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Glyphosat-Entscheidung : Kinder schützen, nicht Pestizide

  • -Aktualisiert am

Proteste vor der EU-Kommission gegen die Glyphosat-Zulassungsverlängerung gab es bereits im Sommer. Bild: AFP

Die Zeit ist reif: Wird der Streit um das Totalherbizid Glyphosat am morgigen Donnerstag im zuständigen EU-Ausschuss beendet? Ein Plädoyer gegen einen Kompromiss zugunsten des Pestizids.

          Unsere Kinder wachsen mit einem Schadstoffcocktail aus Unkrautvernichtern, Insektiziden und Fungiziden auf. Ihre Nahrung, ihr Wasser, sogar ihre Parks und Spielplätze sind damit getränkt. Viele Regierungen behaupten beharrlich, dass unsere Schutzstandards gegen diese Pestizide stark genug sind. Doch als Wissenschaftler und Jurist, der sich auf Chemikalien und deren mögliche Auswirkungen auf grundlegende Menschenrechte spezialisiert, bin ich anderer Ansicht.

          Letzten Monat kam es ans Licht: Als die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Glyphosat – das meistverwendete Pflanzengift weltweit – als unbedenklich einstufte, hatte sie ganze Seiten aus einem Bericht von Monsanto, dem Hersteller des Pestizids, abgeschrieben. Solche Enthüllungen sind schlichtweg schockierend.

          Vor zwei Wochen blockierten einige europäische Länder den Vorstoß, Glyphosat für weitere zehn Jahre zuzulassen. Bei dieser Entscheidung geht es um weitaus mehr als nur ein Pestizid. Sie ist ein begrüßenswertes Anzeichen, dass die EU-Mitgliedstaaten ihre Pflicht gründlicher wahrnehmen: vor Menschenrechtsverletzungen durch Unternehmen zu schützen, wenn diese uns Pestiziden und anderen toxischen Chemikalien aussetzen.

          Bild: dpa

          Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes, das am häufigsten ratifizierte internationale Menschenrechtsabkommen der Welt (nur die Vereinigten Staaten sind nicht beigetreten), bekräftigt: Staaten sind ausdrücklich dazu verpflichtet, Kinder vor der Belastung durch toxische Chemikalien sowie vor kontaminierten Lebensmitteln und verunreinigtem Wasser zu schützen. Sie müssen außerdem dafür Sorge tragen, dass das Recht eines jeden Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit gewährleistet wird. Diese und viele weitere Rechte des Kindes werden durch unseren derzeitigen Umgang mit Pestiziden verletzt.

          Kinderärzte haben die Belastung durch Pestizide im Kindesalter als „stille Pandemie“ bezeichnet, die Krankheiten und Behinderungen verursacht. Der Kontakt mit Pestiziden während der Schwangerschaft und im Kindesalter wird mit Geburtsfehlern, Diabetes und Krebs in Verbindung gebracht. Der sich entwickelnde Körper eines Kindes reagiert empfindlicher als Erwachsene auf diese Belastung und nimmt allgemein mehr von allem zu sich: Im Verhältnis zu ihrer Größe essen, atmen und trinken Kinder sehr viel mehr als Erwachsene und sind deshalb durch diese toxischen Chemikalien besonders gefährdet. Es gibt zunehmend Beweise dafür, dass sogar „geringe“ Einwirkungen im Kindesalter irreversible Gesundheitsschäden zur Folge haben können. Doch die meisten Betroffenen können die Ursache ihrer Behinderung oder Erkrankung nicht nachweisen, was uns in unserer Fähigkeit einschränkt, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

          Diese Chemikalien sind unsichtbar und lauern überall. Nur wenn die Regierungen sie wirksam regulieren und dabei vor allem die höchsten Standards der wissenschaftlichen Integrität einhalten, können die Menschen geschützt werden – insbesondere diejenigen, die unverhältnismäßig großen Belastungsrisiken ausgesetzt sind.

          Angesichts der Enthüllungen wie des Copy-and-Paste-Skandals zu Glyphosat ist es notwendig, erneut sorgfältig zu prüfen, wie gut Staaten ihre Bürger schützen. Dass sich Regulierungsbehörden im Übermaß auf industriefinanzierte Studien verlassen, unabhängige Wissenschaft aus Gutachten ausgeschlossen wird und Studien geheim bleiben, obwohl sie von Behörden als Grundlage verwendet werden, das kann so nicht weitergehen.

          Doch die vorherrschenden Fehlinformationen ziehen noch weitere Kreise. Viel zu lange waren die Debatten über Pestizide unverhältnismäßig stark auf die Frage ausgerichtet, ob wir die Welt ohne sie ernähren können. Die Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung hat deutlich gesagt, dass wir das können. Ihr zufolge ist es ein Mythos, dass der hochintensive Einsatz von Pestiziden zur Ernährung der Menschheit nötig sei. Es gibt Lösungen, um gesündere und nährstoffreichere Lebensmittel herzustellen und dabei Kleinbauern zu unterstützen, die Artenvielfalt zu fördern und die Widerstandskraft des Klimas zu stärken. Unser übermäßiger Einsatz gefährlicher Pestizide ist eine kurzfristige Lösung, eine Sucht, die das Recht auf sichere und angemessene Ernährung und Gesundheit für gegenwärtige und künftige Generationen untergräbt.

          Werden die Regulierungsbehörden weiterhin dem Mythos verfallen, dass Pestizide notwendig sind, um die Welt zu ernähren? Werden sie sich weiterhin auf Wissenschaft verlassen, die von der Industrie gefördert wird? Oder werden sie die Menschenrechte – insbesondere die Rechte des Kindes – schützen und angesichts der erheblichen Ungewissheiten das Vorsorgeprinzip anwenden?

          Wenn sich die Europäische Kommission diese Woche wieder an den Tisch setzt, um über die Zukunft von Pestiziden zu debattieren, hoffe ich, dass sie dabei eines im Sinn behält: ihre Pflicht, unsere Rechte und die Rechte unserer Kinder voranzustellen.

          Der Gastautor im F.A.Z.-„Forum“

          Baskut Tuncak ist UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte, gefährliche Substanzen und Abfälle. Er arbeitet als Wissenschaftler am Raoul Wallenberg Institute in Schweden.

           

          Quelle: F.A.Z.

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