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Doping-Analytik : „Wir sind selten auf Augenhöhe“

  • Aktualisiert am

Bild: Jan Bazing

Bei der Doping-Kontrolle geht es zu wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel. Immer neue Mittel kommen hinzu. Doch die Fahnder haben auch ihre Tricks auf Lager, sagt der Experte Mario Thevis.

          Herr Thevis, der Sport wird fast täglich von neuen Doping-Meldungen erschüttert. Schauen Sie noch zu?

          Ich schaue nach wie vor Sport, auch wenn ich einen gehörigen Teil der Freude daran eingebüßt habe. Aber ich werde keine Pauschalverurteilung vornehmen. Ich hoffe immer noch, dass zahlreiche Sportler mit sauberen Mitteln an den Start gehen.

          Sie hecheln doch den Betrügern immer nur hinterher.

          Wir werden selten auf Augenhöhe mit denen sein, die das Doping-Kontrollsystem zu unterwandern versuchen. Aber unser Ziel ist natürlich, möglichst zügig neuen Trends nachzugehen und diese möglichst zeitnah einzudämmen.

          Ist der Sport hinsichtlich neuer Mittel ein großes Experimentierlabor?

          In einigen Bereichen schon. Nicht selten finden wir Substanzen bei Sportlern, die es im klinischen Kontext nicht zum Routineeinsatz geschafft haben. Es werden also experimentelle Substanzen genommen, die aufgrund eines unzureichenden Wirkungsprofils keine medizinische Zulassung erhalten haben. Im Sport wird definitiv ein deutlich höheres Risiko eingegangen, als man sich medizinisch zumuten oder erlauben dürfte. 

          Finden Sie auch ganze Medikamenten-Cocktails?

          Gelegentlich auch das. In der Regel sind es aber wenige Substanzen, die in den Doping-Kontrollen gefunden werden. Ich denke, dass der Einsatz von mehreren verbotenen Substanzen nur auf wenige Sportler und Sportarten zutrifft.

          Wie muss man sich Ihre Arbeit genau vorstellen?

          Wir arbeiten zweigleisig. Auf der einen Seite entwickeln und verbessern wir Nachweisverfahren für verbotene Substanzen und Methoden. Wir müssen uns überlegen, was heute oder künftig missbräuchlich eingesetzt werden kann. Dazu versetzen wir uns gedanklich in die Situation eines Athleten, eines Trainer oder Betreuers, der das Kontrollsystem unterwandern möchte. Auf der anderen Seite gehen wir unserem täglichen Auftrag nach, Doping-Kontrollen zu analysieren.

          Wie sieht das im Einzelnen aus?

          Die Proben werden uns ins Haus geschickt. Sie bestehen entweder aus Urin, Blut oder Serum. Sie werden uns in codierten Flaschen per Kurier zugestellt und anschließend einer Registrierung unterzogen. Jede Probe erhält eine laborinterne Nummer. Die A-Probe wird geöffnet, die B-Probe tiefgefroren und weggeschlossen. Die A-Probe kontrollieren wir auf in dieser Sportart verbotene Substanzen. Dabei unterscheiden wir zwischen Kontrollen, die während des Wettkampfs, und denen, die außerhalb des Wettkampfs durchgeführt werden. Bei diesen Trainingskontrollen ist das Spektrum der verbotenen Substanzen reduziert.

          Lange Zeit gab es in vielen Sportarten nur Urinproben. Warum sind für eine umfassende Kontrolle auch Blutproben nötig?

          Im Idealfall erhalten wir beide. Es gibt zahlreiche Substanzen, die sich exzellent und sehr lange im Urin nachweisen lassen. Einige andere allerdings lassen sich in Urin kaum oder gar nicht erfassen. Blutkontrollen sind nicht zu ersetzen, wenn es um Manipulation der Blutzusammensetzung geht, zum Beispiel bei Bluttransfusionen. Oder wenn es sich um den Missbrauch von Wachstumshormon handelt. Stimulanzien oder Anabolika hingegen findet man langfristig und im Allgemeinen problemlos in Urin.

          Die „New York Times“ hat im Mai enthüllt, dass im Doping-Kontroll-Labor in Sotschi Proben durch ein faustdickes Loch in der Wand ausgetauscht wurden. Genaues ist nicht bekannt. Wie sehen diese Behältnisse aus? Kann man die so einfach tauschen?

