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Veröffentlicht: 28.09.2016, 13:00 Uhr

Kranke Flüchtlinge Andere Länder, andere Leiden

Tuberkulose, Bandwürmer, gefährlich verdrehter Darm, Hautleiden – Flüchtlinge bringen oft aus ihrer Heimat im Gastland wenig verbreitete Krankheiten mit. Die medizinische Versorgung stellt das auf eine harte Probe.

von Stephan Sahm
© dpa Gründliche Untersuchung: Chirurg und anerkannter Flüchtling Khaled behandelt Asylsuchende.

Andere Länder haben nicht nur andere Sitten. Sie haben auch andere Krankheiten. Die Flüchtlingskrise stellt die Medizin vor Herausforderungen, für die sie sich erst noch rüsten muss. Die etwa eine Million Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind, wurden nach ihrer Ankunft einer ersten medizinischen Untersuchung unterzogen. Darüber hinaus galt es, für die Zeit danach die medizinische Grundversorgung sicherzustellen.

Die Ärzte sind aber nicht allein mit menschlicher Not konfrontiert worden. Sie sahen sich auch vor die Aufgabe gestellt, Erkrankungen zu diagnostizieren, die hierzulande selten, in den Herkunftsländern jedoch weit verbreitet sind. Mit den ungewohnten Anforderungen bei der Versorgung von Patienten mit Migrationshintergrund befasste sich in der vergangenen Woche (19.9. - 23.9.2016) ein Symposion auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten in Hamburg.

Denkt zuerst an Tuberkulose

Viele der Erkrankungen, die man bei Flüchtlingen diagnostiziert, betreffen den Magen-Darm-Trakt und die Leber. Dazu zählt etwa die Tuberkulose des Darmes und des Bauchfells, wie Henning Mothes vom Universitätsklinikum Jena in Hamburg berichtete. Die Symptome sind oft wenig charakteristisch. Übelkeit, Bauchschmerz und Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum können auftreten. In der Flüssigkeit lassen sich die Erreger nur selten direkt nachweisen. Auch die üblichen Nachweisverfahren über Haut- und Bluttests können negativ ausfallen.

Wenn ein Arzt keine Diagnose treffen könne, so solle man an die Tuberkulose denken, mahnte Mothes. Selbst, falls ein entzündlicher Verschluss des Darmes vermutet wird, sollten Operationen bei Verdacht auf Bauchfelltuberkulose tunlichst vermieden werden. Die Experten empfehlen in diesem Fall eine Bauchspiegelung mit einer Biopsie. Dabei werden Proben aus dem verändertem Gewebe des Bauchfells entnommen. Im Labor lassen sich die Erreger dann leichter isolieren.

Lästige Parasiten

Eine Röntgenuntersuchung der Lunge erweist sich als wenig nützlich. Sie sollte nach Ansicht der Fachleute ohnehin nur bei den Migranten veranlasst werden, die aus Ländern mit einer hohen Prävalenz der Tuberkulose kommen. Bei Flüchtlingen aus Syrien etwa ist die Tuberkulose nicht häufiger nachzuweisen als bei der deutschen Bevölkerung. Unter Migranten aus Eritrea oder Afghanistan ist sie dagegen weit verbreitet. Die im Asylgesetz vorgesehene verpflichtende Röntgenaufnahme sei daher oft überflüssig, wenn nicht sogar von Nachteil.

Ein Befall mit dem Fuchs- und Hundebandwurm ist in der Türkei, manchen Ländern Afrikas und Arabiens recht häufig anzutreffen. Der Parasit bildet große Zysten in der Leber aus. Deren Entfernung bedarf einer besonderen Expertise, da die Erreger keinesfalls in den Bauchraum verschleppt werden dürfen. Eine Heilung ist dann nicht mehr möglich.

Gefährlich verdrehter Darm

Auf eine seltene, aber oft bedrohliche Erkrankung des Dickdarmes bei Migranten machte der Chirurg Stefan Post vom Universitätsklinikum Mannheim aufmerksam: den Volvulus des vor dem Mastdarm gelegenen gekrümmten Teil des Dickdarms, des Sigmas. Durch den verdrehten Darm ist die Blutzufuhr unterbrochen. Die Patienten leiden unter heftigen Leibschmerzen. Kommt es zur Nekrose des Darmes, besteht Lebensgefahr. Dann hilft nur die rasche Operation. Daher sei es wichtig, dass Ärzte im Notdienst die Erkrankung kennen. Ursache sind genetische Disposition und Ernährungsgewohnheiten in den Ländern.

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Bei der Hälfte der Krankheiten von Migranten handelt es sich um Infektionen, nicht selten mit in Deutschland kaum verbreiteten Parasiten. Eine Befürchtung gelte es jedoch auszuräumen, wie August Stich, Tropenmediziner der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg, klarstellte: Eine Gefahr für die deutsche Bevölkerung durch Einschleppung von Erregern bestehe nicht. Lediglich Skabies, eine durch die Krätzmilbe verursachte, aber nur wenig infektiöse Hauterkrankung sei weit verbreitet. Es sei vielmehr umgekehrt. Flüchtlinge und Migranten seien gefährdet, weil sich in den Gemeinschaftsunterkünften Erreger der Influenza und anderer Viruserkrankungen ausbreiteten. Migranten sind an dieses Keimspektrum nicht adaptiert und daher besonders empfänglich.

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