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Veröffentlicht: 03.04.2017, 09:42 Uhr

Haarausfall Soll die Glatze Schicksal sein?

Im „Tatort“ wird Professor Boernes Haarausfall mittels Tinktur bekämpft. Tatsächlich gibt es ein wirksames Präparat. Doch es ist umstritten.

von Andreas Frey
© dpa Sic transtit virorum splendor: Genetisch bedingter Haarausfall im finalen Stadium.

In der heutigen „Tatort“-Folge trifft es Karl-Friedrich Boerne. Der eitle Rechtsmediziner entdeckt kahle Stellen am Hinterkopf und fragt sich nun, wie sich das aufhalten lässt. Damit ist er nicht allein. Siebzig bis achtzig Prozent der deutschen Männer leiden unter androgenetischer Alopezie, genetisch bedingtem Haarausfall, der nach dem sogenannten Hamilton-Norwood-Schema in sieben Stadien verläuft. Nach erstem Zurückweichen des Haaransatzes bilden sich Geheimratsecken, die bald bis über die Ohren reichen oder zu denen sich Verluste am Scheitel gesellen. Dann lichtet es sich vorne und hinten - oder nur vorne, aber dafür dort stärker -, bis der Kahlschlag an beiden Stellen unübersehbar wird und die Lichtungen verschmelzen. Am Ende bleibt nur ein schmaler Kranz. Auch Frauen kann ein genetisch bedingter Haarausfall ereilen, der sich bei ihnen dann aber vom Mittelscheitel ausgehend ausbreitet.

Auch wenn die Alopezie selbst keine Krankheit ist, kratzt sie doch am Selbstwertgefühl und kann im Extremfall Depressionen auslösen. Volles Haar wird eben mit der in unserer Kultur so geschätzten Jugendlichkeit assoziiert. Haarwuchsmittel sind daher ein Milliardengeschäft. Drogerien bieten regalweise Shampoos gegen Kahlheit an und das Internet allerlei Gelees und Dragees. Alles Quacksalberei. Auch Boerne wird im „Tatort“ nun auf ein angeblich bahnbrechendes Mittel aufmerksam. Es stammt von einer Münsteraner Wissenschaftlerin, bei der er seine Jagdprüfung ablegen muss. Er schwatzt ihr ein Fläschchen der Wundertinktur ab. Unterdessen taucht bei Kommissar Thiel eine junge Frau mit schlumpfblauen Haaren auf, die sich als seine Tochter ausgibt. Nebenbei wird ein Enthüllungsjournalist umgebracht. Der Fall wird immer haarsträubender.

Vom Medikament zum Lifestyle-Produkt

Als tatsächlich wirksam gelten heute lediglich zwei Präparate: Minoxidil und Finasterid. Minoxidil ist eigentlich ein Blutdrucksenker, dessen den Haarwuchs stabilisierende Wirkung sich in den achtziger Jahren herausstellte. Es hilft beiden Geschlechtern, ist allerdings nicht ganz billig – und der Effekt geht nach dem Absetzen wieder verloren. Finasterid hat seit den späten Neunzigern ebenfalls doppelt Karriere gemacht, zunächst als Mittel gegen Prostatavergrößerung (Proscar), dann als Lifestyle-Produkt (Propecia). Es wirkt bei neun von zehn Männern, solange das Haar noch nicht ausgefallen ist. Seine hohe Wirksamkeit erzielt es, indem es das Problem bei der Wurzel packt.

Denn die rund hunderttausend Haare eines Menschen sind in winzigen Taschen verankert, den Follikeln. Jeder Follikel durchläuft einen wenige Jahre dauernden Zyklus des Wachsens und Ausfallens, weshalb Verluste bis zu hundert Haaren pro Tag völlig normal sind. Je nach Veranlagung und Alter werden die Haarwurzeln allerdings sensibel gegen das männliche Hormon Dihydrotestosteron, dessen Bildung Finasterid hemmt. Das Präparat greift also in den Hormonhaushalt ein. Trotzdem schlucken es täglich Hunderttausende Männer – unter ihnen Donald Trump, wie sein Arzt laut Presseberichten im Februar ausplauderte.

Mit vermutlich bleibenden Nebenwirkungen

Womöglich aber mit gravierenden Folgen. Denn nach aktuellen Erkenntnissen könnte die regelmäßige Einnahme von Finasterid irreversible Effekte haben, von Potenzstörungen über Libidoverlust bis hin zu Depressionen. Die neueste Studie stammt von der Feinberg School of Medicine in Chicago und erfasst beinahe 12.000 Nutzer des Mittels. Demnach litten 167 Männer (1,4 Prozent) von ihnen unter einer erektilen Dysfunktion – und zwar mit einer umso größeren Wahrscheinlichkeit, je länger sie den Wirkstoff eingenommen hatten.

