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Veröffentlicht: 09.10.2016, 22:47 Uhr

Schaufenster-Krankheit Diese Beine brauchen frische Luft

Schaufensterkrankheit: Was harmlos klingt, kann rasch bedrohlich werden. Ein neues Verfahren könnte Patienten mit schweren Durchblutungsstörungen in den Beinen vor Amputationen bewahren.

von Nicola von Lutterotti
© dpa Wenn Senioren vor einem Schaufenster Halt machen, muss das nicht an der schönen Auslage liegen.

Ich bin halt keine zwanzig mehr!“ Damit trösten sich viele ältere Menschen, die schon nach wenigen Gehminuten Schmerzen in den Beinen verspüren und daher vor jedem Schaufenster stehenbleiben, um sich auszuruhen und ihre Beschwerden zu verbergen. Was wie eine normale Alterserscheinung daherkommt, beruht indes meist auf fortgeschrittenen arteriosklerotischen Verengungen der Beinarterien. Eine solche Schaufensterkrankheit, im Fachjargon periphere arterielle Verschlusskrankheit - kurz PAVK - genannt, betrifft hierzulande rund zehn Prozent der Bevölkerung; in der Gruppe der über 75-Jährigen liegt der Anteil bei 15 bis 20 Prozent.

 
Die Schaufensterkrankheit ist alles andere als harmlos - eine neue Therapie verspricht Besserung

„Das war zumindest der Stand vor zehn Jahren“, stellt Holger Reinecke vom Department für Kardiologie und Angiologie am Universitätsklinikum Münster fest. „Neuere Zahlen gibt es bislang leider nicht. Untersuchungen in anderen Ländern zeigen jedoch, dass die Häufigkeit dieser Erkrankung zwischen den Jahren 2000 und 2010 um etwa 15 Prozent zugenommen hat.“ Dieser Aufwärtstrend dürfte weiter anhalten, schätzt der Gefäßspezialist.

Die Faktoren sind vielschichtig

Ein Grund hierfür sei der Anstieg der Lebenserwartung. „Früher kam die Schaufensterkrankheit deshalb seltener vor, weil viele Personen zuvor am Herzinfarkt oder Schlaganfall gestorben sind. Heute lassen sich diese Krankheiten, die größtenteils ebenfalls arteriosklerotisch bedingt sind, sehr viel besser behandeln und ihr Beginn hinauszögern.“ Viele Patienten würden daher alt genug, um die Schaufensterkrankheit gleichsam noch zu erleben.

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Warum aber sind manche Menschen selbst mit 90 Jahren noch extrem rüstig, während bei anderen die Arteriosklerose gleichsam im Zeitraffer abläuft? Eine wichtige Rolle spielen dabei der Lebensstil und der Gesundheitszustand. Besonders rasch voran schreitet die Gefäßalterung bei Rauchern, Diabetikern, Nierenkranken, Patienten mit Herzschwäche, Personen mit hohem Blutdruck und solchen mit zu viel Fett im Blut. Es gibt allerdings auch Betroffene, bei denen - bislang unbekannte - erbliche Faktoren die wichtigste krankheitstreibende Kraft sind.

„Viele schämen sich“

Das Heimtückische an arteriosklerotischen Gefäßengpässen in den Beinen ist: Anders als vergleichbare Durchblutungsstörungen im Herzmuskel bleiben sie oft lange Zeit stumm. Für gewöhnlich werden sie erst entdeckt, wenn die arteriosklerotischen Ablagerungen bereits so raumgreifend sind, dass sie den sauerstofftransportierenden Beinarterien gleichsam die Luft abschnüren und das Gewebe folglich abzusterben droht. Selbst in diesem Stadium dauert es mitunter noch einige Zeit, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Die Gehbeschwerden werden nämlich nicht selten als Gelenkarthrose oder auch Muskelüberlastung verkannt und die schlecht heilenden Wunden als Venenproblem fehlgedeutet.

Hinzu kommt, dass die Betroffenen einen Besuch beim Arzt oftmals scheuen. „Viele schämen sich, wenn an den Zehen plötzlich schwarze Flecken auftauchen, die sich mit der Zeit zu übelriechenden Geschwüren entwickeln. Oft verstecken die Betroffenen ihre Füße daher selbst vor dem Ehepartner“, weiß der Münsteraner Internist aus Erfahrung. Ist die Erkrankung bereits so weit fortgeschritten, sollten die Patienten indes unmittelbar handeln. Ansonsten tragen sie ein hohes Risiko, einen oder mehrere Zehen, den Fuß oder gar den Unterschenkel zu verlieren.

