http://www.faz.net/-gwz-74619
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 10.11.2012, 07:00 Uhr

Interview mit Michael de Ridder Sterben gehört nicht ins Krankenhaus

Der Notfallmediziner Michael de Ridder leitet das neugegründete Hospiz des kommunalen Krankenhausunternehmens Vivantes in Berlin. Im Interview erklärt er, worum es am Lebensende geht: um umfassende Symptomlinderung zum einen, vor allem aber um Gespräche und die großen Fragen des Lebens.

© Monique Wuestenhagen Das neue Vivantes-Hospiz auf dem Gelände des Wenckebach-Klinikums

Herr de Ridder, Sie haben sich öffentlich immer wieder dafür eingesetzt, dem Sterbeprozess und seiner Gestaltung mehr Aufmerksamkeit und mehr Ressourcen zukommen zu lassen und die Patientenautonomie gerade im Hinblick auf das Lebensende ernst zu nehmen. Wie konnten Sie mit Ihren Vorstellungen mitwirken an der Gestaltung des ersten Vivantes-Hospizes?

Ich war in alle Aspekte der Gründung und Planung des Hospizes, die auch die künstlerische Ausgestaltung des denkmalgeschützten Gebäudes durch den namhaften Künstler Anton Henning umfasste, eingebunden. Primär aber geht es um das Versorgungs- und Pflegekonzept: Neben bester medizinischer und pflegerischer Versorgung sind für uns Wunsch und Wille des Patienten, seine Hoffnungen und Erwartungen, soweit er sie noch auszudrücken vermag, Dreh- und Angelpunkt unserer Arbeit. Nicht wenige Menschen wollen am Lebensende jedoch am liebsten all ihr eigenes Wollen „abgeben“ und sich völlig in die Obhut anderer begeben. Auch das nehmen wir an und erfüllen es so gut wie möglich: Achtsamkeit, Respekt und Herzenswärme - diese drei Säulen tragen die Arbeit unseres Hospizes.

In Ihrer Eröffnungsrede sagten Sie, dass Sie sich wünschen, das neue Hospiz stoße auch eine allgemeine Debatte an. Wo steht die Debatte über die Betreuung Sterbender derzeit?

Man kann derzeit feststellen, dass neben dem kurativen Auftrag der Medizin auch ihr palliativer Auftrag zunehmend ernst genommen wird: Palliativmedizin ist ärztliches Prüfungsfach geworden, wir haben mehr Palliativstationen, wir haben mehr Ärzte mit der Zusatzausbildung Palliativmedizin, die Hospizbewegung ist dabei, einen großen Aufschwung zu nehmen. Von der Gesellschaft selbst wird das Anliegen einer besseren Versorgung am Lebensende immer vernehmlicher formuliert. Von daher gerät die kurative Medizin unter einen gewissen Druck, im Übrigen natürlich nicht zuletzt durch den demographischen Wandel. Wir werden künftig eine wachsende Zahl Schwerstkranker und chronisch Kranker sowie Pflegebedürftiger zu versorgen haben. Für diese Menschen - und die Krebskranken machen nur einen kleinen Teil von ihnen aus - gilt der palliative Auftrag. Wenn wir ihn wirklich ernst nehmen, werden wir den Pflegeberuf aufwerten müssen, was primär eine Aufgabe der Politik ist. Das bedeutet auch, dass es künftig eine Verschiebung der Ressourcen wird geben müssen, personell wie finanziell, weg von der Akutmedizin - die an Bedeutung verlieren wird - und hin zu einer palliativ orientierten Medizin.

Wie viele Plätze hat das Vivantes-Hospiz für solche schwerkranken Patienten am Lebensende?

Sechzehn Plätze sind von den Kostenträgern vorgeschrieben, und das ist richtig so. Der intime Charakter, den solche Einrichtungen haben sollten, ginge sonst verloren.

Dr. Michael de Ridder - Der Chefarzt der Rettungsstelle im Vivantes-Klinikum in Berlin ist ein Experte für Hospize und beantwortet die Fragen von Christina Hucklenbroich in der Berliner F.A.Z.-Redaktion © Lüdecke, Matthias Vergrößern Michael de Ridder

Wo liegt der Unterschied zwischen einem Hospiz wie dem, was Sie in Berlin gerade eröffnet haben, und Palliativstationen an Krankenhäusern?

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hospiz Ein Haus für Reisende auf einem langen Weg

In einer Berliner Villa wird Todkranken viel Zeit und Zuwendung entgegengebracht. Eine Pflegerin begleitet diese außergewöhnlichen Lebensphasen. Mehr Von Neele Schiffler, Lilienthal-Gymnasium, Berlin

19.08.2016, 12:44 Uhr | Gesellschaft
Flüchtlingskrise Gestrandet an der ungarischen Grenze

Flüchtlinge, die über Serbien nach Ungarn kommen, können nur in einem sogenannten Transitbereich Asyl beantragen. Wochenlang warten sie davor - ohne ausreichend Nahrung, ärztliche Versorgung und in notdürftigen Zelten. Mehr

27.08.2016, 20:00 Uhr | Politik
Hospiz Noch einmal ein Pferd streicheln

Im Hospiz St. Peter geht es um ein gutes und würdevolles Leben bis zuletzt. Die Wünsche der Todkranken stehen im Mittelpunkt des Oldenburger Hauses. Mehr Von Sarah Griesoph, Albertus- Magnus-Gymnasium, Friesoythe

19.08.2016, 12:51 Uhr | Gesellschaft
Italien Tod und Zerstörung im Erdbebengebiet

Nach dem schweren Erdbeben steht im Zentrum von Amatrice kaum ein Stein mehr auf dem anderen. Doch die Anwohner hier haben zunächst andere Sorgen. Über 280 Menschen haben ihr Leben verloren und weitere werden noch unter den Trümmern vermutet. Amatrice, so der Bürgermeister des Ortes, sei nicht mehr zu retten. Alles müsse abgerissen und neu aufgebaut werden. Mehr

27.08.2016, 10:30 Uhr | Gesellschaft
Spiritualität Richtige Worte zu drängenden Fragen suchen

Ein Schweizer Professor lehrt Spiritualität für angehende Mediziner. Denn nicht nur die Studenten sind mit drängenden Fragen oft allein gelassen. Mehr Von Christiane Palm, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

19.08.2016, 12:38 Uhr | Gesellschaft