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Veröffentlicht: 06.08.2016, 09:57 Uhr

Homöopathie Die Zeit des Gegeneinanders ist vorbei


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    Was von der Homöopathie-Kritik übrig bleibt, wenn man sie systematisch prüft, ist die sogenannte "Ein-Argument-Methode": Sie fokussiert auf die Tatsache, dass ein Teil der homöopathischen Arzneimittel, die Ärzte verwenden, im Herstellungsverfahren und der damit verbundenen Potenzierung stark verdünnt werden. Da es allerdings den heutigen Erkenntnissen der konventionellen Pharmakologie komplett widerspricht, dass ein Arzneimittel mit niedriger werdender Dosis eine stärkere Wirkung entfalten kann, ziehen Kritiker den Schluss, dass eine Wirksamkeit der Homöopathie ausgeschlossen sei. Homöopathische Ärzte wissen von Beginn ihrer Weiterbildung an, dass sie teilweise mit Arzneimitteln arbeiten, in denen die ursprüngliche Wirksubstanz nicht mehr nachweisbar ist (Hochpotenzen). Die Schlussfolgerung der homöopathischen Ärzte ist, dass es sich bei der Homöopathie um eine "Informationstherapie" handelt, bei der die Wirksamkeit des Arzneimittels nach dem Prozess der Potenzierung und der damit verbundenen Verdünnung nur noch indirekt von der Wirksubstanz abhängt. Viele Experimente in der Grundlagenforschung, die beispielsweise die Wirkung von Hochpotenzen auf Pflanzen untersuchten, zeigen, dass Hochpotenzen unterschiedliche Effekte auslösen. Der Schweizer Physiker Stefan Baumgartner vom Institut für Integrative Medizin der Universität Witten/Herdecke, der selbst zum Thema forscht, fasst die Situation so zusammen: "In der Grundlagenforschung finden sich viele qualitativ hochwertige Studien, die spezifische Wirkungen auch für Hochpotenzen beobachten, darunter auch unabhängig replizierte experimentelle Modelle. Zum Wirkmechanismus homöopathischer Arzneimittel gibt es erste empirische Hinweise, aber noch keine ausgereifte Theorie."

Das alte Dogma ist ein Fehler

    Die Kritiker ziehen dagegen einen anderen Schluss. Sie betrachten die heutigen Erkenntnisse der konventionellen Pharmakologie als eine Art Dogma. Für sie ist es undenkbar, dass eine Hochpotenz einen selbstregulativen und damit heilenden Effekt bei einem kranken Menschen auslösen kann. Homöopathische Ärzte sind in ihren Augen "Lügner". Von diesem einen Argument ausgehend, wird dann weiter behauptet, dass es deshalb gar keine positiven Studien geben könne, die eine Wirksamkeit der Homöopathie über einen Placebo-Effekt hinaus belegen. Schließlich sei in Hochpotenzen "nichts drin". Der große Erfolg der Homöopathie ist ihnen ein Dorn im Auge, weil wirksame Hochpotenzen ihrem vermeintlich rational-materialistischen Weltbild widersprechen. Die Erforschung der Homöopathie solle gestoppt werden, heißt es. Unisono wird diese Melodie von Kritikern heute gespielt, von ebenjenen Kritikern, die früher behaupteten, die homöopathischen Ärzte sperrten sich gegen die Erforschung ihrer Heilmethode. Fakt ist: Heute setzen sich homöopathische Ärzte für die Forschung ein, auch mit eigenen Mitteln, soweit es ihnen möglich ist. Kritiker fordern mittlerweile das Verbot.

    Letztlich geht es homöopathischen Ärzten allerdings nicht um ein Gegeneinander, sondern um ein Miteinander der Methoden. Durch die Homöopathie entstehen neue Therapieoptionen bei der Behandlung von akuten bis hin zu schweren chronischen Erkrankungen. Dabei ist die ärztliche Homöopathie selbstverständlich kein Allheilmittel: Bei jedem erkrankten Patienten entscheidet der Arzt individuell, ob er die Homöopathie alternativ oder ergänzend zur konventionellen Medizin einsetzt - oder eben gar nicht. Die konventionelle Diagnostik ist stets Teil der Behandlung.

Die Autorin

Cornelia Bajic ist Erste Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, gegründet 1829 in Köthen. Sie arbeitet als homöopathische Ärztin, Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin in Remscheid.

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