http://www.faz.net/-gwz-76ax2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.02.2013, 17:00 Uhr

Herzmedikamente Digitalis und die Risiken

Ein altes Herzmittel verliert seinen Ruf: Digitalispräparate, aus Fingerhut gewonnen, führen möglicherweise zu einer erhöhten Sterblichkeit.

von Nicola von Lutterotti
© AP Der wollige Fingerhut wird als Arzneipflanze angebaut

Das Herzmittel Digitalis und seine Verwandten, die Herzglykoside, geraten zunehmend in die Kritik. Aus Fingerhutgewächsen (Digitalis) gewonnen, spielten die den Puls verlangsamenden und das schwache Herz stärkenden Naturstoffe

in der Kardiologie lange Zeit eine wichtige Rolle. Inzwischen verwendet man sie fast nur noch zur Behandlung von Patienten mit Vorhofflimmern - einer vor allem im Alter verbreiteten Herzrhythmusstörung, die vielfach unangenehmes Herzstolpern und Herzrasen hervorruft. Auch diese letzte therapeutische Bastion könnten sie aber schon bald verlieren. Denn wie aus einer Analyse amerikanischer Wissenschaftler hervorgeht, führen die alten Herzmittel möglicherweise zu einer erhöhten Sterblichkeit der Betroffenen.

Bei ihren Untersuchungen stützten sich der Kardiologe Matthew Whitbeck von der University of Kentucky und Kollegen auf die Daten einer bereits abgeschlossenen Studie mit dem Kürzel Affirm. Die darin einbezogenen Probanden, insgesamt 4060 Männer und Frauen mit Vorhofflimmern, waren alle mit den den Herzrhythmus verlangsamenden oder stabilisierenden Mitteln behandelt worden. Rund siebzig Prozent von ihnen hatten hierzu unter anderem das Herzglykosid Digoxin erhalten, die Übrigen nicht.

Vierzig Prozent mehr Todesfälle

Innerhalb von durchschnittlich dreieinhalb Jahren erlagen dann knapp 670 Patienten einem schweren Leiden. Wie die Studienautoren im „European Heart Journal“ (doi: 10.1093/eurheartj/ehs348) berichten, hatten auffallend viele der Verstorbenen zuvor Digoxin eingenommen: In dieser Gruppe ereigneten sich vierzig Prozent mehr Todesfälle als im anderen Kollektiv - unabhängig vom Gesundheitszustand der Betroffenen und anderen die Lebenserwartung beeinflussenden Faktoren. Erhöht war dabei insbesondere das Risiko, an Herzkreislaufattacken und Entgleisungen des Herztakts zu sterben.

Andere Todesursachen kamen demgegenüber nicht häufiger vor. Was die erhöhte Sterblichkeit der mit Digoxin behandelten Personen genau verursacht hat - das Herzglykosid selbst oder ein anderer, von den Autoren übersehener Einflussfaktor - lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Denn rückwirkend vorgenommene Analysen wie jene der amerikanischen Forscher erlauben keine Aussagen über kausale Zusammenhänge. Der Kardiologe Erland Erdmann von der Universität zu Köln hält es dennoch für ratsam, bei der Verordnung von Herzglykosiden in Zukunft noch mehr Vorsicht walten zu lassen als bisher. Wirksam angehen könne man einen zu raschen Herzschlag auch mit anderen Medikamenten, darunter Betablockern und bestimmten Kalziumantagonisten.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
ACE-Hemmer Blutdrucksenker mit Zusatznutzen

Gute Nachricht für Herzpatienten: ACE-Hemmer und Angiotensin-Antagonisten schützen den Taktgeber besser als andere blutdrucksenkende Mittel. Mehr Von Nicola von Lutterotti

16.07.2016, 09:00 Uhr | Wissen
Amoklauf in München Neue Informationen zum Täter veröffentlicht

Die Polizei hat neue Hinweise zum Amokläufer von München bekanntgegeben. Der mutmaßliche Attentäter sei wegen einer depressiven Erkrankung in ärztlicher Behandlungen gewesen. Außerdem sei bei seiner Leiche ein Rucksack mit 300 Schuss Munition gefunden worden. Mehr

23.07.2016, 16:49 Uhr | Gesellschaft
Risiko Fettleibigkeit Leben Dicke wirklich länger?

Jahrelang hielt sich die Mär, dass dickleibige Personen bessere Überlebensaussichten hätten als schlankere. Doch legen Sie Ihren Nutella-Löffel besser weg: Denn ein Forscherteam hat sich die Daten nochmal genau angesehen. Mehr Von Nicola von Lutterotti

25.07.2016, 20:18 Uhr | Wissen
Terrorangst Sicherheit füllt die Auftragsbücher

Absolute Sicherheit gibt es nicht. Das haben die Terroranschläge von Paris, Brüssel und Istanbul deutlich gemacht. Forschungsinstitute versuchen nun mit neuen Geräten die Sicherheit zu erhöhen. Mehr

02.07.2016, 02:00 Uhr | Wirtschaft
Olympia Kommt der Russen-Deal vor Gericht?

Eine russische Schwimmerin und zwei Ruderer wollen gegen ihren Ausschluss von Olympia klagen. Die Aussichten auf Erfolg stehen gar nicht schlecht. Mehr Von Evi Simeoni

27.07.2016, 08:29 Uhr | Sport