Viele Amputationen wären zu verhindern

Angesichts der Schwere solcher Eingriffe grenzt die Nonchalance, mit der hierzulande Amputationen ausgeführt werden, schon fast an Zynismus. Ziemlich ernüchternd sind jedenfalls die Ergebnisse einer Erhebung im „European Heart Journal“, der Patientendaten einer großen deutschen Krankenkasse zugrunde liegen (doi: 10.1093/eurheartj/ehv006). Wie aus der Untersuchung hervorgeht, befanden sich zwischen den Jahren 2009 und 2011 knapp 42 000 Versicherte der Barmer-GEK wegen einer Mangeldurchblutung der Beine im Krankenhaus, und bei 4400 von ihnen setzten die Chirurgen das Skalpell zur Amputation an. Was in solchen Fällen eigentlich selbstverständlich sein sollte, blieb indes häufig aus: Bei etwa 40 Prozent der Betroffenen war weder während des Krankenhausaufenthaltes noch in den zwei vorausgegangenen Jahren versucht worden, die gefährdeten Gliedmaßen zu retten.

42722324 © dpa Vergrößern Eine Amputation ist für rund 60.000 Patienten pro Jahr das letzte Mittel.

Insofern drängt sich die Frage auf: Wie viele der deutschlandweit rund 60 000 einschlägigen Amputationen im Jahr könnten verhindert werden, wenn die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten besser ausgeschöpft würden? Laut Ivo Buschmann vom Lehrstuhl für Angiologie der Medizinischen Hochschule Brandenburg dürfte dieser Anteil erheblich sein. „Noch schlimmer als im Westen ist die Situation im Osten Deutschlands“, fügt der Angiologe hinzu. „Eigene Erhebungen in Kooperation mit zwei Krankenkassen zeigen, dass die Amputationsrate in Brandenburg fast dreimal so hoch ist wie jene in anderen Bundesländern.“

Müssen Teile der Gliedmaße abgetrennt werden, sei dies meist der Beginn einer raschen Abwärtsspirale. Das gelte insbesondere für Zuckerkranke. „So sterben 35 Prozent der Diabetiker im Verlauf eines Jahres und 66 Prozent innerhalb von fünf Jahren nach der Amputation.“ Die übrigen müssten sich oftmals weiteren Eingriffen dieser Art unterziehen.

Therapeutisch liegt einiges im Argen

Das Dramatische an diesen Schicksalen: Wird die „Luftnot“ der Beine frühzeitig erkannt und angegangen, lassen sich Amputationen fast immer abwenden. Als einen Grundpfeiler der Therapie bezeichnete Reinecke dabei die Senkung zu hoher Blutdruck- und Blutfettwerte sowie den Schutz vor gerinnselbedingten Gefäßverschlüssen. Was die konsequente Behandlung dieser Risikofaktoren angehe, liege in Deutschland noch einiges im Argen.

Eine weitere, mindestens ebenso wirksame Maßnahme, um Amputationen vorzubeugen, ist regelmäßige körperliche Bewegung. Das belegen unter anderem die Ergebnisse einer Studie von niederländischen Forschern um Myriam Hunink vom Medical Center der Erasmus University in Rotterdam, die in der Zeitschrift „Jama“ (doi: 10.1001/jama.2015.14851) erschienen ist. Die daran beteiligten Probanden, insgesamt 212 Männer und Frauen mit mäßig ausgeprägter Schaufensterkrankheit, konnten zu Beginn nur etwa 265 bis 285 Meter zurücklegen, bevor starke Schmerzen sie zum Stehenbleiben zwangen; nach einjährigem Gehtraining waren es dann knapp 1000 Meter mehr. Rund 280 Meter kamen dabei jene 106 Versuchsteilnehmer, die sich vor der Sporttherapie einer Angioplastie - einer Aufweitung der verengten Beinarterie mit dem Ballonkatheter und teilweise der Implantation einer Gefäßstütze, eines Stents - unterzogen hatten. Ihr Leistungsvorsprung nahm über die Monate hinweg allerdings kontinuierlich ab.

