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Veröffentlicht: 09.02.2016, 10:38 Uhr

Gesundheit Kaffee - was tust du mir an?

Die Deutschen lieben ihren Kaffee. Trotz zahlreicher Studien ist unklar, wie der Bohnensud auf den Körper wirkt. Über den Versuch, herauszufinden, ob Kaffee schädlich oder gesund ist.

von Laura Armbruster
© Getty „Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank.“ Dieses Lied aus der Zeit um 1800 wird in den Kindergärten heute nur noch selten gesungen, was aber eher weniger an der unsicheren Datenlage zu der darin aufgestellten medizinischen Behauptung liegt.

Wenn ein Lebensmittel auf den Markt kommt, muss es getestet werden. Dafür ist seit jeher die Obrigkeit zuständig, und so gab der schwedische König Gustav III. (1746 bis 1792) eine Art klinische Studie in Auftrag, die erste in seinem Land: Um die Wirkung des seit dem siebzehnten Jahrhundert in Westeuropa immer beliebter gewordenen Kaffeekonsums auf den menschlichen Körper zu ergründen, begnadigte er zum Tode verurteilte eineiige Zwillinge, die sich dafür der Forschung zur Verfügung stellen mussten: Einer von ihnen trank von nun an täglich Kaffee, der andere Tee - observiert von einer Gruppe von Medizinern.

Inzwischen sind die Versuchsanordnungen zwar andere, aber die große Frage nach dem Nutzen oder Schaden des Kaffees scheint die biomedizinische Forschung zu beschäftigen wie nur wenige andere: Allein seit dem Jahr 2000 erschienen mehr als 1,7 Millionen wissenschaftliche Publikationen zum Stichwort Kaffee. Sein bekanntester Inhaltsstoff, das Koffein, hat es sogar zu einer eigenen Fachzeitschrift gebracht, dem Journal of Caffeine Research. Trotzdem ranken sich noch immer zahlreiche Mythen um das Heißgetränk. Gibt man der Suchmaschine Google den Satzanfang „Kaffee macht“ vor, werden zur Vervollständigung wahlweise „müde“, „wach“, „krank“ oder „schön“ vorgeschlagen. Ein widersprüchliches Bild wird da geboten, das sich beim Blick auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien noch verstärkt: kaum ein Befund, der nicht andernorts angezweifelt würde.

Koffein geht nicht nur durch den Magen

Einigkeit besteht immerhin darüber, welchen Weg das Koffein durch den Körper nimmt. Es wird, vom Magen-Darm-Trakt ausgehend, schnell ins Blut aufgenommen, wobei ihm seine fettlöslichen Eigenschaften helfen. Als lipophiles („fettliebendes“) Molekül kann es biologische Membranen recht einfach überwinden. So gelangt das Koffein auch durch die Blut-Hirn-Schranke. Die Fettlöslichkeit des Koffeins führt auch dazu, dass es nur zu einem geringen Anteil in unveränderter Form ausgeschieden wird. Denn was mit dem Urin aus dem Körper gespült werden soll, muss im Gegenteil möglichst wasserlöslich sein. Deshalb modifizieren Enzyme in der Leber das Koffein zunächst in mehreren Schritten, um seine Wasserlöslichkeit zu erhöhen. Dann kann es über die Nieren ausgeschieden werden.

Wie das Koffein auf diesem Weg das menschliche Befinden beeinflusst, ist schon nicht mehr so einfach zu klären. Koffein ist mittlerweile Bestandteil zahlreicher Medikamente. Das Kopfschmerzmittel Thomapyrin zum Beispiel enthält zusätzlich zu zwei schmerzstillenden Wirkstoffen auch noch Koffein. Das soll die Wirksamkeit des Medikaments nach Angaben der Hersteller um bis zu 70 Prozent steigern. Und in Kinderkliniken wird Frühchen vor Operationen mit Vollnarkose Koffein verabreicht, um die Schlagkraft des Herzens zu erhöhen und die Sauerstoffversorgung zu verbessern. Heißt das also, Koffein - und damit schließlich auch Kaffee - ist gesund?

