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Veröffentlicht: 17.06.2016, 10:18 Uhr

Doping im Fußball Die wollen doch nur spielen

In fast allen Sportarten wird gedopt. Nur beim Fußball angeblich nicht. Weil das nichts bringt, heißt es. Aber das ist ein einziges Märchen.

von Andreas Frey und Michael Brendler
© Jan Bazing

Als aufgeklärter Mensch mit Fußballbegeisterung muss man schon einiges verdrängen, um noch ans Gute in diesem Sport zu glauben. Korruption und Schmiergeldskandale bis in die höchsten Ränge der Fifa, Spielbetrug, Bestechung, und das alles nicht erst in jüngster Zeit. Aber immer noch hält sich der unerschütterliche Glaube, dass es möglich ist, Turniere auszurichten, die so fair und ehrlich ausgetragen werden, wie es der Fan erwartet. Womit wir bei einem Phänomen wären, von dem der Fußball behauptet, von Natur aus immun dagegen zu sein. Die Rede ist vom Doping.

Im Fußball bringt das doch nichts. Dafür ist das Spiel zu komplex. So lapidar lauten die Kommentare der Branche, wenn die anrüchige Sache überhaupt einmal zur Sprache kommt.

Fritz Sörgel ist selbst Fußballfan. Ein leidvoller, wenn man wie er aus Nürnberg kommt und zum heimischen Club hält, der in diesem Jahr mal wieder Gründe dafür geliefert hat, warum der Spruch „Der Club is a Depp“ niemals aus der Zeit fällt. Sörgel empfängt seinen Gast am Nürnberger Hauptbahnhof. Durch das Frauentor geht es an den Stadtmauern entlang in ein Café inmitten jener Trutzburg, die noch bis ins zwanzigste Jahrhundert als uneinnehmbar galt. Turmhohe Mauern, die dicht halten: der passende Ort, um über Doping zu reden.

Überall wird gedopt. Nur Fußball soll sauber sein?

Mit der Frage, ob Doping im Fußball etwas bringt, braucht man Fritz Sörgel gar nicht erst zu kommen. Der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Heroldsberg grinst dann etwas mitleidig. Die Sache sieht aus seiner Sicht nämlich so aus: Die Frage ist nicht, ob es was bringt, sondern was es bringt. Und was es schon gebracht hat. Doch bevor Sörgel über konkrete Auffälligkeiten bei Welt- und Europameisterschaften spricht, über Blutwerte und sonstige Hinweise, muss er erst ein paar allgemeinere Worte verlieren. Als im Frühjahr 2015 erstmals Belege über ein systematisches Doping während der achtziger Jahre beim VfB Stuttgart auftauchten, verstieg sich dessen damaliger Sportdirektor Robin Dutt sogar zu der Behauptung, solche Manipulationen führten im Fußball sogar zu einer Verschlechterung der Leistung auf dem Platz. Dutt, immerhin Bester seines Jahrgangs bei der deutschen Trainerausbildung, sagte, ein Spieler wäre „mit Dummheit gestraft, sich darüber zu optimieren“.

Noch vor zehn Jahren wäre er mit dieser Masche durchgekommen. Doch seit der „Operación Puerto“ in Spanien, bei der es um den Doping-Arzt Eufemiano Fuentes und den internationalen Radrennsport ging, und nach den Veröffentlichungen über die Doping-Machenschaften der Universität Freiburg sieht das anders aus. Die beiden Fälle haben Einblicke in das wahre Innenleben des Leistungssports gewährt. Der Fall Lance Armstrong hat sogar die schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen. Die aktuellen Enthüllungen in der Leichtathletik und im Wintersport bestätigen das nur. Doch ausgerechnet das Milliardengeschäft Fußball, die größte Gesellschaftsbewegung der Welt, soll systematisch sauber sein?

Dagegen sprechen allein schon die exponentiell gestiegenen Anforderungen des Spiels. „Im Fußball benötigt man alles, was klassische Doping-Mittel hergeben“, sagt Fritz Sörgel. Kraft gehört dazu, Ausdauer natürlich, aber auch Schnelligkeit, Aggressivität und - hauptsächlich bei dichtgedrängten Turnieren wie der Europameisterschaft - eine schnelle Regeneration. Die Pharmabranche lässt da kaum Wünsche offen: anabole Steroide und Wachstumshormone für mehr Muskeln und weniger Fett. Epo für mehr Ausdauer, Stimulanzien für eine aggressive Spielweise sowie allerlei Glukokortikoide, die Schmerzen unterdrücken und die Muskeln nicht so schnell ermüden lassen. „Vom harmlosen Magnesium bis zur echten Droge werfen sich Fußballer alles rein“, sagt Fritz Sörgel. Die Helden am Ball seien definitiv Chemiejunkies.