42722567 © dpa Vergrößern Mehrmals pro Woche spazieren gehen, nur dann führt die Behandlung zum Erfolg: Senioren auf dem Weg zum Strand von Sahlenburg

Erst die OP, dann der Spaziergang

Daher stellt sich die Frage, ob und wie sehr die kathetergestützte oder chirurgische Therapie den Betroffenen längerfristig zugutekommt. „Wenig Zweifel bestehen am Nutzen eines Gefäßeingriffs andererseits, wenn die Erkrankung bereits weit fortgeschritten ist“, sagt Reinecke. Bei solchen Patienten gehe es nämlich vorderhand darum, die Durchblutung so rasch wie möglich wiederherzustellen, um eine Wundheilung zu ermöglichen und eine Amputation abzuwenden. Welche Eingriffsart im Einzelfall den größten Nutzen verspreche - die Angioplastie oder eine Bypass-Operation, bei der die verengte Ader mit einem gesunden Gefäß überbrückt wird - müsse man von Fall zu Fall entscheiden. „Wichtig ist jedoch, dass die Patienten anschließend mindestens drei- bis viermal pro Woche eine Stunde lang spazieren gehen. Ansonsten hält der Behandlungserfolg nicht lange an.“

Nicht allen Betroffenen gelingt es allerdings, sich regelmäßig zu bewegen. Das gilt beispielsweise für äußerst gebrechliche Patienten und für Personen mit offenen Fußwunden. Einen Ausweg könnte in solchen Situationen ein Verfahren darstellen, das Buschmann während seiner Tätigkeit an der Charité in Berlin entwickelt hat. Dabei handelt es sich um ein Gerät, das die positiven Wirkungen von Sport nachahmt: Ausgestattet mit einer aufblasbaren Manschette, beschleunigt der Apparat das Blut während der Systole - jener Phase, in der sich das Herz zusammenzieht und das Blut in Umlauf bringt.

Ersatzarterien aus dem Schlaf holen

Um dem Blut die nötige Schubkraft zu verleihen, muss die um die Hüfte liegende Manschette jeweils am Ende der Systole aufgepumpt werden - und zwar zu einem Zeitpunkt, wenn der Blutfluss in Richtung Bein seine maximale Vorwärtsgeschwindigkeit erreicht hat. „Beim Aufblasen der Manschette erhält der Blutstrom von hinten einen Schubs“, erklärt Buschmann die Antepulsation genannte Blutbeschleunigung. „Da sich der Zeitpunkt, indem das Aufpumpen der Manschette die größte Wirkung zeigt, von einer Person zur nächsten unterscheidet, müssen wir das Gerät jeweils individuell einstellen.“

42722226 © dpa Vergrößern Regelmäßige Bewegung ist Teil der Therapie - eine Teilnahme an den Deutschen Seniorenmeisterschaften (Szene aus Leinefelde-Worbis) ist aber nicht erforderlich.

Dass eine Beschleunigung des Blutflusses die Durchblutung zu bessern vermag, hat der Physiologe Wolfgang Schaper, ehemals Direktor des Max-Planck-Instituts für physiologische und klinische Forschung in Bad Nauheim, entdeckt. Wie Schaper in unzähligen Untersuchungen zeigen konnte, verfügt der Organismus von Geburt an über ein mehr oder weniger dichtes Netz zarter Ersatzarterien. Diese Kollateralen, die normalerweise in einer Art Schlafstellung verharren, werden in Notsituationen zu natürlichen Bypass-Gefäßen vergrößert.

Erste Tests machen Hoffnung

In Gang kommt das Kollateralenwachstum, wenn das Blut eine Schlagader aufgrund eines Strömungshindernisses nicht rasch genug passieren kann und daher auf die Nebenarterien ausweicht. Bis die Rettungsgefäße ihre volle Größe erreicht haben, dauert es allerdings einige Zeit. Daher können sie ihre Aufgabe auch nur erfüllen, wenn die verkalkte Ader nicht zu rasch zugeht. Eine weitere Voraussetzung, um die Kollateralen aus dem Schlummer zu erwecken, ist ein konstanter Stimulus in Form von regelmäßiger Bewegung.

Diesen natürlichen Reiz kann das von Buschmann entwickelte Passivtraining offenbar erfolgreich imitieren. Hierfür sprechen zumindest die Ergebnisse eines Testlaufs bei 14 Patienten mit mittelschwerer Schaufensterkrankheit. Wie der Angiologe und die anderen Studienautoren berichten, erhöhte sich die maximale Gehstrecke der Probanden nach fünfwöchiger Behandlung von rund 170 auf 450 Meter („Vasa“, doi: 10.1024/0301-1526/ a000544). In einer Studie mit sehr viel größerer Teilnehmerzahl wollen die Wissenschaftler das Antepulsations-Verfahren nun eingehend testen. Sollten sich ihre ermutigenden Anfangsresultate bestätigen lassen, wäre dies für die Betroffenen ein enormer Gewinn.

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