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Antibiotika-Krise : „Eine Milliarde ist eine faire Zahl“

Multiresistente Enterobakterien in der Petrischale: Multi heißt: Viele Antibiotika wirken nicht mehr gegen die Krankheitserreger. Bild: dpa

Pharma war raus. Jetzt verlangt die Branche vom Staat „Anreize“, neue Antibiotika zu entwickeln. Der Fall zeigt: Geschäfte mit der Gesundheit lohnen sich nicht immer. Das Marktversagen kostet weltweit Hunderttausende das Leben. Und es werden immer mehr.

          Das Versagen von immer mehr Antibiotika forciert die globale Gesundheitskrise und zwingt die Politik zum Handeln. „AMR“ – antimikrobielle Resistenzen, so gab Bundesforschungsministerin Johanna Wanka, kurz danach zu Protokoll, zwingen uns, „gemeinsam Lösungen für drängende Herausforderungen zu finden“.  700 000 Todesopfer jährlich, so offizielle Schätzungen, kostet die Ausbreitung von Bakterien, die gegen immer mehr Antibiotika resistent sind – insbesondere weil diese zu oft und unsachgemäß angewendet werden. Seit Jahrzehnten gibt es keine neuen Mittel mehr auf dem Markt, die Industrie war aus der Antibiotika-Entwicklung ausgestiegen, jetzt sollen Staat und Steuerzahler helfen. Der Marktzugang soll gefördert und „Marktanreize durch die WHO und OECD“ geschaffen werden, so steht es in dem G-20-Abschlussdokument, eine neue internationale „Plattform“ soll die Länder im Kampf gegen das Versagen der lebensrettenden Mittel zusammenführen. Aber nicht nur die, auch die Firmen und Akademiker Der Kölner Biologe Holger Zimmermann, seit zwei Jahren CEO des mittelständischen Biotech-Unternehmens Aicuris, das sich lange schon mit der Entwicklung von antiviralen und antibakteriellen Mitteln befasst, würde statt der Worte lieber endlich Taten sehen.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          ***

          Aicuris CEO Holger Zimmermann aus Köln.

          FRAGE: In der Abschlusserklärung der G-20-Regierungschefs wird eine neue Initiative gestartet, eine, wie es heißt, „neue internationale Plattform für die Zusammenarbeit in der Forschung und Entwicklung“. Bringt das die Wende?

          ANTWORT: Es zeigt, das Thema ist angekommen. Und eigentlich ist die Politik auch auf einem guten Weg. Es muss jetzt nur umgesetzt werden, was auf dem Tisch ist. Die Regierungen schaffen Anreize, sie fördern inzwischen auch die gemeinsame Entwicklung von Antibiotika durch die akademische Forschung und Industrie. Lessons learned, würde ich sagen. Es sind allerdings sehr große, aber deshalb auch sehr träge Konsortien. Die sind nicht zwangsläufig schlagfertig. Wenn die Konsortien kleiner und flexibler wären, wäre es besser.

          FRAGE: Der Pharmaindustrie geht es sehr gut. Trotzdem hört man von dort immer wieder Stimmen, die fordern, der Staat müsse jetzt eingreifen und investieren, zum Beispiel in eine Art Erfolgsprämie von einer Milliarde Euro für ein neues Antibiotikum. Auch von der ,Beam Alliance‘ der mittleren und kleinen europäischen Unternehmen, der Sie angehören, wird dies gefordert.

          ANTWORT: In der Industrie überlegt man sich natürlich sehr genau, auf welchen Gebieten man aktiv sein möchte. Da steht die Antibiotika-Forschung in Konkurrenz zu anderen Indikationen, und das Budget ist daher ebenfalls begrenzt. Wenn wir als Biotech-Firma ein Projekt starten, denken wir an zweierlei: Erstens, gibt es einen medizinischen Bedarf, und zweitens, bekomme ich meine Entwicklungskosten wieder herein? Wenn ich starte,und ich meinem Investor nicht sagen kann, ob man damit hinterher Geld verdienen kann, dann ist das kritisch. Das ist das Dilemma.

          FRAGE: Antibiotika werden aber nun mal in großen Mengen gebraucht, Sie sagen uns also, Antibiotika sind am Ende einfach zu billig auf dem Markt zu bekommen?

          Lieferengpässe gibt es auch bei Antibiotika.

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