Unfreiwillige Einblicke

Äußert der Doping-Experte hier einen unfairen Generalverdacht? So kann man das sehen. Es gibt allerdings eine Menge guter Gründe, das Gegenteil anzunehmen. Bei Nahrungsergänzungsmitteln, Schmerzmitteln und angeblichen Wundermitteln wie Actovegin ist das offenkundig. Wie Spitzen-Fußballer mit diesem Mittel kontinuierlich fit gemacht werden, hat der ehemalige Nationalspieler Jens Nowotny erst kürzlich in der ARD geschildert.

Manchmal öffnet sich eben ein kleines Fenster. Aufschlussreich war vor fünf Jahren der Fall Breno Borges vom FC Bayern München. Der junge Brasilianer hatte im Alkohol- und Psychopharmaka-Wahn seine eigene Villa angezündet. Zugang zu Arzneimitteln erhielt er nach eigenen Aussagen im Verein. Der FC Bayern bestritt dies, staatliche Ermittler wollen allerdings auf ein unverschlossenes Medizinschränkchen gestoßen sein, wie Spiegel Online schrieb. „Wie beim Abendmahl“, sagt Fritz Sörgel. „Kommt herzu, es ist alles bereitet.“ Auch der Frankfurter Bundesligaprofi Ben Hatira hat kürzlich unfreiwillig Einblicke in diese Welt gegeben. Ende April postete er über Snapchat das Bild eines Behandlungstisches. Darauf zu erkennen: verschiedene Medikamente und eine fertig aufgezogene Spritze mit dem Wirkstoff Dexamethason. Die Spritze sei selbstverständlich nicht für ihn gewesen, hieß es später. Damit war die Sache erledigt.

Eindeutiger war da der Fall des französischen Nationalspielers Mamadou Sakho. Bei einem Spiel für Liverpool in der Europa League wurde er im Frühjahr positiv getestet. Angeblicher Grund: ein Mittelchen, das die Fettverbrennung fördern soll. Sakho verzichtete auf die Öffnung der B-Probe, erhielt vier Wochen Schutzsperre und suchte sich gute Anwälte. Auch das hat System: Wenn doch einmal etwas schiefgeht im Milliardengeschäft, kombinieren Fußballer Unwissenheit mit Schusseligkeit oder schieben Verantwortung auf andere ab. Ein bedauerlicher Einzelfall, heißt es, ein Versehen. Anschließend werden die meisten Kicker im Gegensatz zu Radsportlern und Athleten nur sehr kurz gesperrt. „Lächerlich“, sagt Sörgel.

Selbst beim Wunder von Bern war wohl nicht nur Traubenzucker im Spiel

Wenn Sörgel über den Fußball spricht, muss er häufig an seine Zeit in San Francisco denken. Lange Zeit ist alles ruhig. Doch hin und wieder wackelt die Erde. Das große Beben wird eines Tages kommen, auch im Fußball, so viel sei sicher. Kleinere Erschütterungen gibt es jedenfalls schon seit längerem. Als erster offiziell enttarnter Doping-Sünder einer Weltmeisterschaft flog 1974 der Haitianer Ernst Jean-Joseph auf. Der Verteidiger wurde positiv auf Ephedrin getestet. Das zu den Amphetaminen gehörende Aufputschmittel war und ist unter Fußballern beliebt. Nach Recherchen des Berliner Sporthistorikers Erik Eggers wurde die damals wie heute verbotene Substanz bei der Weltmeisterschaft 1966 in England auch an drei deutschen Nationalspielern nachgewiesen. Indizien dafür, dass Aufputschmittel im Spiel waren, lieferte vier Jahre zuvor bereits die sogenannte „Schlacht von Santiago“, jenes wüste Vorrundenspiel zwischen Chile und Italien, bei dem gespuckt, getreten, geschlagen wurde. Selbst beim Wunder von Bern sehen Historiker mehrere Anhaltspunkte dafür, dass den WM-Siegern von 1954 Pervitin gespritzt worden war und nicht nur Traubenzucker, wie bis heute behauptet wird. Pervitin, chemisch Methamphetamin, wurde im Zweiten Weltkrieg den deutschen Soldaten, aber vor allem den Piloten der Luftwaffe verabreicht. Spitzname: Hermann-Göring-Pille. Kein Wunder: Pervitin hält wach, es enthemmt, macht euphorisch und stark. Heute kennt man es als Crystal Meth.

