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Streit um OP-Erfahrung : Das Mindeste für einen Chirurgen

  • -Aktualisiert am

Chirurg bei der Arbeit: Szene aus dem OP-Saal der Hochtaunus-Kliniken in Bad Homburg Bild: dpa

Ist es richtig, die Mindestmenge an Operationen pro Jahr für Chirurgen infrage zu stellen? Ihr Dachverband hat dies getan, um auf einen Missstand hinzuweisen. Ein Kommentar.

          Übung macht bekanntlich den Meister. Was für die Handwerker gilt, trifft mindestens ebenso sehr für die Chirurgen zu. Denn während ein Schreinerlehrling schlimmstenfalls ein lebloses Stück Holz zersägen oder sich selbst verletzen kann, geht es bei Operationen um die Gesundheit und das Leben von Menschen. Um die Gefahr von Kollateralschäden zu minimieren, wurden bei vielen, zumal riskanteren Eingriffen daher Mindestmengen eingeführt. Eine alte Medizinerdevise lautet: „Jeder muss seinen eigenen Friedhof füllen, bevor er das Handwerk beherrscht.“

          Geradezu fahrlässig ist es vor diesem Hintergrund, wenn der Dachverband der Chirurgen, wie auf dem vergangenen Jahreskongress angedeutet wurde, die Bedeutung von Mindestmengen kleinredet – mit dem Argument, es gebe keine wissenschaftliche Evidenz für Schwellenwerte. Aufgrund des Mangels an einschlägigen Daten ist zwar in der Tat unklar, ob ein Operationsteam jährlich 30 oder 50 gleichartige Eingriffe vornehmen muss, bis es über die nötige Erfahrung verfügt. Diese Unsicherheit kann aber nicht als Rechtfertigung dienen, Mindestmengen grundsätzlich in Frage zu stellen. Welcher Chirurg würde sich oder einen nahen Angehörigen einem Kollegen ans Messer liefern, der erst am Beginn seiner Lernkurve steht?

          Sicher, das Erreichen oder gar Überbieten von Minimalforderungen ist per se kein Zeichen für Qualität. Für den Totalersatz des Kniegelenks erfüllen mittlerweile viele Krankenhäuser das erforderliche Soll. Der sprunghafte Anstieg der Fallzahlen nährt den Verdacht, dass die Leistungsvorgaben einer der Gründe sind, weshalb so viele Patienten ihr naturgegebenes Knie gegen ein menschliches Fabrikat eintauschen müssen. Selbst wenn die Zahl solcher Eingriffe mittlerweile stagniert, hat der Gelenkersatz hierzulande doch etwas von der Selbstverständlichkeit eines Reifenwechsels. Mit andern Worten: Mindestmengenforderungen bergen in der Tat das Risiko eines Zuviel-des-Guten.

          Komplexe Eingriffe an wenigen spezialisierten Zentren

          Bei anderen Eingriffsarten, etwa Tumoroperationen, stößt man damit allerdings an Grenzen. Hier spielt die Erfahrung des behandelnden Teams (wohlgemerkt nicht nur jene der Chirurgen) nachweislich eine besonders wichtige Rolle, zumal sie oft über Leben oder Tod entscheidet. Leider findet diese Erkenntnis bislang keinen Niederschlag in der Vergütung. Jedenfalls kommen die Krankenkassen nach wie vor auch für solche Komplikationen auf, die ungeübten Operationsteams geschuldet sind.

          Dass der Chirurgenverband diesen Missstand bemüht, um die Notwendigkeit von Mindestmengen in Abrede zu stellen, ist an Zynismus kaum zu überbieten. Über kurz oder lang wird man vermutlich nicht umhinkommen, komplexe Eingriffe an wenigen spezialisierten Zentren zu konzentrieren. Das mag für die Patienten unbequem sein, zumal lange Anfahrtswege den Besuch von Freunden und Verwandten erschweren. Angesichts der ausufernden Gesundheitskosten ist dies allerdings der einzig gangbare Weg, um eine hochwertige und zugleich sichere Medizin zu gewährleisten.

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