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Veröffentlicht: 11.05.2017, 14:00 Uhr

Volkskrankheit Zucker So lässt sich Diabetes therapieren

Dank neuer Medikamente sterben heute weniger Patienten an Diabetes. Doch nicht jede Arznei hat den gewünschten Effekt. Und die Ärzte haben noch einen anderen Grund zur Sorge.

von Stephan Sahm
© dpa Diagnose Diabetes: Welche Therapieansätze helfen weiter?

Bei der Behandlung des Diabetes mellitus ist die Korrektur des Blutzuckers nur ein vordergründiges Ziel. Vielmehr kommt es darauf an, die Schäden an großen und kleinen Blutgefäßen zu verhindern. Deren Verkalkung führt zu Herzinfarkten und Schlaganfällen, zu Schädigungen der Netzhaut und Nierenversagen. Die Güte der Behandlung misst sich daran, wie es gelingt, dies zu verhindern.

Längst nicht alle für die Therapie zugelassenen Medikamente wirken in diesem Sinne nachhaltig. Doch gibt es gute Nachrichten. Die Sterblichkeit von Diabetikern ist gesunken, diese erkranken seltener an Herz und Kreislauf. Das ist das Ergebnis einer jüngst publizierten großen epidemiologischen Untersuchung, die Wissenschaftler in Schweden angestellt haben . Sie beobachteten die Zeit zwischen 1998 bis 2014. Bei Patienten mit dem als Typ 2 bezeichneten Diabetes beobachteten die Ärzte zudem seltener Störungen des Herz-Kreislauf-Systems, sie mussten auch seltener im Krankenhaus behandelt werden.

Diabetesforscher sind gebrannte Kinder

Welchen Anteil die moderne Diabetesbehandlung an dieser erfreulichen Entwicklung hat, ist unklar. Grund genug für Experten, sich im Rahmen des Kongresses der deutschen Internisten, der in der vergangenen Woche in Mannheim zu Ende ging, mit der Behandlung der Zuckerkrankheit und ihren Effekten auf Organsysteme näher zu befassen. Diabetesforscher sind gebrannte Kinder. Manche der vielversprechenden neuen Medikamente haben sie enttäuscht. Mal stellte sich heraus, dass trotz Senkung des Blutzuckerspiegels Organschäden, etwa am Kreislaufsystem, nicht verhindert wurden, oder es wurden sogar vermehrt Kreislaufattacken beobachtet.

Für eines der neuen Medikamente konnte kürzlich ein günstiger Langzeiteffekt auf das Herz-Kreislauf-System nachgewiesen werden. Es handelt sich um den Stoff Empagliflozin. Er gehört zur Gruppe der sogenannten SGLT-2-Hemmstoffe. Die hemmen die Rückresorption von Glucose aus dem in der Niere gebildeten Primärharn. Zuckermoleküle werden dann vermehrt im Urin ausgeschieden, der Spiegel im Blut sinkt. Vermutlich wirkt nicht nur Empagliflozin so nachhaltig. Es handelt sich wohl eher um einen Effekt der Substanzklasse, wie die Diabetesspezialistin Young Hee Lee-Barkey aus Bad Oeynhausen berichtete. Das lässt hoffen, dass andere SGLT-2-Hemmer ebenso günstig wirken. Allerdings stehen langfristige Beobachtungen noch aus.

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Wie schwierig es ist, die langfristigen Effekte einer neuen Substanz einzuschätzen, zeigt die Diskussion über die Stoffe vom Typ der DPP-4-Hemmer. Sie sind in der Therapie besonders beliebt, weil die Patienten nicht der Gefahr einer Unterzuckerung ausgesetzt sind. Unter Wissenschaftlern haben Resultate der Savor-Timi-Studie für Aufregung gesorgt. Patienten, die mit einem Vertreter der Stoffgruppe, dem Saxagliptin, behandelt wurden, mussten häufiger wegen Herzattacken im Krankenhaus behandelt werden. Gleichzeitig hatte das Medikament aber einen günstigen Effekt auf die Niere. Die Studie hatte eine wissenschaftliche Debatte ausgelöst.

Untersuchung der Netzhaut ist wichtig

Im Wortsinne besonderes Augenmerk sollten Ärzte auf die Schädigung der Netzhaut bei den Patienten legen, meinte Hans-Peter Hammes aus Mannheim. Untersuchungen des Auges sollten erfolgen, weil frühe Stadien der Augenschädigung vom Patienten oft gar nicht wahrgenommen werden. Eindrücklich verlangte Hammes, dass die Untersuchung der Netzhaut immer mit „weitgetropften“ Augen erfolgen muss. Andernfalls können wichtige Befunde übersehen werden. Bei den Patienten ist dies unbeliebt. Die pharmakologische Weitstellung hält einige Stunden an. Die Betroffenen dürfen so lange kein Auto steuern und bedürfen der Begleitung auf dem Nachhauseweg.

Auch die Früherkennung und Vorbeugung waren wichtige Konferenzthemen. Diabetes beginnt mit der Verfettung der Leber, wie Elke Roeb aus Gießen darstellte. Die verfetteten Leberzellen reagieren in der Art einer Entzündung. Sie geben Zytokine an die Umgebung ab. Es wird eine Kaskade immunologischer Reaktionen in Gang gesetzt. Die Sternzellen der Leber, die zum Abwehrsystem gehören, werden aktiviert. So führt die Verfettung zur Fettleberentzündung. In dieser Phase gilt es gegenzusteuern. Denn das Risiko von Personen mit Fettleberentzündung, im Verlauf der nächsten Jahre einen Diabetes zu entwickeln, ist deutlich erhöht. Ebenso die Gefahr, dass sich ein Leberzelltumor entwickelt.

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Noch stehen keine Medikamente zur Behandlung der Fettleber zur Verfügung. Doch sind körperliche Bewegung, die Reduktion von Kalorien und Einstellung des Fettstoffwechsels hilfreich. Bereits eine halbe Stunde Bewegung am Tag vermindert das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Und dann hilft, wie in mehreren Studien gezeigt, eine gute Tasse Kaffee. Besser zwei oder drei am Tag, wie Elke Roeb betonte.

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