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Veröffentlicht: 17.02.2017, 13:54 Uhr

Homöopathie Kügelchen? Njet!

Die Russische Akademie der Wissenschaften warnt vor Homöopathie. Wie kommt es gerade in Russland zu dieser bemerkenswerten Stellungnahme? Eine Glosse.

von Martina Lenzen-Schulte
© dpa Zwiebeltürme statt Zwiebelextrakt - Die Russische Akademie der Wissenschaften brandmarkt Homöopathie.

Die Nachricht lässt einen aufhorchen: In einem Memorandum brandmarkt die Russische Akademie der Wissenschaften die Homöopathie als Pseudowissenschaft. Sie soll sogar eingedämmt werden. Das Memorandum wurde von mehr als 30 Forschern und Ärzten unterzeichnet, sie bitten das Gesundheitsministerium darum, auf den Einsatz von Homöopathika in Kliniken zu verzichten. Beim Verkauf in Apotheken soll auf den mangelnden Wirksamkeitsnachweis hingewiesen werden. Eine wirklich bemerkenswerte Stellungnahme. Das russische Gesundheitssystem ist marode, die Kranken sind schon mit der Schulmedizin schlecht versorgt. Da ist eine Aktion, die den Patienten eine weitere Hoffnung nimmt, weit mutiger als andernorts.

Und: Die Attacke tut auch der Wirtschaft weh. Im vergangenen Jahr wurden für mehr als hundert Millionen Euro homöopathische Mittelchen in Russland verkauft. Zu siebzig Prozent werden diese in Russland hergestellt. Können die Russen als Vorbild dienen? In europäischen Staaten sind Lippenbekenntnisse zur evidenzbasierten Medizin jedenfalls seit langem üblich, nur traut sich hier keiner der Verantwortlichen, die Homöopathie so frontal anzugehen. Vor wenigen Monaten, immerhin, fragte die britische BBC, warum in Gottes Namen der öffentliche Gesundheitsdienst NHS die Homöopathie überhaupt noch finanziere, wo doch die Belege für deren Wirksamkeit gewaltige Qualitätsmängel aufwiesen. Man echauffiert sich, nennt die Homöopathie eine „historische Anomalie“, aber Geld gibt es nach wie vor dafür - auch von deutschen gesetzlichen Krankenkassen.

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Dass die russische Akademie-Empfehlung allerdings politisch keineswegs so heroisch sein muss, wie es auf den ersten Blick aussieht, zeigt ein Blick auf das Gebaren der Akademie-Kommission. Im Jahr 1998 war sie für den Kampf gegen Pseudowissenschaftliches eingerichtet worden. Viele Mittel gab es dafür nicht. Ein Ehrenamt. Stattdessen wurde zuletzt eine halbe Million Euro für den Aufbau einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit investiert. Das Homöopathie-Memorandum war deshalb auch eine willkommene Gelegenheit, die eigene Arbeit zu rechtfertigen und endlich Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das zumindest ist gelungen, die Reaktion in Russland jedenfalls war gewaltig. Wo immer man ins Wespennest Homöopathie sticht, man stößt auf Abgründe, nicht nur auf wissenschaftliche.

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