Als vorerst Letzter wurde 1994 der argentinische Weltfußballer Diego Maradona bei einer WM erwischt. Der Befund: Ephedrin. Und ausnahmsweise nicht Kokain. Seither gab es auf der größten aller Fußballbühnen keine Doping-Fälle mehr. Das hat jedenfalls die Fifa ermittelt. Der freilich glaubt man auch nicht mehr alles.

Unabhängige Ermittler und Forscher sind bei Weltmeisterschaften bis heute nicht zugelassen. Noch vor zwei Jahren in Brasilien hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada lediglich Beobachterstatus. Mögliche Bescheide über Doping-Befunde wären in letzter Instanz vor der Veröffentlichung durch die verantwortungsvollen Hände von Sepp Blatter gegangen. Der hat schon alles Mögliche geschworen - und natürlich auch, dass sein Sport absolut sauber ist.

Nichts gesehen, nichts gehört

Wären da nicht immer wieder diese prominenten Fälle. Die ehemaligen Nationalspieler Edgar Davids, Jaap Stam, Frank de Boer, Christophe Dugarry wurden positiv auf das Steroid Nandrolon getestet. Bei Pep Guardiola fanden die Ermittler dieses Anabolikum im Jahr 2001 gleich zweimal. Er wurde allerdings neun Jahre später juristisch rehabilitiert.

Eindeutig liegt der Fall Olympique Marseille. Dort wurde in den neunziger Jahren nachgewiesenermaßen systematisch mit Epo gedopt, ebenso bei Juventus Turin. Damals stand der französische Nationalheld Zinédine Zidane in den Diensten des italienischen Meisters. Und auch Didier Deschamps, der heutige Nationaltrainer Frankreichs. Beide erklärten, von diesem Zeugs nichts mitbekommen zu haben. Sie gaben vor Gericht lediglich an, das Nahrungsergänzungsmittel Kreatin erhalten zu haben. Ebenso wenig konnte sich Rudi Völler, der zur fraglichen Zeit in Marseille spielte, an irgend etwas Doping-Ähnliches erinnern.

Gab’s nicht, gibt’s nicht und wäre bei den permanenten Kontrollen ohnehin aufgeflogen - das ist die Verteidigungsstrategie im Fußball geblieben. So haben auch Radsportler und Leichtathleten jederzeit ihre Unschuld beteuert. Helden wie Jan Ullrich zum Beispiel oder Marion Jones. Und Lance Armstrong natürlich. Sie wurden letztlich überführt. Wer aber andeutet, so etwas sei auch im Fußball gang und gäbe, wird verachtet, verklagt und verstoßen. In Deutschland musste das 1987 Toni Schumacher mit seinem Enthüllungsbuch „Anpfiff“ erleben. Dabei ist Doping zumindest beim VfB Stuttgart zweifelsfrei belegt. Außerdem haben bekannte Trainer mitunter sehr offen über das Thema geplaudert. Christoph Daum gab Anfang der neunziger Jahre zu, verletzte Spieler würden mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol behandelt (er nahm die Aussage allerdings wieder zurück). Auch Felix Magath verteidigte noch vor neun Jahren seine Forderung, Steroide zur Behandlung verletzter Spieler freizugeben.

Mysteriöse Leistungssprünge

Aber die Branche ist vorsichtiger geworden. Übrig bleiben Indizien, hin und wieder ein positiver Doping-Fall oder Hinweise auf mysteriöse Leistungssprünge. So wie bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz. Im Viertelfinale rannten die nimmermüden Russen - drei Tage nach ihrem letzten Gruppenspiel - Holland in Grund und Boden, während der Gegner mit Krämpfen zusammenbrach.

„Was trainieren die?“, wunderte sich nach dem Sieg Willi Ruttensteiner, der technische Direktor des österreichischen Fußballbundes im Wiener Standard. In die Liste der elf Spieler mit der höchsten Turnierlaufleistung schafften es am Ende gleich fünf Russen. Als Schöpfer des russisch-holländischen Erfolgs wurde von einheimischen Zeitungen schnell „Hiddinks Wunderwaffe“ ausgemacht: der Fitnesscoach Raymond Verheijen.

