Betreuung und die Dauer der Unterbringung angeht, ist groß, entsprechend unterschiedlich sind die Folgen. Jay Belsky von der University of California in Davis war nach Bielefeld gekommen, um die Eckdaten seiner inzwischen berühmten, aber in Deutschland wenig beachteten Langzeitstudie vorzustellen. Er hatte sich als Antwort auf die von Ideologien geprägten "Krippenkriege" der siebziger und achtziger Jahre in den Vereinigten Staaten vorgenommen, hierzu eine methodisch möglichst unanfechtbare Studie in die Tat umzusetzen. 1364 Kinder wurden im Alter von einem Monat aufgenommen und regelmäßig untersucht, um an ihrem Schicksal die Auswirkungen der Kleinkindtagesbetreuung zu dokumentieren. 900 von ihnen standen immerhin noch im Alter von 15 Jahren für eine Beurteilung zur Verfügung. Geprüft wurde etwa, wie sich Quantität und Qualität der Betreuung im Alter von drei bis 54 Monaten auf die Kinder auswirkten. Eine hohe Betreuungsqualität, so fand man, lässt im Vergleich zu einer schlechten eine Verbesserung der geistig-kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten erwarten. Die Hoffnung, insbesondere Kindern aus schwierigen und bildungsfernen Familien somit durch langjährige Frühförderung eine bessere Ausgangsbasis vor dem Schulanfang zu verschaffen, trügt jedoch, denn die Dauer der Unterbringung in der Krippe trägt dazu nichts bei. Die Betroffenen haben im Gegenteil umso mehr andere Schwierigkeiten, je länger sie als Kleinkind in einer Gruppeneinrichtung verbrachten. Erzieher und Lehrer attestierten ihnen besonders häufig "Problemverhalten". Das wollten Befürworter einer frühkindlichen Gruppenbetreuung jedoch nicht gelten lassen. "Immer wieder habe ich zu hören bekommen, diese Kinder seien nur ein wenig unabhängiger, durchsetzungsfähiger", sagte Belsky. Aber solche Beschönigungen konnte sein Team widerlegen. Die Kinder waren nicht einfach nur schwierig, sie waren deutlich aggressiver, häufiger an Kämpfen beteiligt, fielen eher durch Gemeinheiten, Ungehorsam und Sachbeschädigung auf.

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