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Haarausfall : Soll die Glatze Schicksal sein?

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Sic transtit virorum splendor: Genetisch bedingter Haarausfall im finalen Stadium. Bild: dpa

Im „Tatort“ wird Professor Boernes Haarausfall mittels Tinktur bekämpft. Tatsächlich gibt es ein wirksames Präparat. Doch es ist umstritten.

          In der heutigen „Tatort“-Folge trifft es Karl-Friedrich Boerne. Der eitle Rechtsmediziner entdeckt kahle Stellen am Hinterkopf und fragt sich nun, wie sich das aufhalten lässt. Damit ist er nicht allein. Siebzig bis achtzig Prozent der deutschen Männer leiden unter androgenetischer Alopezie, genetisch bedingtem Haarausfall, der nach dem sogenannten Hamilton-Norwood-Schema in sieben Stadien verläuft. Nach erstem Zurückweichen des Haaransatzes bilden sich Geheimratsecken, die bald bis über die Ohren reichen oder zu denen sich Verluste am Scheitel gesellen. Dann lichtet es sich vorne und hinten - oder nur vorne, aber dafür dort stärker -, bis der Kahlschlag an beiden Stellen unübersehbar wird und die Lichtungen verschmelzen. Am Ende bleibt nur ein schmaler Kranz. Auch Frauen kann ein genetisch bedingter Haarausfall ereilen, der sich bei ihnen dann aber vom Mittelscheitel ausgehend ausbreitet.

          Auch wenn die Alopezie selbst keine Krankheit ist, kratzt sie doch am Selbstwertgefühl und kann im Extremfall Depressionen auslösen. Volles Haar wird eben mit der in unserer Kultur so geschätzten Jugendlichkeit assoziiert. Haarwuchsmittel sind daher ein Milliardengeschäft. Drogerien bieten regalweise Shampoos gegen Kahlheit an und das Internet allerlei Gelees und Dragees. Alles Quacksalberei. Auch Boerne wird im „Tatort“ nun auf ein angeblich bahnbrechendes Mittel aufmerksam. Es stammt von einer Münsteraner Wissenschaftlerin, bei der er seine Jagdprüfung ablegen muss. Er schwatzt ihr ein Fläschchen der Wundertinktur ab. Unterdessen taucht bei Kommissar Thiel eine junge Frau mit schlumpfblauen Haaren auf, die sich als seine Tochter ausgibt. Nebenbei wird ein Enthüllungsjournalist umgebracht. Der Fall wird immer haarsträubender.

          Vom Medikament zum Lifestyle-Produkt

          Als tatsächlich wirksam gelten heute lediglich zwei Präparate: Minoxidil und Finasterid. Minoxidil ist eigentlich ein Blutdrucksenker, dessen den Haarwuchs stabilisierende Wirkung sich in den achtziger Jahren herausstellte. Es hilft beiden Geschlechtern, ist allerdings nicht ganz billig – und der Effekt geht nach dem Absetzen wieder verloren. Finasterid hat seit den späten Neunzigern ebenfalls doppelt Karriere gemacht, zunächst als Mittel gegen Prostatavergrößerung (Proscar), dann als Lifestyle-Produkt (Propecia). Es wirkt bei neun von zehn Männern, solange das Haar noch nicht ausgefallen ist. Seine hohe Wirksamkeit erzielt es, indem es das Problem bei der Wurzel packt.

          Denn die rund hunderttausend Haare eines Menschen sind in winzigen Taschen verankert, den Follikeln. Jeder Follikel durchläuft einen wenige Jahre dauernden Zyklus des Wachsens und Ausfallens, weshalb Verluste bis zu hundert Haaren pro Tag völlig normal sind. Je nach Veranlagung und Alter werden die Haarwurzeln allerdings sensibel gegen das männliche Hormon Dihydrotestosteron, dessen Bildung Finasterid hemmt. Das Präparat greift also in den Hormonhaushalt ein. Trotzdem schlucken es täglich Hunderttausende Männer – unter ihnen Donald Trump, wie sein Arzt laut Presseberichten im Februar ausplauderte.

          Mit vermutlich bleibenden Nebenwirkungen

          Womöglich aber mit gravierenden Folgen. Denn nach aktuellen Erkenntnissen könnte die regelmäßige Einnahme von Finasterid irreversible Effekte haben, von Potenzstörungen über Libidoverlust bis hin zu Depressionen. Die neueste Studie stammt von der Feinberg School of Medicine in Chicago und erfasst beinahe 12.000 Nutzer des Mittels. Demnach litten 167 Männer (1,4 Prozent) von ihnen unter einer erektilen Dysfunktion – und zwar mit einer umso größeren Wahrscheinlichkeit, je länger sie den Wirkstoff eingenommen hatten.

          Schon sind an amerikanischen Gerichten Hunderte von Klagen anhängig. Vor fünf Jahren formierte sich sogar eine eigene Organisation, die das Präparat bekämpft. Auf ihrer Homepage zählt sie neben sexuellen Funktionsstörungen auch neurologische und psychische Nebenwirkungen auf: Muskelschwund, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, aber auch Schlaflosigkeit, Depression und Angstzustände. Dass Finasterid nicht ohne Nebenwirkungen ist, war schon länger bekannt, wenn auch auf manche, etwa Depressionen, im Beipackzettel nicht explizit hingewiesen wird. Relativ neu ist die Erkenntnis, dass manche dieser unerwünschten Wirkungen womöglich dauerhaft zurückbleiben. 

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