Verheijen? Da war doch was. Schon bei der WM 2002 in Japan und Südkorea führte das Duo Hiddink/Verheijen den Gastgeber vom Festland bis ins Halbfinale. In zwei 120-Minuten-Spielen schossen die Asiaten Favoriten wie Italien und Spanien aus dem Turnier und wurden erst im Halbfinale von Deutschland gestoppt. Die Fußballwelt staunte über die irre Laufleistung der Südkoreaner, die sich ihrerseits schnell mit Doping-Vorwürfen anderer Länder konfrontiert sahen. Allein das ist schon auffällig im Kameradenland Fußball. Hiddink konterte die Vorwürfe mit abenteuerlichen sportphysiologischen Argumenten. „Die Grundschnelligkeit verbessert man nicht mit Medikamenten“, sagte er.

Verheijens Erfolgsrezept: weniger trainieren

Rückblickend sprechen Insider heute von einer Epo-WM. Doch nicht nur Diskussionen über das künstliche Hormon beherrschten das Turnier, sondern auch jene grotesken Schiedsrichterentscheidungen, die Südkorea erst den Weg ins Halbfinale ebneten. Der Referee des Italien-Spiels, der Ecuadorianer Byron Moreno, wurde Jahre später mit sechs Kilogramm Heroin in der Unterhose am Flughafen in New York erwischt und zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Verheijen hat die Doping-Vorwürfe stets bestritten. Das Geheimnis seines Erfolgs? Weniger trainieren. „Eine Einheit pro Tag ist genug“, verkündete er vergangenes Jahr in der Schweizer SonntagsZeitung. Im üblichen Fußballtraining werde dem Körper zu wenig Erholung gegönnt, lautet Verheijens Theorie. Waldläufe und andere Konditionsbolzereien sind für den Niederländer deshalb tabu, in seinem Training werde nur Fußball gespielt. Die Neue Zürcher Zeitung berichtete einmal, in rekordverdächtigen drei Wochen habe Verheijen die Grundlagen für das russische Laufwunder bei der EM 2008 gelegt.

In drei Wochen also. Das ist seltsam. Mehr Zeit blieben auch dem Team von Bundestrainer Joachim Löw einschließlich Mannschaftsarzt Tim Meyer nicht, als es 2014 im Südtiroler Trainingslager darum ging, aus einem Haufen ausgelaugter Nationalspieler ein Weltmeisterteam zu formen. Mehr als ein Fitness-Update und Feintuning seien in dieser kurzen Zeit kaum möglich, wenn man das Fußballerische nicht völlig vernachlässigen will, sagt Meyer. Er kümmert sich um die internistische Betreuung der Spieler, um die Leistungsdiagnostik und um das Anti-Doping-Management. Für die orthopädische Betreuung ist beim DFB nach wie vor Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt zuständig. Mull, wie ihn seine Patienten nennen, ist vielleicht der letzte Weltstar in Weiß. Was vielleicht daran liegt, dass er der einzige ist, der nach eigenen Aussagen mit den Fingern sehen kann.

Ab in die Eistonne

Dass sie mit den Fingern sehen, würden nicht viele Sportmediziner von sich behaupten. Der Mannschaftsarzt Tim Meyer verlässt sich eher auf seine Augen. Meyer arbeitet hauptberuflich an der Universität des Saarlandes, wo er in Jeans, Hemd und Turnschuhen empfängt. Von seinem Büro aus sieht man ein Waldgebiet. Und auch an den Wänden eine Menge: Eine Fotokollage des deutschen Sommermärchens anno 2006, gleich daneben die gerahmte Mannschaftsaufstellung des ersten Länderspiels unter seiner Mitwirkung, vom damaligen Bundestrainer Rudi Völler auf ein weißes Plakat gekritzelt. Namen wie Linke und Jancker stehen darauf - ein Zeitdokument aus der Urzeit des deutschen Fußballs.

Meyer berichtet, wie es vor Turnieren in der Nationalelf aussieht. „Die Spieler kommen mit einer aufsummierten Müdigkeit aus der vorangegangenen Saison“, sagt er. Vor allem in psychologischer Hinsicht seien die Schweinsteigers und Müllers nach dem Ende der Bundesliga-Spielzeit eigentlich urlaubsreif. Ein bisschen ruhiges Training, etwas Freizeitgestaltung, ein paar Übungen für die Schnelligkeit - das sei wichtig, um den Kopf der Spieler wieder freizukriegen. Kurze Sprints gegen Widerstände sollen dann die letzten versteckten Potentiale an Spritzigkeit und Sprintvermögen herauskitzeln. Im Open-air-Kraftraum wird zudem noch ein bisschen an der Standfestigkeit im Zweikampf gefeilt. „Aber an den Grundlagen der Fitness kann man in der kurzen Zeit wenig ändern, die müssen die Spieler von ihren Vereinen mitbringen“, sagt Meyer.

