http://www.faz.net/-gwz-83xnd

Ernährung : Ach, wie süß

  • -Aktualisiert am

Grün geht immer. Nur steckt auch in dieser Brause weniger Natur, als man denken sollte. Bild: Frank Röth

Stevia statt Zucker: Die neue Coca-Cola ist ein Sinnbild der fast schon verzweifelten Suche nach gesunder Süße. Die Lösung des Problems sieht aber anders aus.

          Der Coca-Cola-Konzern hat es schon mit allerhand Produkten jenseits der gezuckerten Kernkompetenz versucht. Eine Brause, die genauso schmeckte und genauso viel Zucker enthielt wie das Original, aber nicht braun war, floppte kläglich. Light- und Zero-Coke mit Süßstoff hingegen halten sich wacker. Ein ganz neues Produkt heißt, wenig bescheiden, „Life“. Es ist weiterhin braun und süß, kommt aber mit grünem Etikett daher, auf dem etwas von Stevia-Extrakt steht.

          Zuckerersatzstoffe gibt es, seit dem Chemiker Constantin Fahlberg 1878 ein Experiment misslang und sein übergekochter Versuchsansatz süß schmeckte. Er hatte Benzoesäuresulfimid, besser bekannt als Saccharin, entdeckt und machte bald gute Geschäfte damit, unter anderem, weil es deutlich günstiger war als Rübenzucker.

          Seither ist die Liste der Ersatzsüßstoffe ziemlich lang geworden. Kalorienbewusste Verbraucher und warnende Ernährungsberater sind dafür inzwischen der Hauptgrund. In jüngster Zeit gilt Zucker regelrecht als Gift. Wenn sogar die Ernährungskoryphäe Lewis Cantley von der Harvard University sagt, Zucker mache ihm Angst, dann fördert das den Absatz der zehn in der EU zugelassenen künstlichen Süßstoffe und der als natürlich beworbenen Alternativen, die von Agavendicksaft bis Stevia reichen. Die Lebensmittelkonzerne freuen sich über jeden Kunden, der für ein Produkt mehr zu zahlen bereit ist, wenn es weniger Zucker und stattdessen billige, energiearme Surrogate enthält. Die Frage, die aber jeden über die Taille hinaus denkenden Verbraucher interessieren muss, lautet: Wie sinnvoll und gesund sind diese Süßmittel? Soll man es glauben, wenn die neue Cola als kalorienarm und als Beitrag zu einem „glücklicheren, gesünderen Leben“ beworben wird?

          Zucker und die Folgen

          Als sicher gilt heute, dass große Mengen Zucker Zivilisationskrankheiten von Diabetes bis Krebs fördern und beschleunigen. Einer der Gründe dafür ist, dass Zucker den Spiegel des Hormons Insulin in die Höhe schießen lässt, was letztlich zu Entzündungen, Stoffwechselungleichgewichten und Degenerationsprozessen führen kann. Wenn sich in einem halben Liter Cola mit Stevia-Extrakt statt 54 Gramm reinen Zuckers bloß noch 34 Gramm finden, ist das immer noch mehr als die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene tägliche Höchstmenge von 25 Gramm für Frauen und 30 Gramm für Männer.

          Über die gesundheitlichen Wirkungen der aus Paraguay stammenden Stevia-Pflanze und der aus ihr gewonnen Steviolglykoside erbrachten Studien schon ganz unterschiedliche Ergebnisse. In unrealistisch hohen Dosen wirkt es als Blutdrucksenker, im Labor deuteten sich aber auch krebsfördernde Eigenschaften an. Die realistisch niedrigeren Dosen schienen dagegen vor Krebs zu schützen. Steviosid hat außerdem fast keine Kalorien, und das insulinregulierte System im Körper springt nicht darauf an.

          Grund für die steigende Begeisterung für Stevia, das 2011 in Europa erstmals als Nahrungsmittel zugelassen wurde, ist dessen vermeintliche Natürlichkeit. Aber der in Produkten meist verwendete „Extrakt“ ist eine Mischung aus Inhaltsstoffen und solchen Molekülen, die erst bei der Verarbeitung entstehen. Das für den europäischen Markt zugelassene Herstellungsverfahren ist ein industrieller Prozess, für den Hitze, chemische Hilfsstoffe und etliche Arbeitsschritte benötigt werden. Den Verbrauchern wird aber – geschickt und legal mit grünen Etiketten und Silhouetten von Pflanzenblättchen und dergleichen – Naturbelassenheit suggeriert.

          Weitere Themen

          Die Neu-Vermessung der Welt Video-Seite öffnen

          Physik : Die Neu-Vermessung der Welt

          Das physikalische Bezugssystem, mit dem wir die Welt vermessen, wird überarbeitet. Es bekommt ein neues, besonders stabiles Fundament.

          Wettkampf der Tiefseedrohnen Video-Seite öffnen

          3000 Meter unter Wasser : Wettkampf der Tiefseedrohnen

          Die Menschheit weiß viel zu wenig über die Tiefsee. Darum schickt der Forscher Gunnar Brink eine Armada von Tauchdrohnen los. Doch der Weg zum Finale einer Millionen-Ausschreibung ist hart.

          Topmeldungen

          Amerikas Vize-Präsident Mike Pence am Donnerstag auf dem Asean-Gipfel in Singapur. Scharf kritisiert er hier Chinas Politik in Asien.

          Asean-Gipfel : Amerikaner attackieren Chinas Machtpolitik

          Die Amerikaner warnen Asien vor China und bieten sich als der bessere Kooperationspartner an. Aber kann Vizepräsident Pence auf den Gipfeln von Asean und Apec überzeugen, wenn sein Chef lieber zuhause bleibt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.