          Das sind stoßfeste Glasbehältnisse, die am oberen Rand unterhalb des Gewindes Glaszähne haben, in die der verschraubbare Deckel mit Metallzähnen greift. Wenn er einmal verschraubt ist, muss man den oberen Teil des Deckels zerbrechen, um an den Inhalt der Flasche zu gelangen. Ich denke nicht, dass ganze Probengefäße ausgetauscht wurden, was in der Tat nicht leicht sein dürfte. Ich verstehe die Beschreibungen des ehemaligen russischen Laborleiters in der „New York Times“ eher so, dass man einen Weg gefunden hat, den vermeintlich manipulationssicheren Verschluss ohne Zerstörung des Siegel-Deckels zu öffnen, um daraufhin den Urin ausgewählter Athleten auszutauschen.

          Wer sagt Ihnen eigentlich, nach welchen Substanzen Sie suchen sollen?

          Wir haben den Anspruch, möglichst umfangreich zu testen. Die Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada ist keine geschlossene Liste. Deshalb erfassen wir auch chemisch und pharmakologisch verwandte Substanzen in den allermeisten Fällen mit. Designer-Steroide sind ebenso verboten wie die anabolen Steroide, die auf der Verbotsliste namentlich erwähnt sind. Am Ende muss der Auftraggeber sagen, ob neben dem Pflichtprogramm ein erweitertes Spektrum getestet werden soll. Derzeit können wir mit unseren Methoden etwa 400 verschiedene Substanzen erfassen.

          Das ist wahrscheinlich auch eine Frage des Geldes.

          Ein einfaches Beispiel ist die Analytik von Erythropoetin, also Epo. Man könnte vermuten, dass jede Probe, die in einer Sportart genommen wird, bei der die Ausdauer der Athleten im Vordergrund steht, auf Epo getestet wird. Doch das ist in der Tat zeit- und kostenintensiv und wird deshalb nur zu einem bestimmten Prozentanteil von den Auftraggebern angefordert.

          Wie sieht das dann im Fußball aus?

          Legt man die Statistik der Wada von 2014 zugrunde, zeigt sich, dass in erster Linie Urinkontrollen durchgeführt wurden. Von diesen hatten etwa zehn Prozent einen Analyseauftrag für Epo.

          Warum ist der Nachweis einiger Substanzen so schwierig?

          Schwierig ist es grundsätzlich bei allen Substanzen, die der Körper auf natürliche Weise selbst herstellt. Das betrifft neben Epo beispielsweise auch Insulin, Testosteron und Wachstumshormon. Künstlich hergestelltes und in Medikamentenform verfügbares Epo ist für Menschen gedacht, die aufgrund einer Erkrankung ein Defizit aufweisen. Die Pharmaindustrie ist daher bemüht gewesen, dass zu ersetzende Hormon so naturidentisch wie möglich zu gestalten, um mögliche Abwehrreaktionen des Organismus zu vermeiden. Das wiederum macht es uns so schwer zu unterscheiden: Haben wir es in der vorliegenden Probe mit einer körpereigenen oder körperfremden Substanz zu tun?

          Manche Sportler sollen Mikrodosen von Doping-Mitteln einnehmen, die über Nacht aus dem Körper ausgewaschen werden. Funktioniert das?

          Für die ein oder andere Doping-Maßnahme mag das zutreffen, aber sicher nicht für viele Substanzen. Gerade was Epo betrifft, sind Mikrodosierungen durchaus testbar. Man muss allerdings auch die richtigen Tests anwenden.

          Aber Designer-Steroide finden Sie mit den Standardtests nicht so leicht.

          Wahrscheinlich nicht. Solche Mittel hat es in der Vergangenheit tatsächlich schon häufiger gegeben. Wenn uns deren Struktur gänzlich unbekannt ist, ist der Nachweis schwierig. Da bedarf es entweder ergänzender Analyseverfahren oder Informationen aus dem Sportumfeld. Es gibt da verschiedene Plattformen, auf denen wir uns umschauen, und wir arbeiten eng mit nationalen wie internationalen Behörden zusammen.

          Die Fragen stellte Andreas Frey

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