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Veröffentlicht: 03.12.2015, 22:37 Uhr

Botox Mit Wurstgift gegen Falten

Viagra-Produzent Pfizer fusioniert mit der Firma Allergan. Deren Bestseller Botox ist vor allem als Mittel zur Hautstraffung und Faltenminderung. Doch was kann er noch?

von Georg Rüschemeyer
© ddp Eine Standardbehandlung mit Botulinumtoxin

Am 14. Dezember 1895 kam es im belgischen Dorf Ellezelles zu tragischen Vergiftungen. Die Blaskapelle Fanfare Les Amis Réunis hatte bei einer Beerdigung gespielt, und anschließend trafen sich die Mitglieder im Lokal „Le Rustic“ zum Essen. Schon bald bekamen die ersten typische Beschwerden des Botulismus zu spüren. Ihre Pupillen waren geweitet, sie sahen doppelt und hatten Schwierigkeiten zu schlucken oder Worte zu artikulieren. Dann traten weitere Lähmungserscheinungen auf: Drei Männer starben, zehn weitere entrannen dem Tod nur knapp.

Alle Betroffenen hatten vom selben Räucherschinken des „Rustic“ gegessen. Dieser wurde - samt den Leichen der verstorbenen Musiker - an die Universität Gent gebracht. Zu Emile van Ermengem, einem Schüler von Robert Koch, der die Untersuchungen nach allen Regeln der noch jungen Wissenschaft der Mikrobiologie durchführte und fündig wurde: Im Schinken wuselten stäbchenförmige Bakterien, die der Professor auf den Namen Bacillus botulinum taufte. Tierversuche überführten die isolierten Keime zweifelsfrei als Verursacher des Botulismus, einer seit dem Altertum bekannten und nach dem lateinischen Wort für Wurst, botulus, benannten Form der Fleischvergiftung. Über deren stoffliche Grundlage hatten die Gelehrten bis dahin gestritten.

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Clostridium botulinum, wie das Bakterium heute bezeichnet wird, lebt von der Vergärung organischen Materials unter Ausschluss von Sauerstoff. So kann es im Inneren eines Schinkens oder einer Wurst ebenso gedeihen wie in Konserven, die nicht ausreichend sterilisiert wurden. Dabei produzieren die Bakterien Faulgase, die beim Öffnen zischend entweichen. Obwohl C. botulinum keinen Sauerstoff verträgt, ist es doch in Form von extrem widerstandsfähigen Sporen allgegenwärtig und kann unter den geeigneten Bedingungen auskeimen. Immerhin lässt es sich durch eine entsprechende Hygiene und ausreichendes Erhitzen oder Ansäuern von Konserven aus Nahrungsmitteln weitgehend fernhalten. Botulismus ist deshalb in den Industriestaaten selten geworden. In Deutschland registrierte das Robert-Koch-Institut in den beiden vergangenen Jahren nur jeweils sechs Vergiftungsfälle mit dem von den Bakterien produzierten Toxin.

Effekt hält über mehrere Monate an

Das Gift, von dem inzwischen etliche Varianten mit unterschiedlichem Wirkungsspektrum bekannt sind, gehört zu den potentesten Toxinen der Welt. Bei einem Menschen können schon wenige Milliardstel Gramm die tödlichen Lähmungen hervorrufen. Verursacht werden sie durch eine Blockade der Reizweiterleitung zwischen Nerv und Muskel, erklärt Frank Erbguth, Chef der Klinik für Neurologie am Klinikum Nürnberg. „Das Botulinustoxin besteht aus zwei unterschiedlichen Eiweißketten. Die große sorgt wie ein trojanisches Pferd dafür, dass es von Nervenzellen aufgenommen wird, die kleine ist das eigentliche Gift.“ Dieses spaltet ein körpereigenes Eiweiß, das über die Freisetzung des Botenstoffs Acetylcholin an der Kommunikation zwischen Nerv und Muskel beteiligt ist, und legt so die Reizübertragung lahm.

Dass diese Wirkung auch segensreich sein könnte, vermutete schon 1822 der schwäbische Arzt und Dichter Justinus Kerner, Verfasser der ersten wissenschaftlichen Abhandlung zum Thema. Da sie auf die Sphäre des Nervensystems beschränkt bliebe, könne das Wurstgift „in vielen Krankheiten, die aus Aufreizung dieses Systems entstehen, von Nutzen seyn“. Dazu zählte Kerner Bewegungsstörungen, überaktive Drüsen und selbst Wahnsinn. Allerdings müssten seine Hypothesen „von dereinstigen Beobachtungen bestätigt oder widerlegt werden“.

In den 1970er und 80er Jahren fing man an, das Botulinustoxin tatsächlich medizinisch zu nutzen, und seither ließen sich einige von Kerners Ideen in der Anwendung umsetzen. Extrem verdünntes Botulinustoxin dient zum Lösen verkrampfter Muskeln bei einer Vielzahl von Bewegungs- und Haltungsstörungen - heute ein Standard, wie auch die Schwächung bestimmter Augenmuskeln, um starkes Schielen zu behandeln. Dass das Gift langsam abgebaut wird, ist von Vorteil: Der Effekt hält über mehrere Monate an. Dass Muskeln sich gezielt außer Gefecht setzen lassen, darauf beruht auch die in der Kosmetik beliebte Anwendung - als Faltenglätter.

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