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Veröffentlicht: 26.11.2016, 10:02 Uhr

Nutzen von Viren Mit schlechten Absichten und gutem Karma

Trainingspartner für unsere Körperabwehr oder hilfreiche Ordnungshüter? Der Mensch schleppt ein ganzes Arsenal an Viren mit sich herum - und profitiert offenbar sogar davon.

von Hildegard Kaulen
© Science Photo Library Hartnäckig, aber mit Mehrwert? Das (hier gezeichnete) Herpes-Virus ankert im Erbgut.

Der Mensch ist wegen der vielen Mikroorganismen in seinem Körper ein Ökosystem, kein Einzelwesen. Und weil dieses Ökosystem sorgfältig studiert werden will, gibt es dafür eine neue Disziplin - die medizinische Ökologie. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit den Auswirkungen der Mikroorganismen auf die Gesundheit. Während sich die Wissenschaftler bereits ein gutes Bild von den Vorteilen der Bakterien gemacht haben, wissen sie nur sehr wenig über den Nutzen der ansässigen Viren, die in ihrer Gesamtheit als Virobiota bezeichnet werden.

 
Der Mensch schleppt ein ganzes Arsenal an Viren mit sich herum - und profitiert offenbar sogar davon

Viren bilden die größte und vielfältigste Gruppe unter den Mikroorganismen. Ein Gramm Kot enthält bis zu einer Milliarde Viren, aber nur hundert Millionen Bakterien. Die Ambivalenz der Viren und einige ihrer Eigenschaften erschweren die Inventur. Viren sind nämlich weder konstant krankheitsauslösend noch immer und überall harmlos, was die Unterscheidung zwischen Freund und Feind sehr viel komplizierter macht als bei Bakterien oder Pilzen. Außerdem hängt der Ausgang einer Virusinfektion vom Gesundheitszustand und dem Immunstatus des Betroffenen ab. Trotzdem belegt die Tatsache, dass acht Prozent des menschlichen Erbguts viralen Ursprungs sind, dass es eine lange und fruchtbare Koevolution zwischen Menschen und Viren gegeben haben muss und noch immer gibt.

Die virale Gemeinschaft im menschlichen Körper

Warum lässt sich dieser Nutzen sehr viel schwerer beziffern als der Nutzen der Bakterien und Pilze? Eric Delwart von der Universität Kalifornien in San Francisco beantwortet diese Frage in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „The Scientist“. Viren bringen eine Reihe von Besonderheiten mit, die sie zu problematischen Mitstreitern machen. Dazu gehört, dass Viren lebende Zellen infizieren müssen, weil sie mit den wenigen Genen im Gepäck keinen kompletten Lebenszyklus bestreiten können und die Gene auch nicht selbst in Proteine übersetzen können.

Die virale Gemeinschaft im menschlichen Körper besteht daher aus vier Gruppen: Viren, die menschliche Zellen befallen, Viren, die sich über die Bakterien und Pilze im Körper hermachen, Pflanzenviren, die mit der Nahrung in den Darm gelangen, und die virale DNA, die im Laufe der Evolution im Erbgut des Menschen zurückgeblieben ist. Deshalb ist die virale Gesellschaft im Körper per se sehr viel komplexer und vielschichtiger als die Welt der Bakterien und Pilze. Die Infektion menschlicher Zellen ruft auch immer das angeborene Immunsystem auf den Plan und löst eine unterschwellige Entzündung aus.

Laufend werden neue Viren entdeckt

Viren sind zudem schwieriger zu entdecken als die anderen Mikroorganismen. Sie lassen sich, wenn überhaupt, nur mit Mühe kultivieren, und es gibt auch keinen speziellen Angelhaken für die schnelle Detektion. Bakterien lassen sich dagegen rasch anhand ihrer spezifischen ribosomalen RNA erkennen.

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Allerdings sind in den vergangenen Jahren leistungsstarke Techniken entwickelt worden, mit denen sich virale Gensequenzen aus der Fülle der Mikroben-DNA herauslesen lassen. Mit diesen Techniken werden jetzt laufend virale Gene und damit neue Viren im menschlichen Körper entdeckt. Einige gehören bekannten Virusfamilien an, andere sind gänzlich neu. Scott Handley von der Washington University School of Medicine in Saint Louis spekulierte unlängst in der Zeitschrift „Genome Medicine“, dass noch rund 320 000 Säugetier-Viren darauf warten, entdeckt zu werden (doi: 10.1186/s13073-016-0287-y).

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