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Zukunft der Krebszentren : Der Preis ist heiß

Röntgenbild in einer Schweizer Klinik: Was verraten uns die Daten? Bild: Picture-Alliance

Ein System am Scheideweg: Der Staat lässt die Spitzenmedizin im Stich, so liest es sich in einem Gutachten, das die Gründer der Krebszentren in Auftrag gegeben haben. Qualität wollen alle, nur wer zahlt dafür? Vier Spitzenvertreter der deutschen Onkologie beziehen Stellung.

          FRAGE: Die Diagnose Krebs ist schon hart. Wie aber muss es den Menschen erst gehen, wenn sie hören, dass womöglich die Qualität der Therapie leidet, weil man sich im Land die bestmögliche Medizin nicht leisten kann oder will. In dem Prognos-Gutachten (siehe Kasten unten) wird klar, dass die Spitzenzentren zur Tumorbehandlung regelrecht ausgepresst werden. Sie sind massiv unterfinanziert. Gleichzeitig spricht Bundesgesundheitsminister Spahn von mehr Effizienz, die er im System haben will, nicht von mehr Qualität. Sind die Errungenschaften der Krebsforschung im Land in Gefahr?

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nettekoven: Wir fördern und zertifizieren die „Comprehensive Cancer Center“, die CCC, seit 2007. Fast parallel dazu hat die Krebsgesellschaft angefangen, die Onkologischen Zentren und Organkrebszentren zu zertifizieren.

          Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe in Bonn.

          Diese Zentrumsstrukturen haben wir inzwischen auch im Nationalen Krebsplan verankert und somit auch in der Politik plaziert. Damit ist erreicht worden, die Versorgung von Krebspatienten wesentlich zu verbessern. Jetzt geht es darum, das zeigt das Gutachten, die Finanzierung dieser Strukturen adäquat und geregelt sicherzustellen.

          Bokemeyer: Innerhalb der CCC gibt es zudem einen Mehraufwand an Angeboten, die nicht von der Krebshilfe-Förderung abgedeckt sind. Es gibt seit einiger Zeit Diskussionen darüber, dass im Grunde nicht mal annähernd das finanziert wird, was in der modernen Onkologie heute gebraucht wird. Deshalb wollten wir das gerne durchkalkuliert haben, und zwar von unabhängiger Seite. Alle sind überzeugt, dass die CCCs erstklassige Strukturen sind, die weiter gefördert werden müssen und möglichst allen Menschen zugutekommen sollten. Die Frage ist jetzt: Wie können wir das nachhaltig sichern?

          Professor Carsten Bokemeyer vom Universitären Cancer Center Hamburg (UCCH).

          FRAGE: Die Mehrkosten sind sehr hoch, hat Sie das überrascht?

          Albers: Dass es sehr teuer ist, wussten wir natürlich schon. Als wir 2003 die ersten Brustzentren zertifiziert haben, hat sich jeder davon versprochen, in der aufkommenden Ökonomisierung sich am Markt abbilden zu können. Das war ein Trugschluss. Als wir 2007 mit der Prostata-Zertifizierung begonnen haben, war der Gegenwind schon aus den Zentren da. Der Vorwurf lautete, dass das alles doch sehr viel kostet. Für die Organkrebszentren wussten wir das schon ziemlich klar, es sind in erster Linie Personalkosten, die aufwendig sind. Das waren übrigens auch die Argumente derer, die sich nicht zertifizieren lassen wollten. Warum sollen wir das machen, wenn es nur mehr kostet? Gleichzeitig war die bessere Qualität der Behandlung noch nicht nachgewiesen. Inzwischen haben alle gemerkt, wie sich die Qualität durch die Zentren verbessert. Man hat nun Daten, mit denen das dokumentiert wird, man hat sich vergleichen können mit anderen. Inzwischen ist dieser Fortschritt messbar.

          Professor Peter Albers, Onkologe aus Düsseldorf, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft.

          Kalle: Wir sprechen überhaupt nicht über exorbitant hohe Kosten, sondern über einen Mehraufwand pro Patient in den Spitzenzentren von 750 bis 1000 Euro. Die Kosten werden auch mit neuen Therapien nicht exponentiell weiter steigen.

          Nettekoven: Die Deutsche Krebshilfe hat in den letzten zehn Jahren über 100 Millionen Euro in die CCCs investiert, etwa eine Million pro Zentrum jährlich. Über zehn Jahre gesehen, ist das relativ wenig, aber es war eine wichtige Initiative im Sinne von Anschub. Wir haben auch nicht vor, aus der Förderung rauszugehen, die aber alleine nicht ausreicht. Wir wollen die Kostenträger mit einem deutlichen Finanzierungsanteil mit im Boot sehen. Von den CCCs profitieren auch die Patienten in Onkologischen Zentren und Organkrebszentren. Viele behaupten, das Spitzenzentren-Programm ist das wichtigste Programm, das die Krebshilfe jemals auf den Weg gebracht hat.

          Professor Christof von Kalle, Direktor am Nationalen Centrum für Tumorerkrnakungen (NCT) in Heidelberg.

          Albers: Für das, was in den Zentren geleistet wird, ist der Aufwand ja auch nicht viel an Geld. Es bringt Mehrwert für sehr viele Menschen. Durch die Zentralisierung ist auch ein hoher Synergieeffekt entstanden, wir sparen am Ende auch Kosten. Hochgerechnet auf 10 Millionen Euro für ein Spitzenzentrum, kann eine hohe Patientenzahl optimal mit einem großen Anteil an zusätzlichen Leistungen versorgt werden.

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