Wenig ändern lässt sich einstweilen auch an der Regenerationsfähigkeit der Spieler während des Turniers. Am wirkungsvollsten seien immer noch die berühmte Eistonne und die Ernährung unmittelbar nach Training und Wettkampf, sagt Tim Meyer. Angebliche Frischkuren mit Spurenelementen, Antioxydantien oder Proteincocktails bringen dem Körper wenig. Primär gehe es darum, den Energietank in den Muskeln, den Glykogenspeicher, wieder aufzufüllen. „Ich denke, dass der Faktor Regeneration in seinem Ausmaß und unser Einfluss darauf überschätzt wird“, sagt der Sportmediziner. Andere Dinge wie die interne Team-Dynamik seien viel wichtiger.

Die Studien sprechen eine andere Sprache

Anders sieht es aus, wenn ein Arzt zu illegalen Tricks greift. Leitet man den Zucker per Infusion direkt ins Blut und beschleunigt seine Aufnahme in die Zellen durch Insulingaben, kommt ein erschöpfter Sportler deutlich schneller auf die Beine. Das haben Tour-de-France-Teilnehmer eindrucksvoll demonstriert. Für die deutsche Nationalmannschaft schließt der Teamarzt erwartungsgemäß jede Art von Doping aus. „Ich kann Ihnen versichern, dass bei uns nicht gedopt wird, und es gibt in unseren Untersuchungen auch keinerlei Hinweise darauf, dass einer unser Spieler in einem anderen Rahmen zu solchen Mitteln greift.“

Die Deutschen sind sauber, soll das heißen. Im Hinblick auf andere Nationen kommen schon mal Zweifel auf. Der Doping-Experte Fritz Sörgel kann da eine Menge erzählen. Er hat zu unserem Gespräch gleich drei Studien mitgebracht. Es sind die offiziellen Doping-Berichte der Europameisterschaften 2008 und 2012 sowie der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Verdächtig kommen ihm vor allem die Hämoglobinwerte vor. Bei jener EM 2008, bei der die Russen ihre Gegner niederrannten und das spanische Wunder begann, wurden nach den Spielen bei rund einem Dutzend Fußballern sehr hohe Werte von mehr als 170 Gramm pro Liter gemessen. Im Radsport hätte dies eine Schutzsperre bedeutet. Noch merkwürdiger: Die Werte lagen während des Turniers konsequent höher als in der Vorbereitung. Eigentlich sollte der Hämoglobinwert aber im Verlauf eines anstrengenden Turniers abnehmen.

Die Autoren der Studie erklären das Mysterium mit einer möglichen Dehydration der Sportler. Deshalb ließen sie die Kurve bei der EM-Analyse 2012 gleich ganz weg. Seltsam bloß, dass die Werte bei der WM im schwülheißen Brasilien den Erwartungen entsprachen: Also mehr Hämoglobin vor der WM und weniger währenddessen. Dort hatte das Schwitzen - im Gegensatz zu den Turnieren in Europa - offenbar keinen Einfluss mehr, was die Autoren des Fifa-Berichts sogar offen ansprachen. Die meisten Epo-Varianten, die den Hämoglobinwert beeinflussen, waren 2008 übrigens noch nicht nachweisbar.

Ungewöhnlich hoch waren zudem die Testosteronwerte. Bei der EM 2012 lagen einige um den Grenzwert herum, manche darüber. Im Oktober 2015 tauchten erneut interessante Zahlen auf. Fünf Jahre lang hatten Forscher Proben von fast neunhundert Profis bei Champions-League-Spielen untersucht. Das Ergebnis: 68 Spieler wiesen erhöhte Werte auf. Doping-Fälle? Das halten Experten für plausibel. Offiziell wurde aber nichts bekannt.

Zu komplex fürs Doping?

