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Lage in Westafrika : Als wäre Ebola noch nicht genug

  • -Aktualisiert am

In Meliandou, einem Dorf in Guinea, tauchte Ebola 2013 erstmals auf. Die Einwohner glauben heute noch, dass eine Masernimpfung der Auslöser war. Bild: AP

Nach Ebola könnte in Westafrika die nächste Epidemie drohen. Durch den Zusammenbruch der Gesundheitssysteme haben Kinder massenweise die fällige Masernimpfung verpasst. Amerikanische Epidemiologen skizzieren die möglichen Folgen.

          Impfungen sind in Afrika eine aufwändige Sache. Die Straßen sind mit Schlaglöchern übersät, die Dörfer häufig abgelegen, und einen Impfstoff bei dreißig Grad im Schatten kühl zu halten ist nicht gerade einfach, wenn man ihn per Motorrad, Bus oder sogar zu Fuß durch die Gegend transportieren muss. Und dennoch war die Arbeit der Teams, die sich in Sierra Leone bislang um eine möglichst flächendeckende Impfung gegen Masern gekümmert hatten, eines der Dinge, die im Gesundheitssystem des Landes vergleichsweise noch am besten funktionierten. Bis das Ebolavirus kam.

          Im Laufe der Epidemie, berichtet Gisela Schneider, Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission in Tübingen, sei die Versorgung fast vollständig zusammengebrochen. Gerade mal vierzig Krankenhäuser gibt es für die sechs Millionen Einwohner. Ein Großteil von ihnen stellte aus Sicherheitsgründen oder mangels gesundem Personal die Arbeit ein. Gebärende fanden keinen Kreißsaal mehr, Aids-Patienten keine Medikamente. „Aber am stärksten betroffen waren die mobilen Behandlungs- und Impfteams in den Dörfern. Die sind quasi von der Bildfläche verschwunden“, hat die erfahrene Entwicklungshelferin vor Ort beobachtet.

          Fast eine halbe Million Kinder nicht geimpft

          Welche Folgen das haben könnte, beschreiben jetzt die amerikanischen Epidemiologen Saki Takahashi von der Princeton University in New Jersey und Justin Lessler von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore in der aktuellen Ausgabe von Science. Zusammen mit weiteren Kollegen haben sie Daten regionaler Umfragen, Bevölkerungsstatistiken und Aufzeichnungen über vergangene Epidemien und Impfaktionen ausgewertet und auf dieser Basis eine „sehr überzeugende Hochrechnung“ vorgenommen, wie der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig findet.

          Stimmen die vorgelegten Zahlen, hätten durch den Kollaps der Gesundheitssysteme in den drei von Ebola am stärksten betroffenen Ländern fast eine halbe Million Kinder die fällige Masernimpfung verpasst. Im schlimmsten Falle wären deshalb in Sierra Leone, Liberia und Guinea 100000 zusätzliche Masernkranke zu erwarten. Und bis zu 16000 zusätzliche Tote.

          Dabei sah die Situation schon vorher alles andere als rosig aus. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO kommt Liberia gerade mal auf eine Impfquote von 74 Prozent unter den einjährigen Kindern. In allen drei Ländern zusammen waren im Jahr 2013 schätzungsweise 778000 Kinder ohne Masernschutz. „Masernausbrüche zählen in Westafrika zu den zehn häufigsten Todesursachen bei Kindern“, sagt Mit Philips, Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Brüssel. Betroffen seien vor allem mangelernährte Minderjährige, die viel häufiger als ihre europäischen Altersgenossen unter Masernkomplikationen wie schweren Lungenentzündungen zu leiden hätten.

          In Liberia sind Masern jetzt schon ein Problem

          Takahashi und Lessler räumen allerdings ein, dass die Annahmen, auf denen ihre Berechnungen basieren, „etwas zu pessimistisch ausgefallen sein könnten“. So kalkulieren sie beispielsweise mit einem Abfall der Impfquoten um 75 Prozent. Nach den neuesten Erhebungen dürfte dieser Wert wohl etwas niedriger liegen. Aber selbst in ihrem optimistischsten Szenario, einem Abfall von 25 Prozent, errechneten die Forscher bis zu viertausend zusätzliche Maserntote.

          Die Realität scheint den Wissenschaftler leider recht zu geben. „In Liberia sind die Masern bereits jetzt ein großes Problem“, sagt Mit Philips. In drei von 15 Distrikten des Landes wurden inzwischen 180 Fälle gezählt. „Und das sind nur die gemeldeten, die tatsächlichen Zahlen dürften noch viel höher liegen.“ Auch in Sierra Leone seien bereits die ersten Masernkranken in den Kliniken aufgetaucht.

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