http://www.faz.net/-gwz-8no6x

Alzheimer-Antikörper : Ein großer Hoffnungsträger floppt

Gruppenforschung mit Demenzkranken ist künftig möglich, allerdings müssen die Patienten früher, als sie noch selbstbestimmt entscheiden konnten, ausdrücklich eingewilligt haben, an solchen Studien teilnehmen zu wollen. Bild: dpa

Böse Überraschung: Ein Antikörper, der die gefürchtete Alzheimer-Demenz früh stoppen sollte, ist gefloppt. Der Gedächtnisverlust war nicht aufzuhalten. Steuern die Forscher auf das falsche Ziel?

          Für den Pharmahersteller ist es ein herber Rückschlag, für die Alzheimer-Forschung eine bittere Pille: Solanezumab, ein Antikörper, das die giftigen Amyloid-Beta-Moleküle aus dem Blut von Alzheimer-Patienten herausfischen und damit den Untergang von Hirnzellen und den damit einhergehenden Gedächtnisverlust verhindern sollte, ist in der entscheidenden Zulassungsstudie gefloppt.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Unter den 2100 Patienten, die amerikanische Forscher zusammen mit Ely Lilly als einem der in der Demenzforschung erfahrensten Unternehmen weltweit rekrutierte, waren in den Gedächtnistests auch nach anderthalb Jahren Therapie keine signifikanten kognitiven Leistungsunterschiede zu erkennen. Könnte es also sein, was eine Minderheit von Alzheimer-Forschern seit Jahren und insbesondere auch nach den gescheiterten Impfversuchen wiederholt, dass man die Alzheimer-Krankheit noch gar nicht wirklich versteht? Ist die etablierte Alzheimer-Gemeinde mit ihrer These, dass die Verklumpungen von Amyloid-Beta-Molekülen im Gehirn der Auslöser des Hirnverfalls ist, auf dem Holzweg? Hat die Demenz vielleicht ganz andere Ursachen? 

          „Wir sind über die Resultate der Espedition-3-Studie natürlich enttäuscht, vor allem für die Millionen Menschen, die auf ein wirksames Mittel hoffen“, heißt es in der offiziellen Mitteilung von Eli Lilly nach der Auswertung der Studie. Sowohl der primäre Endpunkt, der standardisierte Gedächtnis-Test, als auch die Batterie von Hirnfunktionsanalysen als sekundäre Endpunkte fielen nach achtzehn Monaten zu Ungunsten des Medikamentes aus. Patienten, die früher mit Alzheimer diagnostiziert worden waren, hatten mit dem Antikörper kaum bessere Ergebnisse als die Kontrollgruppe ohne dieses Medikament.

          Das schlechte Ergebnis, das wenige Wochen vor dem eigentlichen Plan veröffentlicht wurde, hat viele Experten überrascht. Denn neben Solanezumab sind weitere Antikörper in der klinischen Erprobung, die die Amyloid-Beta-Moleküle neutralisieren sollen. Aducanumab etwa, ein anderes Immuntherapeutikum, das einmal pro Monat genommen werden soll, greift die Amyloid-Klumpen im Gehirn selbst an und soll so die Proteinfibrillen auflösen. Bei den ersten, vor kurzem in der Zeitschrift „Nature“ publizierten Wirksamkeitsstudien an Tieren und Patienten hat es – wie allerdings auch Solanezumab in dieser Phase – durchaus gezeigt, dass es die Amyloid-Proteinfragmente attackiert und den Untergang von Hirnzellen offenbar abzubremsen vermag. Auch die Gedächtnisverluste konnte es in Früh-Alzheimerpatienten zumindest ansatzweise abmildern. Nur ist nicht klar, ob diese Wirksamkeit auch über längere Zeit im Gehirn von Alzheimerpatienten – und mit welchem kognitiven Ergebnis letztlich – erzielt wird.

          „Viele definieren sich ausschließlich über den Intellekt und haben eine diffuse Angst, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren“, sagt Heike von Lützau-Hohlbein von der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft.

