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Veröffentlicht: 12.10.2009, 16:20 Uhr

Kastratensänger Ein tiefer Schnitt für den Wohlklang

Übernatürlich hohe Stimmen waren im Barock beliebt. Den Part übernahmen Männer, die noch im Kindesalter unters Messer kamen: Kastraten. Ihr Gesang war engelsgleich, ihr Körper verstümmelt. Im 18. Jahrhundert wurden allein in Italien rund 500.000 Knaben entmannt. Das überlebten nicht alle von ihnen.

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Es war Ekstase! Begeisterung! Bezauberung! Nichts Geringeres als das diagnostizierte der englische Musikhistoriker Charles Burney beim Publikum einer Aufführung der Oper „Artaserse“. Es war im London des Jahres 1734, und der 29 Jahre alte Star des Abends begeisterte mit seiner messa di voce, dem An- und Abschwellen von Tönen, so, „dass man ihm völlig fünf Minuten klatschte“. Er bezauberte seine Zuhörer allein durch die Stärke, den Umfang und den wunderbaren Klang seiner Stimme, versuchte Burney, 1726 geboren, die Wirkung des Gesangs von Farinelli später zu erklären: „Obwohl er während des Singens bewegungslos wie eine Statue auf der Bühne stand, war seine Stimme lebendig.“

Sonja Kastilan Folgen:

Der Adel hofierte das Ausnahmetalent, man überhäufte ihn mit Geld und Pretiosen; der Prinz von Wales etwa schenkte diamantbesetzte Kniespangen, das wusste in London jeder. Damen fielen bei seinen Auftritten in Ohnmacht, einmal rief eine verzückt: „Es gibt einen Gott, und es gibt einen Farinelli.“ Und zumindest sein Ruhm ist seither unsterblich. Er ist der bekannteste Kastrat und seine Stimme bis heute ein Mythos, der Opernfans, Musikwissenschaftler, Sänger, Phoniater und Urologen gleichermaßen fasziniert. Die „lost cords“, die verlorenen Stimmbänder, sind auch nach dem Tod des letzten Kastratensängers, Alessandro Moreschi, das Thema von Fachartikeln. (Einen Eindruck von Moreschis Gesang bietet diese kurze Hörprobe.)

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Es lebe das Messerchen

Farinelli, mit bürgerlichem Namen Carlo Broschi, versetzte England in Hysterie, was seine Kollegen Nicolini, Senesino oder Carestini so nicht vermocht hatten und manche Zeitgenossen spotten ließ, es sei in der Tat lächerlich, eine ganze Nation in einem solchen Zustand der Betörung zu sehen. Sie konnten nicht ahnen, wie Medien heute die Massen verführen, wussten nichts von der weltweiten Beatlemania oder dem TV-Tanz um Michael Jacksons goldenen Sarg. Pomp, Dekadenz und Euphorie sind keine Privilegien des Barock, ebenso wenig die Verstümmelung des Körpers für den Schritt ins Rampenlicht. Superschlanke Modelfiguren und die faltenlosen Gesichter der Hollywoodstars bezeugen das. Plastische Chirurgie und Magersucht – darin erkennt die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli die Schattenseiten des Ruhms von heute: „Wir entstellen unsere Körper im Namen der Schönheit. Sicher, jetzt legen sich Erwachsene freiwillig unters Messer, damals zwang man Kinder, trotzdem gibt es Parallelen, und auch wir werden auf gewisse Weise von Moden manipuliert.“ Es lebe das Messerchen, jubelte einst das Publikum; niemand huldigt heute Skalpell und Botoxspritze – dabei wäre das nur konsequent. (Hier einige Hörproben von Cecilia Bartoli, die Kastratenarien singt)

Farinelli2 © picture-alliance / dpa Vergrößern Mateusz Kowalek verkörpert in dem Ballett „Evirato Divo-Farinelli” den 1705 in Apulien geborenen Carlo Broschi, der später als Kastrat unter dem Namen Farinelli als Sänger berühmt wurde

