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Weniger Tote durch Darmkrebs : Der Vorteil der Vorsorge wird messbar

  • -Aktualisiert am

Ein Patient wird im Darmzentrum Ruhr im St. Josefs-Hospital in Dortmund mit einem Computertomographen untersucht Bild: ddp

Lange erhofft, oft vermisst: Endlich ist die Trendwende da. Die Sterblichkeit durch Dickdarmkrebs nimmt ab. In Zukunft sind weniger Darmtumoren zu erwarten.

          Die Anstrengungen hierzulande, den Dickdarmkrebs zu vermeiden und die Behandlung zu verbessern, sind beispiellos im europäischen Vergleich. Kein Wunder, dass sie im Blick auf ihren Nutzen hinterfragt werden. Vor allem das Angebot, allen Bürgern ab dem fünfundfünfzigsten Lebensjahr eine Spiegelung des Dickdarmes, eine Koloskopie, im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung zu bezahlen, stößt nicht selten auf heftige Kritik. In einigen Medien erscheinen mit Regelmäßigkeit Berichte, die die Gefährlichkeit der Maßnahme betonen und den Nutzen in Zweifel ziehen.

          Seit Einführung der Vorsorgekoloskopie in den Katalog der Leistungen der Versicherungen wird in Deutschland das weltweit größte Register zur Sicherheit und Effektivität der Maßnahme geführt. Während des traditionellen Forums Gastroenterologie Mainz-Wiesbaden, das in einer Kooperation mehrere Kliniken der Region mit der Universitätsmedizin Mainz verbindet und in diesem Jahr vom Katholischen Klinikum Mainz ausgerichtet wurde, haben kürzlich Experten den Nutzen der Maßnahme diskutiert.

          Für Jürgen Riemann steht der außer Frage. Riemann ist Mediziner und Vorsitzender der Stiftung Lebensblicke, die sich die Prävention des Dickdarmkrebses zur Aufgabe gemacht hat. Eine wichtige Unterscheidung gelte es zu beachten, wenn man die Effektivität der Vorsorgekoloskopie beurteilen will. Es ist eine Sache, Krebs frühzeitig zu erkennen. In dieser Hinsicht wurden bereits erhebliche Fortschritte in Deutschland erzielt. Heute werden nahezu die Hälfte aller Tumoren in einem frühen Stadium entdeckt. Dann ist die Krankheit heilbar. Allein dies rechtfertigt die Bemühungen, bedenkt man, dass derzeit der Krebs am Dickdarm immer noch die häufigste bösartige Erkrankung ist. Das Robert Koch-Institut konnte kürzlich für das vergangene Jahr einen Rückgang der Sterblichkeit an Dickdarmkrebs in Deutschland bestätigen. Die Zahl sank von 30.000 auf 25.000 Todesfälle im Jahr 2013.

          Sterblichkeit kann um 30 Prozent gesenkt werden

          Eine andere Sache ist es, Sorge zu tragen, dass der Krebs erst gar nicht entsteht. Dies sei der weit bedeutsamere Aspekt der Spiegelung. Die Früherkennung des Dickdarmkrebses gilt es von der Prävention zu unterscheiden. Die Mehrzahl der Tumoren am Dickdarm entsteht aus Vorstufen, die als Adenome bezeichnet werden. Diese polypenartigen Gebilde wachsen aus der Schleimhaut heraus und können sich innerhalb von vielen Jahren in eine bösartige Neubildung verwandeln. Die Zeit bis zur malignen Transformation ist lang. Sie beläuft sich auf zehn bis fünfzehn Jahre, wie Riemann betonte. Bei fast vierzig Prozent gesunder Personen jenseits des sechzigsten Lebensjahres finden sich Polypen.

          Die Zugänglichkeit der gutartigen Vorstufen bei der Spiegelung, die Möglichkeit, sie bei der Koloskopie zu beseitigen, und die Latenz bis zur bösartigen Transformation schaffen beste Voraussetzungen, die Entstehung des Dickdarmkrebses zu verhindern. Angesichts der Zeit, bis sich aus Polypen Krebs entwickelt, versteht es sich jedoch, dass die Früchte der Prävention nicht rasch zu haben sind. Ein epidemiologisch nachweisbarer Effekt ist in seinem vollen Ausmaß erst nach etwa zwei Jahrzehnten zu erwarten.

          Doch jetzt zeichnet sich eine Trendwende ab. Wissenschaftler um Hermann Brenner vom Deutschen Krebskonsortium in Heidelberg haben Untersuchungen analysiert, in denen der Nutzen der Dickdarmspiegelung nach langer Beobachtung überprüft wurde („British Medical Journal“, doi: 10.1136/bmj.g2467). Die Ergebnisse darf man getrost als kleine Sensation bezeichnen. Die Sterblichkeit von Dickdarmkrebs kann um dreißig Prozent gesenkt werden, selbst wenn nur der untere Abschnitt des Organs im Rahmen der Vorsorge gespiegelt wird. Allerdings gilt, dass eine vollständige Koloskopie dann notwendig ist, wenn bei der kleinen Untersuchung, der Sigmoidoskopie, Polypen entdeckt werden.

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