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Veröffentlicht: 08.10.2013, 11:14 Uhr

Homöopathie Alternativheiler für die Krisengebiete?

Die „Homöopathen ohne Grenzen“ wollen die Ärzteorganisation nachahmen und stoßen in Katastrophenregionen vor. Ein neuer Krieg um Quacksalberei droht.

von Martina Lenzen-Schulte
© Dieter Rüchel Ein Fläschchen mit Globuli

Das ‚British Medical Journal‘ sollte erschossen werden“, schreibt Laurie Willberg am 20. September in einem von vielen aufgebrachten Kommentaren. Wessen hat sich eine der weltweit besten Medizinfachredaktionen schuldig gemacht, dass dies derart heftige Tiraden evoziert? Es geht um Homöopathie, genauer um einen Artikel von David Shaw von der Universität Basel, der in der britischen Fachzeitschrift die jüngsten Aktivitäten der

„Homöopathen ohne Grenzen“ gerügt hatte. Shaw vertritt in diesem eindeutig als Meinungsartikel gekennzeichneten Beitrag die Auffassung, dass die Arbeit homöopathischer Heiler etwa in Katastrophenregionen wie Haiti oder auf dem afrikanischen Kontinent eher gesundheitlichen Schaden anrichten könnte, als dass sie hilfreich wäre (doi: 10.1136/bmj.f5448).

Dieser Text wurde auf der Website www.minnpost.com in einem Blog von Susan Perry referiert. Perry belegt die Hinweise von Shaw zusätzlich mit Zitaten von der Website der Nordamerikasektion der „Homeopaths Without Borders“, auf der von kaum nachvollziehbaren Heilungen berichtet wird. So habe man einem drei Jahre alten Jungen mit trockenem Husten und einer Erkrankung der Harnwege, der in den Armen der Mutter lag, mit Phosphorus 200C im Handumdrehen geholfen: Während noch Mutter und Schwester nach ihren eigenen Beschwerden befragt wurden, sei er bereits lachend wieder umhergelaufen.

Homöpathie bei schwierigen Geburtsverläufen?

Infolge der Kritik an der mangelnden wissenschaftlichen Überprüfbarkeit solch spektakulärer Erfolge flogen die Fetzen – und virtuell die Kugeln – wie so oft im Schlagabtausch zwischen Homöopathie und Schulmedizin. Shaw ist gelernter Bioethiker und hat mehrere kritische Arbeiten zur mangelhaften Wissenschaftlichkeit homöopathischer Studien und zu deren Verwendung als Beweis für die Wirksamkeit homöopathischer Arzneien veröffentlicht. „Man hatte mich auf ein Symposion der ,Homöopathen ohne Grenzen‘ nach Berlin eingeladen, an dem ich jedoch nicht teilnahm. Es war aber für mich der Anlass, mich mit der Tätigkeit von Homöopathen in anderen Teilen der Welt auseinanderzusetzen“, nennt Shaw die Begründung für seine Recherche. Er zeigte sich schockiert von Behauptungen auf der Website der Bewegung, dass etwa in Kenia die Homöopathie bei schwierigen Geburtsverläufen Leben retten konnte.

Weitere Einsätze in ehemaligen Kriegs- und Katastrophengebieten zeigen Shaws Ansicht nach, dass man versuche, „einen Fuß in die Tür zu bekommen in jenen Regionen, in denen zuvor keine Homöopathie praktiziert wurde“. Er rügt die neben der deutschen Sektion ebenfalls starke nordamerikanische Abteilung der „Homeopaths Without Borders“ dafür, dass sie die Ära nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti ausgenutzt habe, um im Rahmen humanitärer Hilfe nicht nur die Homöopathie zu praktizieren, sondern auch örtliche Hilfskräfte dafür zu gewinnen und auszubilden. „Die Ähnlichkeit der Namensgebung mit der angesehenen Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ („Médecins Sans Frontières“) ist mehr als auffällig“, moniert Shaw. Dass sich viele darüber ärgern, zeigt die inzwischen kursierende Bezeichnung „Médecins Sans Médecines“ für die global agierenden Homöopathen (www.bmj.com/content/347/bmj.f5448? tab=responses).

„Westliche Quacksalberei“

Shaw steht mit seinem Appell keineswegs allein da. Pharmakologen der Universitäten in Utrecht und Amsterdam in den Niederlanden warnen ebenfalls davor, „westliche Quacksalberei“ nach Afrika zu exportieren, die dann dort lokale, bewährte traditionelle Heilmethoden verdrängte („Tropical Medicine and International Health“ Bd.18, S.242). Anlass für ihre Warnung war der erste panafrikanische Homöopathiekongress im Mai 2012. Die niederländischen Wissenschaftler nennen es impertinent und schamlos, dass auf einschlägigen Internetseiten der Vereinigung „Homeopathy for Health in Africa“ behauptet wird, man könne Aids und Malaria mittels Homöopathie heilen. So weit versteigt sich die deutsche Sektion der „Homöopathen ohne Grenzen“ ganz offensichtlich nicht und stellt auf ihrer Website (http://www.homoeopathenohnegrenzen. de/) aus „gegebenem Anlass“ klar: „Im Falle von HIV-Infektionen fehlt bis heute der wissenschaftliche Nachweis einer Wirksamkeit homöopathischer Therapie.“

Was die öffentliche und finanzielle Unterstützung angeht, befinden sich die deutschen Homöopathen nach wie vor – verglichen mit ihren Mitstreitern in Großbritannien – in einer ungleich komfortableren Position. Die deutsche Techniker Krankenkasse zahlt beispielsweise seit dem Jahr 2012 ihren Kunden auch homöopathische Therapien und wirbt mit diesem Service. Der „Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte“ begrüßte seinerzeit diese Entscheidung, nicht zuletzt adelt die Kostenübernahme durch eine Krankenkasse eine Therapie als nützlich. Auch davor warnt Shaw, der sich mit anderen seit Jahren dafür starkmacht, dass diese Therapieformen nicht auch noch die Unterstützung des Britischen Gesundheitsfonds, des National Health Service (NHS), erhalten. Damit ist es seit dem Jahr 2009 nicht mehr so weit her. Denn seinerzeit hatte das Wissenschafts- und Technikkomitee des Britischen Parlamentes sich über die wissenschaftliche Evidenz homöopathischer Verfahren kundig gemacht. „Unethisch, unzuverlässig und sinnlos“ lauteten die Fachurteile seinerzeit. Der zunehmende Skeptizismus auf der Insel hat erst in jüngster Zeit wieder Folgen gezeitigt: Die zweitgrößte schottische Abteilung des NHS (Lothian) finanziert in Zukunft keine homöopathischen Therapien mehr – sie beruft sich bei ihrer Entscheidung ausdrücklich darauf, dass 72 Prozent der Bevölkerung der Region dies begrüßen („The Scotsman“ vom 27. Juni 2013). Das macht verständlich, warum auch in der Homöopathie globale Märkte an Attraktion gewinnen.

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