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Veröffentlicht: 22.02.2013, 14:06 Uhr

Arzneimittel in Pferdefleisch Ein Fall von Rosstäuschung

In einigen der Pferdefleisch-Gerichte fand man das Schmerzmittel Phenylbutazon - doch eigentlich ist es für Schlachttiere verboten. Wie konnte es zu den Rückständen kommen?

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© dpa Pferde in Rumänien

Im europaweiten Pferdefleisch-Skandal geht es nun darum, viele lose Enden zusammenzuführen. Wer belieferte wen? Wer wusste von der Täuschung? Aber vor allem: Woher genau stammt das Pferdefleisch? Nur falls man letztere Frage wird beantworten können, ist es möglich, die Rückstände von Arzneimitteln, die bei Schlachttieren verboten sind, in den Fertigprodukten zu erklären. Denn in letzter Konsequenz ist der Pferdefleisch-Skandal ein Tierarzneimittel-Skandal. Pferdefleisch gefährdet die Gesundheit zunächst nicht - allerdings handelt es sich um einen Betrugsfall, der in den Augen vieler Verbraucher schwer wiegt, weil es sich um ein Lebensmittel handelt, das viele Menschen bewusst vermeiden. Der Skandal des gesundheitlichen Verbraucherschutzes hat aber erst wirklich zu dem Zeitpunkt begonnen, als die Behörden das Schmerzmittel Phenylbutazon in Pferdefleisch fanden. Und jetzt kursiert viel Kolportiertes, etwa, dass es sich um das Fleisch illegal gedopter Tiere handeln müsse.

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In Wirklichkeit ist Phenylbutazon in der Veterinärmedizin ein äußerst gängiges Medikament für Pferde, das nicht nur bei Sportpferden, sondern vielfach auch bei Freizeitpferden und gerade auch chronisch kranken alten Pferden eingesetzt wird. Es hemmt Schmerzen, Entzündungen und Fieber. „Phenylbutazon wird vor allem bei Schmerzen des Bewegungsapparats verabreicht“, erklärt der Veterinärpharmakologe Henry Ottilie von der Universität Leipzig. Üblicherweise wird das Mittel oral gegeben. Häufig erreichen Halter durch regelmäßige Gabe, dass sie ein Pferd mit Huf- oder Gelenkproblemen weiter eingeschränkt nutzen können.

Liste der verbotenen Medikamente

Phenylbutazon darf nicht bei Tieren verwendet werden, deren Fleisch für den Verzehr vorgesehen ist, also nicht bei Schweinen und Rindern und auch nur bei Pferden, die als „Nicht-Schlachtpferd“ gelten. Das EU-Recht wird nämlich seit mehr als einem Jahrzehnt der Tatsache gerecht, dass Pferde eine Doppelrolle ausfüllen: Für die einen sind sie Freund und Freizeitpartner, für den alle Register der tierärztlichen Kunst gezogen werden sollen, ähnlich wie bei Hund und Katze - auch Arzneimittel aus der Humanmedizin sollen möglich sein. Zum anderen gilt das Pferd als Lebensmittellieferant. In der EU wurde deshalb im Jahr 2000 ein sogenannter Equidenpass für jedes Pferd zur Pflicht. Der Besitzer muss in den Pass eintragen, ob es sich um ein „Schlachtpferd“ oder ein „Nicht-Schlachtpferd“ handelt. Im ersten Fall ist eine Reihe von Medikamenten verboten. Welche Mittel für Schweine, Rinder, Geflügel oder eben auch Schlachtpferde erlaubt sind, hält die EU-Verordnung 37/2010 in einer Tabelle fest. Bei vielen Mitteln gilt eine Wartezeit von Tagen bis Wochen, vor deren Verstreichen Fleisch, Milch und Eier nicht verwendet werden dürfen. So will man sichergehen, dass die Stoffe aus dem Körper eliminiert sind und nicht in Lebensmitteln landen. In einer zweiten Tabelle der Verordnung sind zehn Medikamente aufgelistet, die für alle lebensmittelliefernden Tiere verboten sind, darunter etwa Colchicin, das Gift der Herbstzeitlosen, oder das den Fötus schädigende Antibiotikum Metronidazol.

Man hat hier wegen der schweren Nebenwirkungen, die sich aus Rückständen für den Verbraucher ergeben können, aus Sicherheitsgründen keine Wartezeit festgelegt, sondern die Mittel für lebensmittelliefernde Tiere ganz verboten. Phenylbutazon, das Blutungen im Magen-Darm-Trakt hervorrufen kann, steht allerdings in keiner der Tabellen. Es findet sich auch nicht einer zweiten Verordnung, die man geschaffen hat, um der Sonderstellung des Pferdes gerecht zu werden. „Darin sind Stoffe aufgeführt, die man auch bei Schlachtpferden anwenden kann - mit einer Wartezeit von einem halben Jahr“, sagt Ottilie. In dieser Liste fehlen neben Phenylbutazon andere Medikamente, die dennoch regelmäßig bei „Nicht-Schlachtpferden“ und anderen Tieren angewendet werden. Dass sie nirgendwo aufgelistet sind, bedeutet, dass sie für Schlachttiere schlicht verboten sind und nur bei Menschen und „Hobbytieren“ Verwendung finden. Ein Pferd, das sie bekommt, muss im Pass zum „Nicht-Schlachtpferd“ umdeklariert werden. Weil im aktuellen Skandalfall offenbar Pferde, die man nicht hätte schlachten dürfen, doch in die Nahrungskette gelangt sind, ist es denkbar, dass sie auch andere verbotene Medikamente außer Phenylbutazon bekommen haben.

Man kann die Krankengeschichte des Pferdes verschleiern

Schon lange diskutieren Experten über Fälle, in denen es Pferdehaltern gelungen ist, bei Zuchtorganisationen oder Veterinärbehörden einen neuen Equidenpass zu bekommen, indem sie angaben, der alte sei verlorengegangen. So kann aus einem „Nicht-Schlachtpferd“, das längst verbotene Mittel bekommen hat, wieder ein „Schlachtpferd“ werden. Dahinter steht oft die Unverkäuflichkeit eines Pferdes. Ohne „vernünftigen Grund“, etwa schweres Leiden, verbietet das Tierschutzgesetz die Einschläferung. Der Halter, der die monatlichen Stallkosten nicht mehr aufbringen will, kann das Tier also nur durch die Schlachtung loswerden. Wegen der Fälle, in denen mehrere Pässe ausgestellt wurden, regelte die Europäische Kommission die Identifizierung von Pferden mit einer am 1. Juli 2009 in Kraft getretenen Verordnung neu. Alle danach geborenen Pferde müssen mit einem Chip gekennzeichnet werden, die Kennzeichnung wird zusammen mit den Informationen aus dem Equidenpass in einer zentralen Datenbank gespeichert. Ein Problem bleibt allerdings die zweifelsfreie Identifizierung von Pferden, die früher geboren sind.

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Quelle: F.A.Z.

 

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