Zarte Engel verwandeln sich in Brummbären

Zur Blüte des Barocks dienten die Operationen vor allem der Oper. „Wunderbare Arien, von Händel, Scarlatti und anderen Komponisten für ganz bestimmte Kastratensänger ersonnen, entfalteten eine komplexe Schönheit, die auf Grausamkeit basiert“, beschreibt Bartoli die dunkle Seite der Musikgeschichte, die sie mit ihrer aktuellen CD „Sacrificium“ in Erinnerung rufen will. Ein schwieriges Projekt für die weibliche Physiologie, das von ihr nicht nur eine besondere Atemkontrolle verlangt. Cecilia Bartoli singt, abgesehen von drei Barock-Hits, längst vergessene Arien der gefeierten Gesangsstars „Diese Männer hatten einen wirklich hohen Preis für ihren Sopran oder Alt zu bezahlen, mit dem sie Helden, Königen und Göttern eine Stimme verliehen.“ Dank Kehlkopfakrobatik, Lungenvolumen und virtuosem Tirilieren feierten sie große Erfolge auf den europäischen Bühnen. Und das ließ Eltern einen ähnlichen Eingriff erwägen, mit der Kastration der eigenen Söhne erhofften sie sich Wohlstand und riskierten dafür deren Tod durch das Handwerk der Norcini, spezialisierter Bader.

Die Operation sollte den kindlichen Stimmapparat erhalten, verhindern, dass unter dem Einfluss der männlichen Geschlechtsdrüsen und Hormone ein echter Kerl mit Adamsapfel heranwächst. Sein Stimmbruch in der Pubertät würde den zarten Engel in einen Brummbären verwandeln und, noch schlimmer, die Investition seiner Ausbilder womöglich ganz vernichten. Das jahrelange Singtraining unter der Obhut eines Nicola Porpora etwa, der nicht nur Farinelli schulte, sollte mit ausgefeilter Technik im Belcanto münden und nicht mit der Testosteronflut sang- und klanglos untergehen.

Der idealisierte Lover dieser Zeit

Übernatürlich hohe Stimmen waren gewünscht und neue jugendliche Heldenfiguren – übertrieben barock nun in Form bartloser Riesenbuben. Die Suche nach dem Effekt machte damals weder vor der Gartengestaltung halt noch vor der spektakulären Deformation des Körpers. Der Kastrat sei aber keineswegs ein asexuelles Stimmwunder gewesen, sondern verkörperte vielmehr den idealisierten Lover dieser Zeit, glaubt der Musikwissenschaftler Roger Freitas von der Universität in Rochester. Rätselhafte Erotik als Teil des Erfolgsgeheimnisses, das kennt auch die Moderne. Aber, nun ja, als Liebesdienst ist das Handwerk der Norcini sicher nicht zu verstehen.

Norcia, Lecce und Bologna gelten als Zentren für das Geschäft mit dem Messerchen, das im Namen der Kunst und des Klerus florierte. Heimlich, denn für das Schicksal der Entmannten, der Evirati, machte man doch lieber einen Reitunfall oder den Biss einer wilden Gans verantwortlich, wenn die Tortur ohne Anästhesie und ohne Antibiotika überstanden war. Viele der Malträtierten verbluteten jedoch oder starben an Wundinfektionen.

Der irreversible Eingriff machte Sklaven gefügig

Man schuf nicht nur sanftmütige Ochsen oder Wallache: Für die Kastration eines Mannes finden sich quer durch Menschheitsgeschichte und Kulturen die unterschiedlichsten Gründe. Mal diente sie der Bestrafung von Feinden, Dieben oder Sexualstraftätern, mal einem religiösen Ritual wie beim Kybele-Kult oder bei den russischen Skopzen, christliche Fanatiker, die sich dem Verbot ihrer Sekte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts entziehen konnten und glühende Schürhaken für ihre Feuertaufe verwendeten.