Dem Mainzer Sportmediziner Perikles Simon kommt im Fußball schon lange einiges spanisch vor. Simon spricht für einen Sportmediziner sehr offen über Doping. Und er hat eine eigene Art, über das Thema zu reden. Sanft im Ton, aber knallhart in der Sache. Auch ihm sind die Auftritte der Griechen 2004 und der Russen 2008 in Erinnerung geblieben: „Trainingsphysiologisch fallen mir für diese Leistungen keine Erklärungen ein, medikamentös eine Menge“, sagt er. Ein bisschen Epo in kleinen Portionen, dazu ein paar maskierende Eigenblut-Transfusionen, ein paar Dosen Insulin und das ganze abgerundet mit den anabolen Hormonen Testosteron und Epitestosteron - fertig ist zumindest in der Theorie das Rezept, um aus einer Mannschaft von Zweitligakickern wie 2004 bei den Griechen einen konditionsstarken Europameister zu formen. Deren Kapitän Theodoros Zagrakis war übrigens bereits 2001 positiv getestet worden, und kurz vor der EM 2004 in Portugal wurden bei ihm unzulässig hohe Testosteronwerte festgestellt. Er durfte trotzdem teilnehmen.

Der Chefarzt der Fifa, Jiri Dvorak, bestritt noch vor zwei Jahren jede Möglichkeit einer Leistungssteigerung. Angeblich zu komplex. Der Vater dieses Arguments ist wahrscheinlich der im Jahr 2000 verstorbene Freiburger Sportmediziner Joseph Keul, Leiter jener Einrichtung, die den deutschen Radsport an die Weltspitze dopte und jahrelang eine der größten Untersuchungskommissionen der Sportgeschichte beschäftigte. In Bezug auf den Fußball lebt seine Position weiter. Otto Rehhagel, der Griechenland überraschend zum Europameister geführt hatte, sagte einmal: „Wer mit links nicht schießen kann, trifft den Ball auch nicht, wenn er hundert Tabletten schluckt.“ Christian Streich, Bundesliga-Trainer des SC Freiburg, stellte gleich eine ganze Theorie auf: „Wenn du stimulierende Substanzen nimmst, kannst du die Ausdauer verbessern. Dass du gepusht bist, dass du marschierst. Das führt dazu, dass du keine Ruhe mehr hast am Ball. Und so widersprechen sich viele Dinge. Und das ist das große Glück des Fußballs.“

Perikles Simon kann das nicht mehr ernst nehmen: „Das ist Doping-Wissen der achtziger Jahre.“ Gerade weil der Fußball so eine komplexe Sportart sei, biete er besonders viele Doping-Potentiale. „Ich kann an ganz vielen unterschiedlichen Schrauben drehen“, sagt Simon. „Natürlich wäre Doping im Fußball effektiv, gar keine Frage“, räumt auch Nationalmannschaftsarzt Meyer ein.

Power ohne Ende, Epo sei dank

Moderne Doping-Zaren wie Fuentes oder Victor Conte spritzten längst nicht mehr eine oder zwei, sie verabreichten einen ganzen Cocktail von Substanzen, die dann jeweils ganz unterschiedliche Schwachstellen bedienen. Auch Pharmakologen berichten, sie seien immer wieder verblüfft, wie viele verschiedene Mittel Fußballer einwerfen. Das Stimulans Captagon in Verbindung mit Alkohol zum Beispiel, wie es in den achtziger Jahren üblich war. Wissenschaftlich ergibt das gar keinen Sinn, außer dem, dass Alkohol den Übergang des Wirkstoffs ins Blut beschleunigt.

Pharmakologen lernen auf diese Weise dazu. Erythropoetin (Epo) zum Beispiel war ursprünglich ein Krebsmedikament. Zuerst entdeckten die Ausdauersportler, dass es auch für ihre Zwecke nützlich sei. Aber auch im Fußball ist es eindeutig hilfreich, da ist sich Sportarzt Simon sicher. Die Kondition lässt sich mit dem künstlichen Hormon um fünf bis fünfzehn Prozent steigern. Spiele werden heute in den letzten Minuten entschieden. Wer da noch Power hat, ist klar um Vorteil.

Im Schnitt bewegt sich ein Feldspieler neunzig Minuten lang knapp unter seiner Laktatschwelle und steht damit stets am Rand der Überlastung. Wird sie überschritten, was im Spielverlauf regelmäßig vorkommt, leidet auch die Koordination und damit die Fähigkeit, präzise Pässe zu schlagen. Wissenschaftler wiesen das nach, indem sie Fußballer im Labor mit dem Ball jonglieren ließen. 64 Mal konnten die Spieler ausgeruht den Ball ohne Bodenkontakt hochhalten, nur noch ganze dreimal, nachdem sie sich im Training verausgabt hatten. „Mit Epo können sie härter trainieren, sie können besser die geforderten Laufleistungen bringen, sie können nach einem Sprint genauer schießen: Selbstverständlich profitiert ein Fußballer von Epo-Doping“, sagt Simon.

