http://www.faz.net/-gwz-766q9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 31.01.2013, 14:08 Uhr

Jeder fünfte Student nimmt Pillen Hirndoping boomt an Universitäten

Jeder fünfte deutsche Student nutzt künstliche Mittel zur Leistungsförderung. Das zeigt die bisher größte und aussagekräftigste Studie von Mainzer Wissenschaftlern und Medizinern.

von
© dpa Hilft das Neuro-Enhancement nur bei der Defizitbehebung?

Hirndoping ist an Universitäten offenbar viel weiter verbreitet als gedacht.  Im Schnitt nimmt jeder fünfte Student  zumindest phasenweise Pillen,  die dafür sorgen sollen, dass er sich besser konzentrieren kann oder beim Lernen nachts länger durchhält.  Dazu gehören Koffein-Tabletten zum Aufputschen, aber prinzipiell auch harte verschreibungspflichtige Mittel -  beispielsweise Stimmungsaufheller und Arzneien zur Behandlung  seelischer Leiden wie Ritalin gegen das  ADHS-Hyperaktivitätssyndrom, Modafinil gegen Schläfrigkeit, Alzheimer-Medikamente sowie  Amphetamine wie Mephedron oder illegale  Drogen. 

Joachim  Müller-Jung Folgen:

In der Fachzeitschrift „Pharmacotherapy“ (Bd.33, S.44) präsentieren Mainzer Wissenschaftler die Ergebnisse der bisher umfangreichsten und aussagekräftigsten Hochschulstudie zum Thema  Leistungssteigerung durch „Neuro-Enhancement“.

Nicht so schlimm wie in Amerika, dachten viele

Jahrelang waren die meisten Experten davon ausgegangen, dass der Anteil an Schülern, Studenten und Wissenschaftlern, die ihre kognitiven Leistungen mit Hilfe von Pharmasubstanzen zu verbessern versuchen, hierzulande kaum über drei bis fünf Prozent liege. So lauteten jedenfalls die Ergebnisse einiger weniger anonymer Online-Befragungen und Fragebogenaktionen. Selbst nachdem im Jahr 2008 die renommierte britische Zeitschrift „Nature“ nach einer anonymen Umfrage unter ihren Lesern – vornehmlich Naturwissenschaftlern – von einem Anteil von 20 Prozent berichtet hatte, waren viele immer noch nicht überzeugt, dass an deutschen Hochschulen ähnliche Verhältnisse eingekehrt sein könnten wie bekanntermaßen an amerikanischen Universitäten. Eine Online-Befragung von 3000 Büroangestellten ein Jahr später verstärkte diese Auffassung noch. Nur fünf Prozent gaben in der Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenkasse an, mindestens einmal im Leben auf psychostimulierende Substanzen zurück gegriffen zu haben.

Mehr zum Thema

Doch schon eine kleinere Erhebung mit 512 Universitätsstudenten in Mainz vor zwei Jahren hatte  gezeigt, dass zumindest die Koffein-Tabletten auf dem Campus geschätzt werden. Von den hierzulande lediglich in Apotheken erhältlichen, hochdosierten Tabletten sollte man nie mehr als eine schlucken, oft nur eine halbe je nach Dosierung. Viele Nutzer jedoch nehmen, wie die einschlägigen Foren im Internet zeigen, schnell mal drei oder mehr am Tag. Mehr als zehn Prozent der befragten Mainzer Studenten hatte angegeben, mindestens schon einmal eine Koffein-Tablette probiert zu haben. Bei 3,8 Prozent lag die Einnahme nicht einmal ein Jahr zurück.

19195604 © Martinos Center for Biomedical Imaging, Randy Buckner Vergrößern Das menschliche Gehirn: Sichtbar gemacht sind hier Nervenbahnen der weißen Hirnsubstanz, die verschiedene Regionen verknüpfen.


Nach dieser Erfahrung ließen die  Mainzer Sportwissenschaftler und Psychiater um Klaus Lieb und Simon Perikles, die seit Jahren Daten über Doping sammeln, nicht nach. Im Gegenteil. Mit einer  noch größeren und methodisch moderneren, zuverlässigeren Fragetechnik hakte ihr Team um Pavel Dietz und Rolf Ulrich nun bei 2834 Studenten in verschiedenen Fakultäten nach.  Mit bemerkenswertem Erfolg – und einer ersten Überraschung:  Denn die allermeisten Befragten antworteten anders als früher. In den 2569 zurückgesandten und 2557 ausgewerteten Fragebögen  gaben in der neuen Studie exakt 20 Prozent an, in den zurückliegenden zwölf Monaten mindestens einmal Hirnstimulantien verwendet zu haben. Lediglich drei Prozent gaben an, die Psychopharmaka wegen psychiatrischer Störungen vom Art verschrieben zu bekommen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Umfrage in Berlin Viele Flüchtlinge bejahen rechtspopulistische Einstellungen

Eine neue Studie gibt interessante Einblicke in die Weltbilder von Flüchtlingen: Eine große Mehrheit befürwortet demnach Demokratie und Meinungsfreiheit. Zugleich wünschen sie sich aber einen starken Führer - und ähneln damit AfD-Wählern. Mehr

15.08.2016, 15:26 Uhr | Politik
Demonstrationen in Lima Straßenschlachten zwischen Studenten und Polizei in Peru

Fliegende Steine auf der einen, Tränengas und Gummigeschossen auf der anderen Seite - als peruanische Studenten in der Hauptstadt gegen Korruption an Universitäten demonstrierten, kam es zu Straßenkämpfen mit der Polizei. Mehr

09.08.2016, 15:07 Uhr | Gesellschaft
Schicker Eismann Ötzi - der Ur-Designer aus den Alpen

Wie waren die Kleider und die Requisiten der italienisch-österreichischen Gletschermumie einst beschaffen? Genanalysen liefern neue Erkenntnisse. Mehr Von Miray Caliskan

19.08.2016, 12:27 Uhr | Wissen
Technik Ein Roboter spielt Tischfußball

Mithilfe eines gläsernen Bodens und einer Kamera gewinnt ein Computer im Tischfußball gegen einen Menschen. Und wer hat es erfunden? Genau: Schweizer Studenten. Mehr

19.08.2016, 18:42 Uhr | Wissen
Neue Studie So viel Zucker steckt in Erfrischungsgetränken

Die meisten Softgetränke in Deutschland sind überzuckert. Vor allem ein Hersteller übertreibt es. Der Urheber der Studie fordert nun Konsequenzen. Mehr Von Christoph Strauch

24.08.2016, 22:02 Uhr | Gesellschaft