Der irreversible Eingriff machte Sklaven gefügig, und Eunuchen waren nicht nur als Haremswächter im fernen Orient beliebt. In Istanbul fungierten die smarten als Lehrer, andere servierten Tee im Topkapi-Palast; in China dienten sie zu Tausenden der kaiserlichen Familie (einige noch bis 1923). Und natürlich schätzte man kastrierte Helfer im antiken Rom als Kämmerer oder Lustknaben. Dort gab es neben den „Spadones“ noch weitere Castrati: Man unterschied mit den Benennungen, ob die Hoden gequetscht, zerrissen oder samt Penis entfernt wurden.

Selbst Mediziner entdeckten manch Nutzen in der Hodenentfernung, die heute zum Beispiel eine Behandlung von Prostatakrebs unterstützen kann. Als Nebeneffekt erleben die Patienten Hitzewallungen wie Frauen in den Wechseljahren.

Kastration für den Gesang zur Ehre Gottes

Hippokrates empfahl die Operation bei Gicht, andere Ärzte der Antike glaubten, sie helfe gegen Epilepsie und Lepra. Im Mittelalter und noch lange darüber hinaus war die Kastration bei Leistenbrüchen üblich, wenn auch als zunehmend umstrittene Praxis. Die dafür notwendigen, äußerst unangenehmen Verfahren dokumentiert der Lindauer „Schnitt- und Augenarzt“ Caspar Stromayr in seiner medizinischen Handschrift aus dem Jahr 1559. Seine Zeichnungen in der „Practica copiosa von dem Rechten Grundt Deß Bruch Schnidts“ illustrieren das medizinische Knowhow der Zeit und lassen die Pein des Behandelten mehr als nur erahnen. Stricke, Messer und spezielle Scheren nahmen Stromayrs Ärzte zur Hand. Ähnlich gingen wohl die Bader vor, um bei unreifen Knaben tief ins empfindliche Gewebe einzuschneiden, die Samenstränge zu durchtrennen oder gleich den ganzen Hodensack zu entfernen. In den Genuss von betäubendem Opium, von dem historische Schriften erzählen, dürfte in Italien keiner der Knaben gekommen sein. Einige Berichte erwähnen heiße Bäder zur Vorbereitung, und Asche diente zur Desinfektion, in anderen drücken Bader auf die Halsschlagadern, und ihre Opfer sind dann immerhin nicht bei Bewusstsein – alles für den reinen Klang.

Schon bevor 1637 das erste öffentliche Opernhaus in Venedig entstand, beruhte der Wohlklang im italienischen Kirchenstaat auf einem frühen Schnitt im männlichen Schritt. Weil Frauen in Gotteshäusern nicht ihre Stimme erheben durften, mussten Knabenchöre die hohen Lagen übernehmen. Und als Ende des 16. Jahrhunderts weder sie noch die Falsettsänger genügten, triumphierte selbst in der Sixtinischen Kapelle die Chirurgie über die Natur: Allen Verboten zum Trotz billigte Papst Clemens VIII. die Kastration für den Gesang zur Ehre Gottes. Ein weniger nützliches Glied wurde für ein wertvolleres geopfert, der jungenhafte Kehlkopf sollte erhalten bleiben, so argumentierten Befürworter gar im Sinne des „öffentlichen Wohls“. Sie verhalfen damit einem Brauch der byzantinischen Kirchenmusik zu neuen Ehren.

Kultstatus erlangten nur wenige

Je populärer außerdem das Opernvergnügen und dramatischer die Darstellungen wurden, desto mehr ereiferte sich die Kirche über diese Sittenverderbnis und die Zurschaustellung von Frauen. Bis man Sängerinnen schließlich auch von der Bühne verbannte, ersetzt von Kastraten aus den Konservatorien in Neapel und Bologna. Allein im Italien des 18. Jahrhunderts wurden rund 500 000 Knaben kastriert. Wer überlebte und tatsächlich Talent bewies, sang im Kirchenchor, vor Fürsten und Kardinälen, andere tingelten durch Tavernen oder prostituierten sich. Kultstatus erlangten nur wenige. Als mit Velluti, der noch Rossini inspirierte, 1861 der letzte Opernkastrat starb, war seine Zunft längst aus der Mode.