Im Training nicht einmal verboten

Auch Steroide können helfen, ein Spiel zu entscheiden. Sie machen schneller und spritziger. Wie erfolgreich man dabei mit Anabolika wie Testosteron, Nandrolon oder Stanozolol nachhelfen kann, bewies schon 1988 der 100-Meter-Läufer Ben Johnson. Anabole Steroide verbessern den Antritt, die Koordination und die Körperstabilität. Selbst die Kondition lässt sich mit Hilfe derartiger Mittel um fünf bis sechs Prozent steigern. Wer das richtige Mittel wählt und das verräterische Verhältnis von Testosteron und Epitestosteron im Auge behält, muss heute noch nicht einmal eine Entdeckung befürchten. Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: Anabolika helfen dem Muskel, sich schneller von Belastungen zu erholen und Schäden zu reparieren.

Dass ein Aufpumpen der Muskulatur auf Kosten feinerer, koordinativer Fähigkeiten gehe, hält Simon für reine Zweckpropaganda: „Die DDR hat selbst unter Turnern flächendeckend anabole Steroide eingesetzt. Und dort sind koordinative Abläufe in einer Geschwindigkeit gefragt, von der Fußballer in der Regel nur träumen können.“ Stattdessen ist es wohl umgekehrt: Auch bei der Feinmotorik hilft der Griff in den Medikamentenschrank. Mit dem Einsatz von Stimulanzien wie Captagon, Ephedrin und Methylphenidat lassen sich fußballerische Kernkompetenzen wie Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und eben auch die psychomotorischen Fähigkeiten optimieren. Ihre Wirkungsdauer liegt passenderweise bei ungefähr neunzig Minuten. „Für Fußballer perfekt“, sagt Simon. Im Training haben Fifa und DFB derartige Amphetamine nicht einmal verboten.

Die „Ausdauersprinter“ von heute

Man darf bei alldem nicht vergessen, wie sehr sich das moderne Fußballspiel beschleunigt hat. Von der Günter-Netzer-Generation der Standfußballer ging es vierzig Jahre lang über die Rumpelfußballer der Jahrhundertwende bis zu den Ausdauersprintern von heute. „Der Fußball hat den Turbo angeworfen“, sagt der Sportjournalist Thomas Kistner von der Süddeutschen Zeitung. Kistner hat ein Buch über Doping im Fußball geschrieben; es ist das bisher dichteste und erschütterndste Werk über den Lieblingssport der Deutschen. Den Begriff „Ausdauersprinter“ hat er selbst erfunden. Kistner, 57, ist aktiver Kicker. Heute bei den Alten Herren, früher in höheren Amateurligen, immer Stürmer. Und jetzt natürlich Trainer, bei der D-Jugend in Tutzing am Starnberger See, wo er im Mai seinen Gast empfängt, um über Doping zu reden.

Frage an den Journalisten: Sind die Fans überhaupt noch überrascht oder inzwischen nicht gelangweilt vom Dauerthema Doping? „Vielleicht im Radsport“, sagt Kistner, „aber nicht im Fußball. Das ganze Ausmaß wäre für die meisten Leute neu.“ Im Profisport herrsche eine Art Omertà. Kriminalbeamte aus verschiedenen Ländern hätten ihm bestätigt, dass das Schweigegelübde dort härter sei als bei der Mafia.

Jüngstes Beispiel ist der Fall des Dr. Bonar in England. Die Sunday Times und die ARD hatten den Londoner Arzt im Frühjahr mit versteckter Kamera gefilmt, als er prahlte, Profis von vier Premier-League-Teams gedopt zu haben, darunter auch der neuen Überraschungsmeister aus Leicester. Die Teams hätten sich zwar dagegen verwahrt, aber niemand klagte. Denn wo geklagt wird, da wird ermittelt. Bonars Patientenakten blieben ungeöffnet.