          Es geht also bei diesen Mitteln um Alzheimer-Patienten, die zwar nur über Anfangssymptome der Demenz klagen, die aber mitunter schon über viele Jahre oder gar Jahrzehnte Amyloid-Ablagerungen im Nervengewebe des Gehirns angehäuft haben. Christian Haas von der LMU in München, Gruppenleiter beim Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen, hält es für möglich, dass das eigentliche Ziel des Solanezumab-Antikörpers im Blut tatsächlich ungeeignet ist: „Eine Erklärung der negativen Ergebnisse könnte darin liegen, dass Solanezumab im Gegensatz zu Aducanumab monomeres Amyloid im Blut erkennt und nicht das aggregierte Amyloid im Gehirn. Damit könnte der Antikörper schon im Blut weggefangen werden, ohne je das eigentliche Ziel im Gehirn in ausreichenden Mengen zu erreichen.“ Haas warnt deshalb, die gesamte etablierte Alzheimer-Forschung mit ihrer Amyloid-Hyothese infrage zu stellen: „Auf keinen Fall sollte jetzt wieder die unsägliche Debatte losgetreten werden, dass Amyloid das falsche Zielmolekül ist.“

          Die enttäuschenden Solanezumab-Resultate könnten aber genau dazu führen: Dass mehr Klarheit gefordert wird, bevor teure, aufwändige und letztlich womöglich enttäuschende Studien durchgezogen werden, die vor allem eines schaffen: Hoffnungen zerplatzen lassen. Der Mainzer Alzheimer-Forscher Christian Behl, der erst vor kurzem auf dem „Herrenhausen-Symposium“ in Hannover ein Treffen der Amyloid-Hypothesen-Kritiker organisiert hatte, ist skeptischer denn je: „Der Misserfolg mit Solanezumab ist tragisch für alle, die auf eine effektive kausale Therapie hoffen, überrascht mich persönlich aber nicht. Er ist sicherlich auch kein Grund zum Jubeln für diejenigen im Alzheimer-Feld, die der Amyloid-Kaskaden-Hypothese kritisch gegenüberstehen. Es geht hier niemanden um Rechthaberei, sondern schlichtweg um wissenschaftliche Fakten und Objektivität in deren Beurteilung.“

          Behl erwartet nicht, dass die Amyloid-Forschung nach dem Reinfall mit Solanezumab zurücksteckt. „Die Amyloid-Hypothese wird nun sicher nicht verworfen. Es stehen ja noch einige klinische Studien mit Anti-Amyloid-Strategie aus.“ Trotzdem könnte ein weiteres Umdenken einsetzen. Stefan Remy vom Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen in Bonn jedenfalls fordert die Demenzforschung auf, nicht nur die klinische, sondern auch die Laborarbeit weiter zu intensivieren: „Zum jetzigen Zeitpunkt sollte die Botschaft sein, unbedingt die Grundlagenforschung weiter voranzutreiben, um sowohl neue als auch bekannte Krankheitsmechanismen zu verstehen. Nur so können neue, zielgerichtete Ansätze zur Therapie und Biomarkeridentifikation entwickelt werden. Im Lichte der Ergebnisse dieser Studie ist es sicherlich nicht hilfreich, die Reduktion von Amyloid beta als alleiniges, therapieorientiertes Forschungsziel zu definieren.“

          Für Eli Lilly zumindest scheint Solanezumab kein Hoffnungsträger mehr zu sein. Der amerikanische Konzern mit seinem europäischen Forschungssitz in London spricht bereits davon, dass man „starke Wachstumsaussichten auch ohne Solanezumab“ habe.

          Weitere Themen

          Der Mensch als Ersatzteillager

          Medizin von morgen : Der Mensch als Ersatzteillager

          Künstliche Eileiter, Hirn aus dem Labor: Wie weit ist die „Reparaturmedizin“ gekommen? FAZ.NET zeigt, wie der menschliche Körper zum Testfeld der Bioingenieure geworden ist – und wie Alzheimer künftig angegangen wird.

          Antikörper gegen Asthma

          Neuer Immunstoff : Antikörper gegen Asthma

          Therapieoptionen gegen Asthma kann es nicht genug geben. Bald könnte ein Antikörper, der eigentlich gegen Hautjucken eingesetzt wird, gegen die lästige Krankheit helfen.

          Wenn der Doktor nicht mehr klingelt Video-Seite öffnen

          Ärztliche Hausbesuche : Wenn der Doktor nicht mehr klingelt

          Die Zahl der ärztlichen Hausbesuche geht in Deutschland seit Jahren zurück. Woran liegt das? Und ist es ein Problem? Bei FAZ.NET schildern Ärzte und Patienten, was sie bewegt.

          Topmeldungen

          Osteuropa und der Gipfel : Ohne uns über uns

          Trump und Putin allein in einem Raum mit einer unbekannten Tagesordnung – in Polen und der Ukraine weckt das Befürchtungen. Wird noch einmal von großen Mächten über sie gesprochen und entschieden?

          Kroatien nach WM-Finale : Das Ende einer Ära droht

          Stolz und tapfer nehmen die Kroaten ihre Final-Niederlage als gute Verlierer. Für Modric könnte die persönliche Krönung der WM noch bevorstehen. Dennoch kommen wohl unsichere Zeiten auf die Fußball-Nation zu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.