http://www.faz.net/-gwz-7ng8s

Googles Grippeflop : Schmutzige Daten

Big Data im kleinen Stil: Die elektronische Gesundheitskarte Bild: dpa

Googles Versuch, Grippewellen vorherzusagen, ist gescheitert - gleich zwei Mal hintereinander. Big Data kommt an Grenzen. Und zwar nicht nur in diesem Fall. Man hätte es ahnen können: Die Fehler im System liegen auf der Hand.

          Es gibt keine Daten ohne eine Theorie.“ Vermutlich war Albert Einstein, als er diesen bedenkenswerten Satz geprägt hat, nicht ganz frei von eigenen Interessen. Und natürlich war das vor allem eine gemeine Stichelei gegen die Kollegen an der Experimentier- und Beobachtungsfront, die für ihn mehr oder weniger blind Galileos Programm umsetzten, nämlich alles zu messen, was messbar ist.

          Inzwischen bekommt sein Wort allerdings zusehends Gewicht, und zwar im buchstäblichen Sinn. Denn jetzt, drei Generationen und Dutzende Computerrevolutionen später, hat sich mit „Big Data“ ein Paradigma etabliert, das nicht mehr und nicht weniger als die Anleitung zum intelligenten Leben gesehen wird. Sät Instrumente und ihr werden wertvolle Informationen sammeln, Modelle füttern und Kristallkugeln ernten. Daten sind zum Fetisch geworden. Gegen Big Data ist der Wetterdienst eine alte Postkutsche. Google hat das vorgemacht. Der Google Flu Tracker soll ein Beispiel dafür sein, wie Big Data die Welt entschlüsselt und vermeintlich berechenbar macht.

          Die infizierte Datenflut

          Allein aus der Häufung von ein paar Dutzend Suchwörtern wie Fieber oder Husten in der Google-Maske will das Unternehmen die Ausbreitung der jährlichen Grippewelle voraussagen. Das Dumme bloß: Es funktioniert nicht. In den letzten beiden Saisons hat die Datendreschmaschine das Auftreten der Influenza um insgesamt 50 Prozent überschätzt, in hundert von hundertacht Wochen hat sie die Zahl der Grippekranken zu hoch eingeschätzt. Eine simple Hochrechnung aus den lückenhaften Grippe-Daten der Gesundheitsämter, die zwei Wochen zurückreichen, schneidet besser ab. Die Gründe dafür sind so einfach wie logisch: Big Data selbst ist krank. Die Datenkolosse sind selbst infiziert, wie David Lazer aus Boston und einige Kollegen in „Science“ dargelegt haben.

          Alles hängt von der Validität der Daten, der Qualität der Messung und dem ab, was die Forscher „Abhängigkeiten“ nennen. Gemeint ist, dass Google kommerzielle Interessen verfolgt. Schon das erzeugt ein fatales Datenrauschen. Algorithmen sind auf die fragilen Bedürfnisse der Kunden angepasst und nicht etwa der Wahrheit auf der Spur. Entsprechend werden sie laufend verändert. Und geheim gehalten werden die Algorithmen sowieso. Big Data ist also infiziert von unsauberen Daten und kryptischen Modellen.

          Wer glaubt, dass das nur für Datengrossisten wie Google gilt, konnte sich auf der Cebit belehren lassen: Big Data ist generell vom Big-Business-Virus befallen. Das dürfte bald für den gesamten Gesundheitssektor gelten. Im Grunde also weiter wie bisher. Ob sich das Datengeschäft im großen Stil dann irgendwann auch für den Patienten mit großer Münze auszahlt, ist erstmal reine Spekulation. Eine solide Theorie kann man das nicht nennen.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Ein Spruch für 1,3 Millionen Dollar Video-Seite öffnen

          Notiz von Einstein versteigert : Ein Spruch für 1,3 Millionen Dollar

          „Stilles bescheidenes Leben gibt mehr Glück als erfolgreiches Streben, verbunden mit beständiger Unruhe“ - vor fast hundert Jahren hat Albert Einstein einem Kellner in Tokio einen Zettel mit diesem Spruch zugesteckt. Heute kam die Notiz unter den Hammer - und wechselte für über eine Million Euro den Besitzer.

          Topmeldungen

          Opposition oder Regierung? : Goldene Leitern für die SPD

          Wie bekommt man die Sozialdemokraten wieder vom Oppositionsbaum herunter? Für Bundeskanzlerin Merkel könnte es sich als Glücksfall erweisen, dass im Schloss Bellevue ein Bundespräsident von sozialdemokratischem Blute sitzt.
          Mitfühlende Mutter Merkel: Doch Minderheit ist Mist!

          Fraktur : So viel Dank war nie

          Es fehlte eigentlich nur noch, dass der Cem dem Horst bei einem Joint das „du“ anbot.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.