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Chronische Migräne : Schluss mit den verlorenen Tagen

  • -Aktualisiert am

Stimmungstief geht mit Migräne einher Bild: dpa

Chronische Migräne ist ein Leiden, dem schwer beizukommen ist. Eine vorbeugende Injektion von Botox verspricht offenbar Linderung.

          Migräne zermürbt. Die Kopfschmerzen und die verschiedenen begleitenden Symptome machen jede einzelne Attacke zur Qual. Ein Migränetag, so heißt es oft, sei ein verlorener Tag. So gesehen, muss eine Untergruppe der Migränekranken besonders viel Lebenszeit abtreten. Es sind das die Patienten mit chronischer Migräne. Diese zum Glück vergleichsweise seltene Form ist dadurch definiert, dass Kopfschmerzen an mehr als 14 Tagen im Monat auftreten. Mindestens acht davon sind typische Migränetage, die übrigen können auch wie

          ein Kopfschmerz vom Spannungstyp aussehen. Chronische Migräne raubt den Patienten somit jeden zweiten Tag. Lange Zeit von Ärzten vernachlässigt und auch heute noch keineswegs immer adäquat behandelt, stellt die chronische Migräne eine besondere Herausforderung für die Schmerzmedizin dar. Das zeigte sich in der vorigen Woche beim Deutschen Schmerz- und Palliativtag in Frankfurt am Main wieder deutlich.

          Die Gefahr der Abhängigkeit

          Migräne ist nicht gleich Migräne. Vielmehr lassen sich nach Angaben von Hartmut Göbel vom Migränezentrum an der Schmerzklinik Kiel mittlerweile 25 Formen voneinander abgrenzen. Entsprechend vielfältig sind die Behandlungsansätze, mit denen spezialisierte Ärzte den Patienten zu helfen versuchen. So segensreich Schmerzmittel sind - der Griff zur Tablette kann zum Fluch werden, wenn er zu häufig erfolgt. Dann droht die Gefahr, dass die Medikamente selbst Kopfschmerzen hervorrufen. Nach einer Faustformel wird es bedenklich, wenn monatlich an mehr als zehn Tagen Kopfschmerzmittel eingenommen werden. Um welche Präparate es sich dabei handelt, etwa um klassische Kopfschmerzmittel wie Acetylsalicylsäure oder um Triptane, gilt als nicht maßgeblich.

          Patienten mit chronischer Migräne sind, wie es die Definition ihrer Krankheit impliziert, geradezu prädestiniert für einen Übergebrauch an Medikamenten. Um sie davor zu bewahren, bedarf es einer wirksamen Vorbeugung der Attacken. Das ist freilich leichter gesagt als getan, wie eine von Göbel geleitete Veranstaltung auf der Frankfurter Tagung offenbarte. Wer auf ein Patentrezept gehofft hatte, wurde bitter enttäuscht. Zwar existiert eine ganze Liste mit potentiell vorbeugenden Maßnahmen, aber voll überzeugen kann keine davon. Sie umfasst sowohl Empfehlungen zur Verhaltensänderung, etwa zu sportlicher Betätigung und Entspannungsübungen, als auch medikamentöse Ansätze.

          Die Hoffnungen, die man unter anderem auf Betablocker und das Antidepressivum Amitriptylin setzte, haben sich freilich allzu oft zerschlagen. Eine Wirksamkeit bei chronischer Migräne zeigte sich in kleineren Studien für Topiramat, einem in der Epilepsiebehandlung bewährten Wirkstoff. Aber auch dieses Mittel kann die Erwartungen, die an ein Medikament zur Prophylaxe der chronischen Migräne zu stellen sind, nur teilweise erfüllen.

          Wundermittel Botox?

          Angesichts der unbefriedigenden Situation geriet ein ganz anderer Wirkstoff in den Fokus - das Onabotulinumtoxin. Dieser Substanz, meist kurz nach einem Handelsnamen als Botox bezeichnet, war schon vor Jahren ein kometenhafter Aufstieg in der Medizin beschieden, insbesondere als Lifestyle-Präparat zur Gesichtsglättung. Weil in einigen Fällen nach der Injektion des die Muskeln entspannenden Giftes in die Kopfhaut nicht nur die Falten verschwanden, sondern auch Migränebeschwerden, erprobte man Botox als Mittel gegen Kopfschmerzen.

          Die Ergebnisse waren zwar durchwachsen, erschienen aber aussichtsreich genug, eine Anwendung bei der Prophylaxe der chronischen Migräne zu versuchen. Zwei große Studien, die letzte davon im Jahr 2008, bescheinigten dem Bakteriengift eine Wirkung, die über diejenige eines Scheinpräparates hinausging. Die Injektion an mehr als dreißig definierten Stellen von Kopf und Hals führte dazu, dass die Patienten im Monat durchschnittlich 8,4 Kopfschmerztage weniger zu erleiden hatten. Wurde das Scheinpräparat gespritzt, registrierte man 6,6 Kopfschmerztage weniger.

          Ein Baustein im Gesamtkonzept

          Für alle Medikamente zur Vorbeugung gilt, dass sie geringe Nebenwirkungen haben sollten. Auf Botox scheint das weitgehend zuzutreffen. Möglicherweise kann man künftig sogar auf ein Botox-Präparat zurückgreifen, das nicht mehr auf die Muskelspannung wirkt, sondern nur noch gezielt bestimmte Überträgerstoffe in Nervenzellen beeinflusst. Ein solcher „Targeted Secretion Inhibitor“ befindet sich in der frühen klinischen Erprobung. Schon mit dem derzeit verfügbaren Botox verfügt man aber über ein zugelassenes Medikament zur vorbeugenden Behandlung chronischer Migräne.

          Ärzte wie Patienten, so wurde in Frankfurt klar, sollten sich indes vor allzu großen Hoffnungen hüten. Botox, sagte Charly Gaul von der Migräneklinik Königsstein, sei kein Wundermittel, sondern lediglich ein zusätzlicher Baustein innerhalb eines Gesamtkonzeptes. Natürlich sieht Göbel, der in Frankfurt den Deutschen Schmerzpreis der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin erhielt, das genauso. Als weitere Einschränkung komme hinzu, dass die Behandlung einen hohen Spezialisierungsgrad und Zeitaufwand erfordere. Es müsse eine Spezialisierung für chronische Migräne und für die Anwendung von Botulinumtoxin vorliegen. Die notwendige Versorgung befinde sich erst im Aufbau.

          Als Wermutstropfen werden viele Patienten mit chronischer Migräne auch die Tatsache empfinden, dass der Effekt gegenüber einer Scheinbehandlung nicht sehr ausgeprägt war.Aber jeder einzelne Tag ohne Migräne ist ein gewonnener Tag.

          Quelle: F.A.Z.

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