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Veröffentlicht: 17.02.2016, 11:19 Uhr

Die EU fragt ihre Bürger Was soll die Politik tun, um Volksleiden einzudämmen?

Chronische Leiden sind zur Epidemie geworden. Was kann und soll getan werden? Die F.A.Z. liefert die deutsche Plattform für eine Bürgerbefragung, die von Brüssel aus in zehn europäischen Ländern gestartet wird.

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© dpa Wenn man dringend zum Arzt muss, kommt Prävention oft schon zu spät.

Hier der unsichtbare, diffuse und unberechenbare neue Feind, der null Toleranz erwarten darf. Dort der andere Feind, viel älter und größer, geradezu zerstörerisch für die Menschen, aber dennoch gesellschaftlich geduldet aus - ja weshalb eigentlich: aus Tradition, Machtlosigkeit, Geldmangel oder falscher Rücksichtnahme?

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Die beiden medizinischen Fronten, auf der einen Seite die akute Zika-Epidemie, auf der anderen die um sich greifende Seuche der Lifestyle-Krankheiten, zeigen zwei Gesichter der modernen Gesundheitspolitik: ein Kampf und Krampf zwischen plakativem Aktionismus und gefährlichem Nihilismus.

Gerade wenn es um die chronischen Überflussleiden geht, wegen ihrer weiten Verbreitung auch gerne als Volkskrankheiten bezeichnet, lässt sich der Befund mit Zahlen kaum leichter erhärten: Achtzig Prozent neuer Herzinfarkt-, Diabetes- und Schlaganfallopfer ließen sich mit ganzen dreißig Minuten Bewegung am Tag und einer Abstinenz von Takak, Alkohol und Junkfood vermeiden. Und was tun wir? Wir nehmen uns in immer größerer Zahl die Freiheit, genau darauf zu verzichten. 86 Prozent der Todesfälle allein in der Europäischen Union werden durch Volksleiden verursacht: Krebs ereilt mit 36 Millionen EU-Bürger, chronische seelische Leiden geschätzt schon 125 Millionen, Herz-Kreislauf-Leiden 100 Millionen, das Lungenleiden COPD 55 Millionen, fast ebenso viele wie Diabetes.


Die EU fragt ihre Bürger

© DPA

    Teil 1: Was soll die Politik tun, um Volksleiden einzudämmen?

    Chronische Leiden sind zur Epidemie geworden. Was kann und soll getan werden? Die F.A.Z. liefert die deutsche Plattform für eine Bürgerbefragung, die von Brüssel aus in zehn europäischen Ländern gestartet wird. Zum Artikel

    Teil 2: Kann Technologie Krankheit besiegen?

    Chronische Leiden nehmen zu - trotz des teuren medizinischen Fortschritts. Setzt Europa zu stark auf Innovationen, oder etwa doch noch zu wenig? Wie wichtig ist den Bürgern die Hightechmedizin? Machen Sie mit im zweiten Teil der EU-Umfrage. Zum Artikel

    Teil 3: Wie geht das: weniger krank?

    Gesünder leben, ein ziemlich gutes und ein ziemlich theoretisches Konzept. Doch wer handelt schon wirklich so? Und wer ist verantwortlich, wenn überflüssige Leiden zunehmen? Was dagegen tun? Machen Sie mit im dritten Teil der EU-Umfrage. Zum Artikel


Die Ausbreitung der chronischen Leiden, international immerhin mit einer Art Aktionscode präsent - „Non-communicable Diseases“, kurz NCDs -, werden in öffentlichen Reden und in Arbeitskreisen, die von der Weltgesundheitsorganisaiton organisiert werden, gerne als „großer Skandal“ tituliert. Doch ebendiese Politik paralysiert sich in ihrem Wunsch nach vernunftgeleitetem Verhalten seit Jahren selbst. Ganze drei Prozent des Budgets der Europäischen Union fließen in die Vorbeugung - die Prävention - der chronischen Leiden. Die National Institutes of Health sind nicht besser: Ganze sieben bis neun Prozent, hochgerechnet, der Medizinforschungsausgaben gehen in die Präventionsforschung. Stattdessen wird kräftig für Therapien, Pflege und Rehabilitation gelöhnt. Immer mehr Menschen erkranken an mehr als einem Leiden. Vier Fünftel der Gesundheitsbudgets in der Europäischen Union fließen in die Versorgung genau dieser Patienten, die als Rentner für den ungehinderten Raubbau an Körper und Seele bezahlen müssen.

Landarztpraxis © dpa Vergrößern Auch ein Preis des Älterwerdens: Im Wartezimmer sitzen immer mehr multimorbide Patienten - Kranke mit mehreren Leiden gleichzeitig.

Der NCD-Bewegung, so klagte jüngst der Chefredakteur des „Lancet“, Richard Horton, sei nach einem kurzen Aufschwung die Luft ausgegangen. „Gelähmt von der eigenen Komplexität“, habe sie schon wieder jeden Einfluss verloren. Die Abwärtsspirale dreht sich in bevorzugt bestimmten sozialen Schichten ungehindert weiter. Und dies betrifft keineswegs nur die Ärmsten. Wie weiter also?

„REIsearch“ - eine Initiative des EU-Parlaments

Das Europäische Parlament hat sich, gespeist von Forschungsmitteln der Europäischen Kommission, vorgenommen, die NCD-Bewegung zu reanimieren. Das von ihr unter Federführung des ehemaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing und Michelangelo Baracchi Bonvicini gegründete Atomium European Institute in Brüssel hat schon vor Jahren ein Netzwerk mit Wissenschaftsinstitutionen, nationalen Medien und Bürgerschaftsgruppen aus zehn europäischen Ländern gegründet, an dem auch diese Zeitung beteiligt ist. Ihr Ziel ist es, neue Impulse zu geben, den Parlamentariern Informationen und Daten zu liefern, was ihre Bürger denken. In den nächsten fünf Wochen werden wir in der Initiative „REIsearch“ zeitgleich mit anderen europäischen Medien jeweils online fünf Teile einer Umfrage veröffentlichen, in der die Leser ihre Meinung zum Themenkomplex chronische Leiden mitteilen können.

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