Man muss schon dämlich sein, um sich schnappen zu lassen

„Das Doping-Ding stinkt zum Himmel“, sagt Kistner. Die Fußballer könnten sich auf die völlig unzureichenden, praktisch nicht existenten Kontrollmechanismen verlassen. „Man muss schon irrsinnig dämlich sein, um sich schnappen zu lassen“, sagt Kistner. Die Testdichte sei gering, verglichen mit anderen Sportarten. Viele Hightech-Doping-Mittel sind bis heute nicht nachweisbar. Und auf dem Weg zwischen abgegebener und analysierter Probe gibt es zahlreiche Möglichkeiten zu manipulieren. Das beginnt schon beim Pinkeln, wo der unbeaufsichtigte Sportler eine Urinprobe in wenigen Augenblicken austauschen könnte. Beliebt waren laut Kistner auch lange Zeit Enzyme in Tütchen, die Spuren von Epo im Urin beseitigen.

Um das zu verhindern, wurden sogenannte Chaperons (französisch für „Anstandsdamen“) eingeführt. Das sind Helfer, die den Sportler nicht aus den Augen lassen sollen. Aber auch da gibt es Möglichkeiten. Dokumentiert ist, wie der deutsche Spieler Oliver Neuville bei der WM 2006 darum bat, der Chaperon solle mal kurz rausgehen. Er könne nicht unter Aufsicht pinkeln. Was der dann auch prompt tat. Damit soll Neuville natürlich nichts unterstellt werden.

Wenn der Urin dann im Labor ist, geschehen manchmal wundersame Dinge. Zwischen 2003 und 2006 beispielsweise wiesen 17 Prozent der 3050 Urinproben, die im Lausanner Doping-Labor untersucht wurden, überhaupt kein Epo auf. „Wohlgemerkt: gar kein Epo“, sagt Kistner. Medizinisch ist das nicht zu erklären, allenfalls mit einer schweren Nierenerkrankung. Denn das Hormon Erythropoetin bildet der Körper auf natürliche Weise in Spuren auch selbst.

Der Arzt ist immer schuld

Sarkastisch wird Kistner, wenn er an den Fall Fuentes in Spanien denkt. Dort weigerten sich Richter gleich zweimal, Belege über Doping bei spanischen Mannschaften zuzulassen. Fuentes selbst hatte im Gerichtssaal das Angebot unterbreitet, Namen zu nennen. Von ihm stammt der Satz: „Wenn ich auspacke, heißt es: Adios Weltmeister- und Europameistertitel.“ Emotional wird Kistner, wenn der Name Pep Guardiola fällt. „Aus diesem edlen Spanien stammt nun der edle Pep, der eine Art hochintensiven Hallenfußball im Freien spielen lässt“, sagt er. Pep hatte in den drei Jahren bei Bayern München die größten Probleme mit der medizinischen Abteilung. Im Frühjahr 2015, nach der Niederlage in Porto, vollzog er den Bruch mit dem Sportarzt Müller-Wohlfahrt. „Und wen hat Guardiola in diesem Frühjahr nach dem Halbfinal-Aus gegen Atlético Madrid angeschnauzt? Die Abwehr, die den entscheidenden Konter zum Gegentor zuließ? Müller, der den Elfer verschoss? Nein, den Doktor und die Physiotherapeuten.“ Ein Doping-Vorwurf sei das freilich nicht. Wohl aber eine Dauerproblematik, die Fragen aufwirft.

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Thematisiert wird das alles lieber nicht. Die meisten Sportjournalisten haken bei einem Verdacht nicht nach. Fußball ist ein zu dickes Geschäft, das man nicht selbst zerstört. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk zahlt Hunderte Millionen für Übertragungsrechte. Es herrscht ein Abhängigkeitsverhältnis, wie man es immer dann beobachten kann, wenn das blöde Doping-Thema zur Sprache kommt. Rudi, Franz, Mehmet, Jürgen: Habt ihr was von Doping mitbekommen? Antwort: natürlich nicht. „Abfragen der rituellen, Dementis“ nennt Kistner diese verbreitete Praxis.

Vor vier Jahren hat Thomas Kistner ein Buch über die Fifa veröffentlicht. Es hagelte anschließend Kritik. So versaut könne dieser Verein doch gar nicht sein. Allein dieser reißerische Buchtitel: „Fifa-Mafia“. Heute weiß man es besser.

Vorwärts, marsch!

Von Joachim Müller-Jung

Samstag ist Demotag: Marsch für die Wissenschaft. Gegen die Wissenschaftsfeinde. Haut auf den Trump also? Jedenfalls wollen die Klügsten gerne gehört werden. Was schreibt man da aufs Plakat? Mehr 4 27

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