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Frühgeburten : Wenn jede Woche zählt

Die meisten Frühchen überleben heute - die Frage ist nur, mit welchen Langzeitfolgen Bild: dpa

Was wird aus Kindern, die viel zu früh geboren wurden? Mediziner und Psychologen versuchen herauszufinden, wie man ihre Entwicklung am besten fördern kann.

          Zwei Tage London, das klingt toll. Noch dazu wenn man gerade 19 ist, Freunde mitbringen kann, das Hotel bezahlt bekommt und zusätzlich 100 Pfund auf die Hand. Alle Kosten werden durch ein britisches Forschungsprojekt namens Epicure getragen, das in der kommenden Woche die nächste Runde eröffnet und dazu an die Themse einlädt.

          Sonja Kastilan

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Reines Freizeitvergnügen erwartet die jungen Erwachsenen dort allerdings nicht, denn sie nehmen freiwillig an verschiedenen Experimenten teil und lassen sich nachts sogar überwachen: Zwei kleine Messgeräte dokumentieren Blutdruck und Atmung. Von Ausschlafen kann ebenfalls keine Rede sein, denn der zweite Tag startet um acht Uhr morgens im Labor mit einem Bluttest vor dem Frühstück. Wer dafür nach London reist, kennt viele der Untersuchungen bereits, war mit sechzehn, elf und in noch jüngeren Jahren schon dabei.

          Wie zum Beispiel Lauren aus Essex. Sie freue sich auf ihren Part, schreibt sie auf der Webpage des Projekts. Eindrucksvoll schildert sie ihre Erfahrungen und macht deutlich, wie wertvoll sie und die anderen Probanden für die medizinische Forschung sind. Lauren wurde im September statt im Dezember 1995 geboren - 15 Wochen vor dem berechneten Termin. Die ersten drei Monate ihres Lebens verbrachte sie auf der Intensivstation. Sie musste beatmet werden, litt unter Lungenproblemen und einer Hirnblutung, wie viele Frühchen. Aber sie überlebte. Heute kann sie von Fahrstunden, Schulinteressen und ihrem Nebenjob berichten. Dass sie jetzt Gitarre spielt, gerne Freunde trifft und das Skifahren liebt.

          Hilfe für Erwachsene

          Die Epicure-Studien widmen sich Kindern, die wie Lauren sehr früh ins Leben gestartet sind und 1995 oder 2006 noch vor der 26. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Wie es um ihre Überlebenschancen und ihre weitere Entwicklung steht, ist für Mediziner und Psychologen von großem Interesse: „Wir wollen wissen, was aus den Kindern wird, wenn sie aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen werden. Wie steht es langfristig um ihre Gesundheit?“, erläutert Dieter Wolke von der Universität in Warwick. Der deutsche Psychologe ist an Epicure und einer bayerischen Langzeitstudie zu ähnlichen Fragestellungen beteiligt. „Über die Jahre haben wir festgestellt, dass sich nicht nur in der kognitiven Leistung oder in der Motorik Unterschiede zeigen, sondern auch in der emotionalen Entwicklung.“ Wenn bekannt sei, wo Schwierigkeiten auftauchten, könne man den Betroffen entsprechend helfen, und zwar nicht nur in Kindheit und Jugend, sondern auch später. Das sei für die Familien ebenso wichtig wie für die Gesellschaft, sagt Wolke. Im Bildungs- und Gesundheitswesen müsse man sich dem Problem häufiger stellen, da die Rate an Frühgeburten in den letzten Jahren weltweit zugenommen hat.

          Im Vergleich der Langzeitstudien verschiedener Länder erkannten Wolke und seine Kollegen ähnliche Muster. Frühgeborene neigen eher zu Aufmerksamkeitsstörungen, zu emotionalen und multiplen kognitiven Problemen. Sehr früh Geborene zeigen umso mehr Schwächen, je stärker das Arbeitsgedächtnis gefordert ist. „Ihr Gehirn ist anders organisiert und nutzt andere Netzwerke“, erklärt Wolke. Mathematik zum Beispiel bereite dann Schwierigkeiten, wenn es gelte, verschiedene Faktoren zu integrieren. Für ehemalige Frühchen müsste man die Aufgaben anders stellen.

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