Allheilmittel Kaffee?

Bei moderatem Konsum soll Kaffee das Risiko senken, an Diabetes Typ 2, Leberkrebs oder Parkinson zu erkranken. Wissenschaftler der Harvard School of Public Health wollen sogar herausgefunden haben, dass Kaffeetrinker länger leben. Für ihre im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie analysierten die Forscher die Daten von über 200 000 Probanden aus verschiedenen Studien. Demnach war das Risiko, innerhalb des Beobachtungszeitraums zu sterben, für Kaffeetrinker, statistisch gesehen, geringer. Allerdings nur, wenn sie ihren Konsum auf unter fünf Tassen pro Tag beschränkten.

Wer beweisen möchte, dass Kaffee gesund ist, kann sich also auf zahlreiche Studien berufen. Das gilt allerdings auch für die Kaffee-Skeptiker: Sie verweisen auf Untersuchungen, die zeigen, wie Kaffee den Blutdruck in die Höhe treibt, so dass das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung steigt. Sogar mit Krebs wird Kaffee in Verbindung gebracht, denn beim Rösten der Bohnen bei hohen Temperaturen entsteht Acrylamid. Die Chemikalie wurde in der EU-Chemikalienverordnung REACH als „besonders besorgniserregend“ eingeordnet, weil sie erbgutschädigend sein soll.

Was den Kaffee und seinen Einfluss auf die Gesundheit angeht, ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen, sieht man einmal von der Efsa ab, der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, die eine Menge von 400 mg Koffein täglich als Obergrenze empfiehlt.

Müde Geister werden munter - oder auch schläfrig

Aber auch sonst ist die Wirkung des Koffeins keineswegs unumstritten - nicht einmal, wenn es um die Frage geht, ob Kaffee uns so wach hält, wie wir eigentlich glauben. Eine 2002 in Sleep Medicine veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass koffeinhaltiger Kaffee tatsächlich die Einschlafzeit der Probanden verlängerte. Insgesamt schliefen die betreffenden Studienteilnehmer weniger und zudem schlechter als die Probanden, die entkoffeinierten Kaffee tranken. Aber auch da widersprechen andere Untersuchungen, denn eine Gruppe fällt aus dem Rahmen: die Senioren. Gerade älteren Menschen kann eine Tasse Kaffee sogar beim Einschlafen helfen. Ihr Gehirn ist oft schlecht durchblutet, was zu Schlafstörungen führen kann. Das Koffein bewirkt eine Erweiterung der Blutgefäße und verschafft den Senioren eine angenehme Nachtruhe.

Hinsichtlich des leistungssteigernden Effekts, den viele Kaffeefreunde ihrem Lieblingsgetränk zuschreiben, scheint die Datenlage klarer. Die Experten von der Efsa halten es für gesichert, dass bereits eine Dosis von 75 mg Koffein die Aufmerksamkeit erhöht. Das entspricht - je nach Zubereitungsart - ein bis zwei Tassen Kaffee. Die Welt-Anti-Doping-Agentur führt Koffein zwar nicht mehr auf ihrer Liste der verbotenen Substanzen, aber in ihr Monitoring-Programm 2016 hat sie Koffein trotzdem aufgenommen: als Stimulanz, dessen Missbrauch im Sport überwacht werden soll.

Wissenschaftler der Universität Bristol warnen allerdings davor, sich vor langen Autofahrten auf Kaffee als Muntermacher zu verlassen. Ihre Untersuchungen zeigen, dass das belebende Koffein entgegen den Erkenntnissen früherer Studien nicht zu einer Erhöhung der Aufmerksamkeit und zur Verbesserung des Fahrverhaltens beiträgt. Den britischen Kaffeeforschern zufolge machten Fahrer mit ihrem Kaffeekonsum nämlich nur die Entzugserscheinungen wieder wett, unter denen sie litten. Womit das Thema Abhängigkeit in den Blick kommt.