Farinelli war dagegen ein Superstar zu Hochzeiten. Minutenlang konnte er einen Ton halten, seine Stimme umfasste mehr als drei Oktaven. Sie vereinte Kraft und Schmelz, sein Vortrag Zärtlichkeit, Anmut und Tempo, schrieb etwa Charles Burney. Ein schwedischer Zeitgenosse schwärmte von Oktavsprüngen wie Sternschnuppen und Kometen, er hörte ihn gar wie ein Seraph über der himmlischen Jakobsleiter des Wohlklangs schweben. Ein sehr irdischer Engel: Im Alter von etwa neun Jahren wurden ihm die Hoden entfernt, um seine Stimme zu konservieren und im Unterricht zu formen, bis er mit 15 erstmals vor Publikum sang.

Vor der Pubertät waren die Folgen immens

Mangels Testosteron, das hauptsächlich im Hoden und nur gering in der Nebennierenrinde gebildet wird, hatte sich der Knabe anders als normale Altersgenossen entwickelt. „Der Kehlkopf blieb kindlich klein, die Stimmlippen sind nicht gewachsen“, erklärt Christian von Deuster eine typische Folge. Der Würzburger Stimm- und Sprecharzt nennt dieses historische Beispiel einer Hormonstörung in seinen Vorlesungen und erwähnt, dass der Sänger eine Passage von 150 Noten auf einer Silbe in einem Atemzug singen konnte und dazu eine ungeheure Lautstärke besessen hatte. Aber auch für den Frankfurter Urologen Martin Hatzinger sind Kastratensänger ein interessantes Thema: „Entscheidend für die Einflüsse auf den Körper ist der Zeitpunkt, zu dem die Hoden entfernt wurden.“ Geschah es wie bei Farinelli vor der Pubertät, waren die Folgen immens. Es blieb nicht nur der Kehlkopf samt Stimmbändern und Stimmritze als Miniatur erhalten, sondern ebenfals der Penis. Im Gegensatz dazu erreichten Arm- und Beinknochen ungewöhnliche Längen, der Rumpf erschien unproportional kurz: Von solcher Missgestalt zeugen viele Karikaturen. Auch von Bartwuchs und Schambehaarung konnte wohl kaum die Rede sein, immerhin mussten die Sänger nicht um ihr Haupthaar fürchten: ohne Testosteronflut kein kahler Kopf.

Und die Potenz? „Das käme auf den Eingriff an, aber in jedem Fall war sie schwächer“, sagt der Urologe. Damit nicht genug gestraft, setzten die hochgewachsenen Männer mit den Jahren Fett an, das ihnen die Hüften weiblich rundete und gar Brüste formte. Diese Art der Veränderung stellte der deutsche Anatom Ferdinand Weiland selbst bei abgemagerten, älteren Eunuchen fest, die er 1930 in Peking betrachten konnte. Nur wenige der insgesamt 31 Untersuchten hatte man vor der Pubertät kastriert, die Mehrzahl ließ sich erst danach entmannen, komplett, um in den Dienst des Kaisers einzutreten. Tödliche Komplikationen waren hier offenbar selten, dennoch nahmen die Männer für eine Anstellung viel in Kauf. Nach 100 Tagen der Wundheilung blieb zwischen ihren Beinen nur eine Narbe zurück – und ein Inkontinenzproblem. Die Stimme klang bei den meisten „in keiner Weise auffallend“, notierte Wagenseil. „Und nur ein einziges Mal deutlich hoch und hell.“ Aber singen musste der kaiserliche Eunuche nicht.

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