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Veröffentlicht: 18.06.2015, 13:14 Uhr

4D-Ultraschall Was fühlt der Fötus, wenn er mürrisch blickt?

4D-Ultraschall ermöglicht inzwischen detailgetreue Abbildungen von ungeborenen Babys. Selbst ihre Gesichtsmimik wird in Echtzeit deutlich sichtbar. Aber bedeutet ein Lächeln wirklich Zufriedenheit, ein mürrisches Gesicht das Gegenteil?

von
© E. Merz Links ein mürrisches Gesicht, rechts ein Lächeln: Was sagt das über die Gefühle des Fötus?

Seit es den 4D-Ultraschall gibt, können Eltern und Ärzte nicht nur die Gesichtszüge von ungeborenen Kindern genau erkennen, sie können auch die Bewegungen des Fötus in Echtzeit verfolgen. Dabei ist die Methode inzwischen so stark verfeinert worden, dass selbst Gesichtsausdrücke klar zu erkennen sind. Das ungeborene Baby lächelt beispielsweise oder schaut unzufrieden. Am lebhaftesten ist die Mimik gegen Ende des zweiten Drittels der Schwangerschaft.

Eberhard Merz, Leiter des Zentrums für Ultraschall und Pränatalmedizin am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt, gibt Eltern und Ärzten jetzt in der Fachzeitschrift „Ultraschall in der Medizin“ eine Handreichung dafür, wie die Gesichtsregungen der Föten zu interpretieren sind: Nämlich eher nicht als echte Gefühle, sondern als Reflexmuster, die nicht in Zusammenhang mit der Gemütsverfassung des ungeborenen Kindes stehen. “Veränderungen des Gesichtsausdrucks in Form eines lächelnden, traurigen oder missmutigen Föten sollten jedoch nicht als emotionale Qualitäten des Föten gedeutet werden“, heißt es in der Publikation. In einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (Degum) räumt Merz aber ein: “Die Bilder erscheinen sehr lebensecht und es ist kein Wunder, dass sie uns innerlich berühren.“

Lebensechte Bilder

Die 4D-Ultraschall-Technik hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt; sie ermöglicht es den Ärzten heute auch, das Farbspektrum der menschlichen Haut anzupassen und mit einer beweglichen virtuellen Lichtquelle Effekte von Licht und Schatten an der Oberfläche des Kindes zu erzeugen. Auch deshalb wirken die Bilder heute so lebendig.

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Und völlig ohne Bedeutung sind die Bewegungen und die mimischen Veränderungen des Fötus wohl auch nicht. Die Bewegungen seien eine Art Training, erklärt Merz. Die Entwicklung komplexer Gesichtsbewegungen vor der Geburt sei für viele Funktionen nach der Geburt wichtig. Denn von Anfang an kommuniziert das Baby auch über seine Gesichtsausdrücke mit den Eltern.

In der neuen Publikation verweist Merz auf Studien, die den fötalen Bewegungen sogar diagnostisches Potential zusprechen. „Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass fötale Bewegungen eine Schlüsselrolle in der Voraussage einer normalen Hirnfunktion einnehmen“, so Merz. So haben etwa kroatische Präntalmediziner vor wenigen Jahren sogar einen vorgeburtlichen 4D-Ultraschall-Test entwickelt, um neurologische Auffälligkeiten zu erkennen. Doch ein erster Durchlauf mit fast 300 Hochrisikoschwangerschaften erbrachte vor fünf Jahren inkonsistente Ergebnisse im „Journal of Perinatal Medicine“, auch weitere Studien zeigten nur Hinweise, waren aber noch nicht überzeugend. Denn Babys, die im Ultraschallfilm auffällig wirkten, zeigten nicht immer auch im neurologischen Test direkt nach der Geburt ein krankhaftes Bild. Um die 4D-Sonographie künftig in der neurologischen Pränataldiagnostik nutzen zu können, seien weitere, umfangreichere Studien erforderlich, bilanzierten die beteiligten Wissenschaftler mehrfach in verschiedenen Publikationen zum Thema. 

So faszinierend die Echtzeit-Sequenzen sind: Eberhard Merz und die Degum weisen vorsorglich darauf hin, dass Ultraschalluntersuchungen nur zum Zwecke des „Babyfernsehens“ abzulehnen sind. Mit einer solchen Untersuchung müsse immer ein medizinischer Zweck verbunden sein. Und sollte tatsächlich bei einem der Termine wenig zu sehen sein, dann müssen die Eltern schließlich auch nicht lange warten, bis das Baby nach der Geburt „echte“ Mimik zeigt: Ein Lächeln, das wirklich Zufriedenheit bedeutet und eine soziale Funktion hat, zeigen Kinder schon etwa zwei Monate nach der Geburt.

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