Schon sind an amerikanischen Gerichten Hunderte von Klagen anhängig. Vor fünf Jahren formierte sich sogar eine eigene Organisation, die das Präparat bekämpft. Auf ihrer Homepage zählt sie neben sexuellen Funktionsstörungen auch neurologische und psychische Nebenwirkungen auf: Muskelschwund, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, aber auch Schlaflosigkeit, Depression und Angstzustände. Dass Finasterid nicht ohne Nebenwirkungen ist, war schon länger bekannt, wenn auch auf manche, etwa Depressionen, im Beipackzettel nicht explizit hingewiesen wird. Relativ neu ist die Erkenntnis, dass manche dieser unerwünschten Wirkungen womöglich dauerhaft zurückbleiben. 

Hoher Leidensdruck vor allem bei jungen Männern

Betroffene mit Konzentrationsstörungen und Depressionen gibt es auch in Deutschland, wie die Welt am Sonntag“ vor zwei Wochen berichtete. Das für die Zulassung zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bestätigt gegenüber dieser Zeitung Dutzende Verdachtsfälle hierzulande, darunter 17 Fälle von Depression, 28 Fälle sexueller Störungen und 170 Fälle sonstiger unerwünschter Wirkungen. Allerdings weist Pressesprecher Maik Pommer darauf hin, dass die Gefahr anhaltender Störungen den Ärzten mitgeteilt wurde und im Beipackzettel verzeichnet ist. Doch sollte das Medikament für den Lifestyle-Gebrauch überhaupt zugelassen sein? Da möchte sich Pommer trotz Nachfragens nicht festlegen. Seine Behörde werde den Fall weiter prüfen. Die Fachzeitschrift „Der Arzneimittelbrief“ hingegen hat sich indes bereits vor drei Jahren positioniert. „Wir raten generell von diesem ‚Kosmetikum‘ mit erheblichen potentiell endokrinen Nebenwirkungen ab“, schreiben die Autoren. „Propecia hätte nicht zugelassen werden dürfen, und die Zulassung sollte möglichst bald widerrufen werden.“

Der Berliner Dermatologe Andreas Finner findet die Situation sehr schwierig. Die Arbeit aus Chicago zeige, dass es sich bei den berichteten Fällen um ein großes Problem für einen kleinen Prozentsatz von Männern handele, die Langzeitfolgen davontragen. „Solange wir noch das Minoxidil haben, sollten wir deshalb nicht unkritisch Finasterid verschreiben.“ Allerdings hält Finner Minoxidil für weniger wirksam, vor allem bei jungen Männern. Und er begegnet in seiner Praxis zuweilen Patienten unter großem Leidensdruck, die sich infolge ihres Haarausfalls sozial abkapseln. Soll man wegen weniger Negativfälle das Mittel also vom Markt nehmen, zumal ein kausaler Zusammenhang mit den Nebenwirkungen keineswegs eindeutig ist? Da bleibe nur, die Patienten schonungslos aufzuklären.

Wer unsicher ist, sollte das Mittel absetzen

Aufklärung und professionelle Kontrolle nennt auch der Züricher Dermatologe Ralph Trüeb als Maßnahme gegen die wachsende Unsicherheit. Der frühere Leiter der Haarsprechstunde am Universitätsspital ist in seiner Praxis in zwanzig Jahren noch keinem Fall von „Post-Finasterid-Syndrom“ begegnet, sagt er. Allerdings würde er das Mittel keinem verschreiben, der schon einmal an Depressionen gelitten hat. Er selbst wird das Präparat jedenfalls weiterhin einsetzen. „Dass ein Medikament für eine kosmetische Indikation zwanzig Jahre lang den Weltmarkt überlebt hat, will bereits etwas heißen.“

Hans Wolff schließlich, der an der LMU München seit 24 Jahren Patienten mit Haarausfall berät, ist vom Thema schwer genervt. „Viele Berichte entstammen keinen wissenschaftlich korrekten Untersuchungen“, sagt er. „Beim Post-Finasterid-Syndrom scheint in Amerika eine kollektive Hysterie ausgebrochen zu sein“. Auch in der aktuellen Studie aus Chicago sieht er Mängel, da es keine Kontrollgruppe ohne Finasterid-Einnahme gibt. Trotzdem ist auch dort bei Männern bis 41 Jahre nur von 0,8 Prozent mit anhaltender Impotenz die Rede, eine Häufigkeit, die er bei allen Männern dieser Altersgruppe für möglich hält. Obwohl bisher bei noch keinem seiner Patienten Symptome einer persistierenden Impotenz oder eines Post-Finasterid-Syndroms aufgetaucht seien, rät er trotzdem jedem, der unsicher ist, es abzusetzen. Schließlich sei es eindeutig ein Lifestyle-Produkt, und es gebe mit Minoxidil eine effektive Alternative.

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Neue wirksame Medikamente gegen Haarausfall sind jedenfalls vorerst nicht zu erwarten. Und auch mit dem, was sich Rechtsmediziner Boerne heute Abend mehrfach in die Haare schmieren lässt, scheint etwas nicht in Ordnung zu sein. Plötzlich ist von Nebenwirkungen die Rede, die sich bei Tests an Stummelschwanzmakaken gezeigt haben sollen. Was das mit dem phänotypisch großspurigen Professor macht, ist dann allerdings doch ganz nett anzuschauen.

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