Alltagsdroge aus der Tasse

Eine regelrechte Kaffeesucht wird zahlreichen historischen Persönlichkeiten nachgesagt, darunter etwa dem Schriftsteller Honoré de Balzac oder dem Mathematiker Alfréd Rényi, von dem der Ausspruch überliefert ist: „Ein Mathematiker ist eine Maschine, die Kaffee in Sätze verwandelt.“

Tatsächlich kann man sich an das Koffein im Kaffee gewöhnen. Auch wenn dessen Wirkung oft subjektiv ist, lässt sich diese Gewöhnung an objektiv messbaren Größen wie zum Beispiel dem Blutdruck nachweisen: Bei manchen Menschen kommt es kurz nach dem Kaffeekonsum zu einer Erhöhung des Blutdrucks, die bis zu einer halben Stunde anhält. Daher rührt auch die weitverbreitete Vermutung, Kaffee könnte Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen.

Trinken die Betroffenen jedoch zwei bis drei Wochen lang regelmäßig Kaffee, fallen die Blutdruckerhöhungen bereits deutlich geringer aus oder verschwinden sogar ganz. Damit wäre für die Pharmazeutische Zeitung auch das Thema Kaffee und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vom Tisch.

Auf Entzug

Die Kaffee-Skeptiker beruhigt das nicht. Sie horchen auf, wenn es um den Gewöhnungseffekt geht und wittern eben die Gefahr der Kaffeesucht. Tatsächlich beschreiben zahlreiche Studien, wie der Kaffee-Entzug Probanden körperlich zusetzt. Von Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit und sogar Angstzuständen ist dort die Rede. Andere Untersuchungen weisen aber darauf hin, dass beim Kaffeegenuss völlig andere Hirnareale aktiviert werden als beim Missbrauch von Drogen. Die Pharmazeutische Zeitung etwa schrieb 2007, dass Koffein und sein Abbauprodukt Theophyllin im Körper mit dem Signalmolekül Adenosin konkurrierten und so dessen Rezeptor blockierten. Suchterregende Stoffe dagegen würden typischerweise die Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin fördern. Deshalb habe Kaffee ein äußerst niedriges Suchtpotential.

Eine 2013 im Journal of Caffeine Research veröffentlichte Studie widerspricht allerdings dieser Einschätzung und weist darauf hin, dass Koffein indirekt durchaus die Dopaminausschüttung fördere, indem es die dämpfende Wirkung des Adenosins blockiere.

Auch Tierversuche bringen keine Klarheit

Macht Kaffee nun süchtig oder nicht? Auch Tierversuche scheinen in dieser Frage nicht weiterzuhelfen. Will man testen, ob eine Substanz abhängig macht, verabreicht man diese gerne Laborratten. Nach einem bestimmten Zeitraum stellt man die Ratten vor die Wahl. Sie werden nicht mehr zur Einnahme gezwungen, können sich das Koffein aber selbst zuführen. Tun sie das, liegt ein Indiz für Suchtgefahr vor. Im Fall von Koffein liefern solche Experimente widersprüchliche Ergebnisse. In der einen Studie scheinen die Ratten nicht mehr vom Koffein lassen zu können, in der anderen kommen sie mühelos ohne den Stoff aus.

Trotz all der Unklarheiten, was die Wirkung des Koffeins betrifft, steht eines immerhin fest: Wie stark diese Wirkung jeweils ausfällt, hängt auch vom Konsumenten ab. Denn der Körper baut Koffein mit Hilfe des Enzyms CYP1A2 ab, und wenn ein Kaffeetrinker eine besonders leistungsstarke Variante dieses Enzyms besitzt, dann kann er Koffein schneller abbauen, und die Wirkung des Kaffees hält entsprechend kürzer an.

