http://www.faz.net/-gwz-74619

Interview mit Michael de Ridder : Sterben gehört nicht ins Krankenhaus

  • Aktualisiert am

Das neue Vivantes-Hospiz auf dem Gelände des Wenckebach-Klinikums Bild: Monique Wuestenhagen

Der Notfallmediziner Michael de Ridder leitet das neugegründete Hospiz des kommunalen Krankenhausunternehmens Vivantes in Berlin. Im Interview erklärt er, worum es am Lebensende geht: um umfassende Symptomlinderung zum einen, vor allem aber um Gespräche und die großen Fragen des Lebens.

          Herr de Ridder, Sie haben sich öffentlich immer wieder dafür eingesetzt, dem Sterbeprozess und seiner Gestaltung mehr Aufmerksamkeit und mehr Ressourcen zukommen zu lassen und die Patientenautonomie gerade im Hinblick auf das Lebensende ernst zu nehmen. Wie konnten Sie mit Ihren Vorstellungen mitwirken an der Gestaltung des ersten Vivantes-Hospizes?

          Ich war in alle Aspekte der Gründung und Planung des Hospizes, die auch die künstlerische Ausgestaltung des denkmalgeschützten Gebäudes durch den namhaften Künstler Anton Henning umfasste, eingebunden. Primär aber geht es um das Versorgungs- und Pflegekonzept: Neben bester medizinischer und pflegerischer Versorgung sind für uns Wunsch und Wille des Patienten, seine Hoffnungen und Erwartungen, soweit er sie noch auszudrücken vermag, Dreh- und Angelpunkt unserer Arbeit. Nicht wenige Menschen wollen am Lebensende jedoch am liebsten all ihr eigenes Wollen „abgeben“ und sich völlig in die Obhut anderer begeben. Auch das nehmen wir an und erfüllen es so gut wie möglich: Achtsamkeit, Respekt und Herzenswärme - diese drei Säulen tragen die Arbeit unseres Hospizes.

          In Ihrer Eröffnungsrede sagten Sie, dass Sie sich wünschen, das neue Hospiz stoße auch eine allgemeine Debatte an. Wo steht die Debatte über die Betreuung Sterbender derzeit?

          Man kann derzeit feststellen, dass neben dem kurativen Auftrag der Medizin auch ihr palliativer Auftrag zunehmend ernst genommen wird: Palliativmedizin ist ärztliches Prüfungsfach geworden, wir haben mehr Palliativstationen, wir haben mehr Ärzte mit der Zusatzausbildung Palliativmedizin, die Hospizbewegung ist dabei, einen großen Aufschwung zu nehmen. Von der Gesellschaft selbst wird das Anliegen einer besseren Versorgung am Lebensende immer vernehmlicher formuliert. Von daher gerät die kurative Medizin unter einen gewissen Druck, im Übrigen natürlich nicht zuletzt durch den demographischen Wandel. Wir werden künftig eine wachsende Zahl Schwerstkranker und chronisch Kranker sowie Pflegebedürftiger zu versorgen haben. Für diese Menschen - und die Krebskranken machen nur einen kleinen Teil von ihnen aus - gilt der palliative Auftrag. Wenn wir ihn wirklich ernst nehmen, werden wir den Pflegeberuf aufwerten müssen, was primär eine Aufgabe der Politik ist. Das bedeutet auch, dass es künftig eine Verschiebung der Ressourcen wird geben müssen, personell wie finanziell, weg von der Akutmedizin - die an Bedeutung verlieren wird - und hin zu einer palliativ orientierten Medizin.

          Wie viele Plätze hat das Vivantes-Hospiz für solche schwerkranken Patienten am Lebensende?

          Sechzehn Plätze sind von den Kostenträgern vorgeschrieben, und das ist richtig so. Der intime Charakter, den solche Einrichtungen haben sollten, ginge sonst verloren.

          Michael de Ridder
          Michael de Ridder : Bild: Lüdecke, Matthias

          Wo liegt der Unterschied zwischen einem Hospiz wie dem, was Sie in Berlin gerade eröffnet haben, und Palliativstationen an Krankenhäusern?

          Weitere Themen

          Kinder düsen in den OP-Saal Video-Seite öffnen

          Krankenhausprojekt : Kinder düsen in den OP-Saal

          In einem Krankenhaus in San Diego können die jüngsten Patienten nun mit einem kleinen Auto in den Operationssaal fahren. Dabei haben sie bei der Wahl ihres Fahrzeugs sogar etwas Auswahl.

          Die Zukunft wird schlauer

          Künstliche Intelligenz : Die Zukunft wird schlauer

          Künstliche Intelligenz ist heute schon ein Riesenthema. In Zukunft trägt sie dazu bei, dass jeder für wenig Geld studieren kann, die medizinische Versorgung exzellent wird – und irgendwann Mensch und Computer verschmelzen.

          Topmeldungen

          Wird bald die erste Jamaika-Koalition auf Bundesebene Deutschland regieren?

          Mögliche Koalitionsoptionen : Keiner will nach Jamaika

          Jamaika, Schwarz-Gelb oder doch wieder eine große Koalition? In der Theorie gibt es nach der Wahl verschiedene Möglichkeiten der Regierungsbildung für Angela Merkel. Aber welches Bündnis ist wie wahrscheinlich?
          „Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen.“ Doch begründet das auch ein Recht auf Einreise?

          Einwanderung : Fremde in unserer Mitte

          Jetzt sind sie da, die Migranten. Es kommen noch mehr. Da wird man doch grundsätzlich werden dürfen: Wen wollen wir reinlassen? Und wie viel Assimilation verlangen wir?
          Der iranische Parlamentspräsident Ali Laridschani wirft Donald Trump vor, in seiner Rede vor den UN viele Lügen verbreitet zu haben.

          Iranischer Parlamentspräsident : „Trump verfolgt Goebbels-Doktrin“

          Mit Trumps Überlegungen, das Atomabkommen mit Iran zu kündigen, hat sich der Konflikt zwischen beiden Ländern zugespitzt. Der iranische Parlamentspräsident Laridschani wirft dem amerikanischen Präsidenten nun vor, Lügen zu verbreiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.