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Veröffentlicht: 10.09.2014, 23:12 Uhr

Benzodiazepine unter Demenz-Verdacht Vergesslich durch Beruhigungsmittel?

Sie werden millionenfach gegen Angst und innere Unruhe genommen: Benzodiazepine wie etwa Valium und Tavor. Jetzt haben Forscher plötzlich einen Zusammenhang zu Alzheimer entdeckt.

von Martina Lenzen-Schulte
© dpa Wurden Benzodiazepine viel zu lange sorglos verschrieben?

Vor 50 Jahren verschafften ihnen die Rolling Stones als „mother’s little helper“ zweifelhaften Ruhm, der Lack ist längst ab, die Verordnungszahlen gingen deutlich zurück, aber vielleicht steht der eigentliche Eklat erst noch bevor: Die Rede ist von Benzodiazepinen, die in den sechziger und siebziger Jahren vor allem von Hausärzten wie Zuckerpillen insbesondere an Frauen als Beruhigungs- und Schlafmittel großzügig verteilt wurden. Bekannte Vertreter sind etwa Diazepam (Valium®), Lorazepam (Tavor®) oder Oxazepam (Adumbran®). Jetzt melden sich Forscher aus Frankreich und Kanada zu Wort, die einen überdeutlichen Zusammenhang zwischen der längerfristigen Einnahme von Benzodiazepinen und dem Auftreten einer Alzheimer-Demenz herstellen. Wie das Team um Bernard Bégaud von der Universität Bordeaux und ihre Kollegen von der Universität in Montreal jetzt in der OnlineAusgabe des „British Medical Journal“ schreiben, erhöhen Benzodiazepine das Risiko, an Alzheimer-Demenz zu erkranken, im Mittel um 51 Prozent. (doi: 10.1136/bmj.g5205).

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Die Forscher analysierten für das Jahrzehnt von Anfang des Jahres 2000 bis Ende des Jahres 2009 die Daten von rund 9000 Personen, die älter als 66 Jahre waren und von denen sowohl Diagnosen als auch Informationen über ihre Medikation in einer kanadischen Datenbank für die Provinz Quebec fast lückenlos vorhanden sind. Es zeigte sich, dass diejenigen, die nicht länger als drei Monate eine Tagesdosis erhielten, kein höheres Demenzrisiko aufwiesen als jene, die keine Medikamente dieser Substanzgruppe einnahmen. Betrug die Einnahmedauer zwischen drei und sechs Monaten, erhöhte sich das Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung um 32 Prozent, waren es mehr als sechs Monate, lag die Risikoerhöhung bei 84 Prozent.

Eine solche Langzeitverschreibung ist keine Seltenheit, manche Patienten erhalten sie zehn Jahre und länger. Da Benzodiazepine rezeptpflichtig sind, steht dahinter letztlich immer ein Arzt. Patienten, die regelmäßig ihr Benzodiazepinrezept einlösen, sind in Apotheken keine Unbekannten. Wie unlängst in der „Pharmazeutischen Zeitung“ berichtet wurde, können Apotheker durchaus etwas dagegen tun, um nicht länger Erfüllungsgehilfen bei dieser Form des Medikamentenmissbrauchs zu sein (Online-Ausgabe, Bd. 21). Dort wird ein Modellprojekt des Bundesgesundheitsministeriums vorgestellt, wie der Apotheker eine Entzugsbehandlung initiieren, den Patienten und den Arzt dafür gewinnen und dann gemeinsam mit ihnen umsetzen kann. Die Dauerverschreibung ist überhaupt nur deshalb möglich, weil der Abhängige lange mit der gleichen Dosis auskommt. Der Substanzmissbrauch hat selten auffallend schwerwiegende Nebenwirkungen, was diese Medikamente von Anfang an für eine risikoarme Verordnung im Praxisalltag attraktiv machte. Wie sich jetzt am Beispiel der Demenz zeigt, sind womöglich die Schäden einer Dauertherapie längst nicht absehbar.

Noch kein Beweis

Gewarnt vor einer sorglosen Verschreibung von Benzodiazepinen wird schon lange, der Verbrauch ist auch seit Jahren rückläufig. Dennoch sind laut „Jahrbuch Sucht“ von 2013 hierzulande immer noch 1,2 Millionen Menschen Benzodiazepin-abhängig. Zum Vergleich: Der jüngste Drogenbericht der Bundesregierung beziffert die Zahl der Alkohol-Abhängigen auf nur wenig mehr, nämlich 1,3 Millionen, und schätzt, dass illegale Drogen in problematischem Ausmaß von rund 250 000 Menschen konsumiert werden. Die aktuelle Studie aus Kanada bestätigt, was die Forscher vor zwei Jahren innerhalb der französischen Bevölkerung beobachtet haben. Zwar lässt sich aus der bloßen Häufung von Demenzen nach Benzodiazepineinnahme nicht zwingend folgern, dass die Medikamente die Auslöser sind. Es könnte sein, dass Ängste, Schlafstörungen und psychische Probleme, gegen die diese Mittel verschrieben werden, quasi Vorläufer einer Demenz sind. Allerdings ist ebenso bekannt, dass Benzodiazepine massive Gedächtnisstörungen hervorrufen können, selbst bei kurzzeitigem Gebrauch. Sie beeinträchtigen das Denken, stumpfen ab und schwächen die Konzentration, die Sturzgefahr ist massiv erhöht. Die Patienten machen mehr Fehler, fühlen sich häufiger überfordert und ziehen sich sozial zurück.

Ein Benzodiazepinentzug stellt indes eine enorme Herausforderung dar und ist bei lediglich ambulanter Betreuung oft wenig erfolgversprechend. Angehörige und einweisende Ärzte erleben nicht selten, wie ungern psychiatrische Kliniken Benzodiazepinabhängige aufnehmen, was verständlich macht, dass Plätze für einen stationären Entzug ebenfalls schwer zu finden sind. Mit einigen Wochen ist es zudem nicht getan, das Reduzieren der Dosis funktioniert - wenn überhaupt - nur in kleinen Schritten. Der Patient steht ohne ausreichenden Wirkspiegel quasi ständig unter einer inneren Unruhe und Hochspannung, die für sein Gegenüber geradezu körperlich zu greifen ist. Diese Medikamente selbst über Jahre gegen jede Vernunft weiter zu verschreiben, ist für einen Arzt erkennbar das kleinere Übel.

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