Abgesehen von diesen körperlichen Faktoren, besitzt die Wirkung von Kaffee aber offenkundig auch eine psychosoziale Komponente. So verstärkt oder dämpft die Erwartungshaltung der Konsumenten und ihre bisherige Erfahrung mit Koffein dessen Wirkung. Wer sich morgens müde aus dem Bett kämpft und die Lebensgeister mit einem Espresso zu wecken sucht, dem wird das höchstwahrscheinlich gelingen - wenn er fest genug daran glaubt. Und wer Angst hat, nachts kein Auge zuzutun, weil er abends eine Tasse Kaffee getrunken hat, wird in der Konsequenz vermutlich Schwierigkeiten haben, einzuschlafen. Und hat man einmal die Erfahrung gemacht, dass die eigenen Erwartungen bestätigt wurden, schließt sich der Kreis.

Renaissance des Filterkaffees

Solche Erfahrungen machen viele, weil Kaffee längst zum Volksgetränk geworden ist - durchschnittlich 162 Liter trank jeder Deutsche davon im Jahr 2014. Nach Angaben des Deutschen Kaffeeverbandes können da nicht einmal Wasser (143 Liter) und Bier (107 Liter) mithalten. Ihren Ursprung hat diese Entwicklung in den 1950er Jahren, als der Bohnenkaffee in Deutschland erschwinglich wurde und die Supermärkte erreichte. In den 1980ern breitete sich dann die italienische Espressokultur in Deutschland aus, und mittlerweile kann man eine dritte Welle beobachten: die Renaissance des Filterkaffees.

Für die Verfechter der Vollautomaten und Pads, die den schnellen Genuss auf Knopfdruck schätzen, mag das überraschend klingen. Das Statistische Bundesamt jedenfalls ermittelte, dass im Jahr 2014 knapp 85 Prozent der deutschen Haushalte mit mindestens einer Kaffeemaschine ausgestattet waren. Am häufigsten war mit 62 Prozent tatsächlich die Filtermaschine anzutreffen. „Als ich mit dem Kaffeetrinken angefangen habe, war Filterkaffee kein Thema. Die Qualität, die Filterkaffee heute bietet, war damals unbezahlbar“, erinnert sich Mathias Stalter, der kürzlich in Frankfurt am Main eine Kaffeebar eröffnet hat.

Viel Aroma, aber bitte ohne Gerbstoffe

Aber vielleicht spielt bei der Wiederbelebung des Filterkaffees außer dem Geschmack auch das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher eine Rolle. Denn vielen Kaffeetrinkern wurde schmerzhaft bewusst, dass die Kaffeebohne nicht nur schmackhafte Aromastoffe enthält. „Wenn man Kaffee aufbrüht, werden zuerst die Säuren aus der Bohne extrahiert“, sagt Stalter. „Darauf folgen die Aromastoffe und als Letztes gelangen die Gerb- und Bitterstoffe in das Wasser. Wir wollen, dass möglichst viele Aromastoffe ins Wasser übergehen, ohne dass diese Substanzen mit extrahiert werden.“ Eine Tasse guten Filterkaffees enthält daher davon weniger als eine mit Automatenkaffee - und ist deswegen bekömmlicher, denn besagte Gerb- und Bitterstoffe können die Magenschleimhaut angreifen.

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Ob das Kaffeetrinken bei dem von König Gustav begnadigten Gefangenen solche Folgen hatte, ist leider nicht überliefert. Auch die Auswirkungen des Teetrinkens auf die Gesundheit seines Bruders sind im Detail nicht bekannt. Immerhin überlebten die beiden ehemals Todgeweihten nicht nur die Mediziner, die sie überwachten, sondern auch ihren König: Gustav III. wurde 1792 auf einem Maskenball ermordet.

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