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Mein Freund der Baum : Wahlmedizin

Wie weit geht die heilende Wirkung der Wälder? Auf Usedom kann man dies nun in Europas erstem Heilwald austesten. Bild: dpa

Auf Usedom gibt es nun Europas ersten Heilwald. Was das medizinisch heißt, bleibt umstritten. Zur anstehenden Bundestagswahl scheint dennoch klar: Wir sollten uns in die Wälder begeben. Eine Glosse.

          Die Deutschen und der Wald – das ist eine nicht nur kulturgeschichtlich ganz besondere Beziehung. Als deutsche Landschaft in Reinkultur wurde er im 19. Jahrhundert von den Romantikern gefeiert, im Umfeld der Weltkriege stand er gar sinnbildlich für das stets zu verteidigende deutsche Wesen. Solch ideologische Wirrungen haben wir heute Gott sei Dank weitgehend hinter uns gelassen – nicht erst, seit wir in den achtziger und neunziger Jahren die deutschen Wälder bereits auf dem Sterbebett sahen. Daher machen wir uns auch keine Sorgen angesichts der Tatsache, dass die Einführung von Europas ersten Kur- und Heilwäldern vergangene Woche ausgerechnet auf Usedom stattgefunden hat, der Region, die vor einem Jahr die AfD mit Traumergebnissen als zweitstärkste Kraft in den Landtag Mecklenburg-Vorpommerns einziehen ließ.

          Tatsächlich geht es bei dem Projekt aber weniger um die Rehabilitierung des wirkungsmächtigen „deutschen Waldes“, sondern, so liest man, lediglich um dessen heilende Kraft. Die „Waldmedizin“ liefert hier die nötigen theoretischen Hintergründe, erklärt Horst Klinkmann, seines Zeichens Ex-Schulmediziner und Ideengeber für das Projekt.

          Waldmedizin? Was soll das denn bitte sein? Das österreichische Bundesforschungszentrum für Wald hat sich diese Frage 2014 auch schon gestellt und einen Überblicksartikel zur Gesundheitswirkung von Waldlandschaften herausgegeben. Ein Fazit dabei: Auf dem Gebiet der Waldmedizin sieht es in Hinsicht auf empirische Evidenz noch recht dünn aus. Steht der Heilwald also auf pseudowissenschaftlichem Morast? Der österreichische Bericht liefert immerhin besser fundierte Anhaltspunkte, was die Ministerien der achten Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern bei der Initiierung des Waldprojektes im Kopf gehabt haben könnten: Dem Wald wird nämlich eine sozialintegrative Wirkung attestiert. Steigerung der Gruppenbefindlichkeit durch gemeinsame Faszination an den Angeboten des Waldes – das ist doch ein greifbarerer Einfluss als angebliche Krebsprophylaxe und Lebensverlängerung. Gerade zur anstehenden Bundestagswahl, die ein weiteres Mal Polarisierung und Konflikte verspricht, kann das nur heißen: Geht in den Wald, und lasst dort kollektiv die positiven Emotionen die negativen verdrängen.

          Quelle: F.A.Z.

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