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Mark Twain & die Wissenschaft Der kann ja tatsächlich zaubern!

20.04.2010 ·  Er war Unternehmer und Journalist, Erfinder und Weltreisender - und machte sich gern über Auswüchse der Wissensvermittlung lustig. Aber wie hielt es Mark Twain, dessen Todestag sich am Mittwoch zum hundertsten Mal jährt, eigentlich mit der Wissenschaft?

Von Tilman Spreckelsen
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Dass die Sache zwischen den beiden nicht gut ausgehen wird, ist schon bei der ersten Begegnung klar: Auf der einen Seite steht der Platzhirsch namens Merlin, "ein sehr alter, weißbärtiger Mann, der ein wallendes schwarzes Gewand" trägt, "schwächlich mit dem Greisenhaupt" wackelt und die Versammlung "mit seinen wässrigen, unsteten Augen" mustert, von dem es aber heißt, "seinem Ruf und Wink gehorchen die Stürme und Blitze und alle Teufel in der Hölle". Auf der anderen Seite steht der junge Aufseher einer amerikanischen Waffenfabrik, den ein Schlag auf den Kopf irgendwie zum Zeitreisenden machte - er gelangt plötzlich aus dem neunzehnten Jahrhundert ins sechste, direkt an den Hof von König Artus. Und während er von den Rittern als seltsam gekleidetes Kuriosum bestaunt wird, staunt Hank Morgan ob der frühmittelalterlichen Wundergläubigkeit zurück: "Es war, als befände ich mich unter lauter Kindern."

Wenig später wird Merlin dafür sorgen, dass Morgan zum Tod verurteilt wird, während der Amerikaner bald darauf seinen Widersacher vor aller Augen demütigt. Doch in Mark Twains Roman "Ein Yankee an König Artus' Hof" von 1889 geht es nur vordergründig um die Animositäten zwischen Morgan und Merlin - eigentlich stehen sich hier Wissenschaft und Magie gegenüber, ein Antagonismus, der den Roman auch weiter prägen wird. Und das vor aller Augen, denn die Kontrahenten streiten nicht um des Prinzips willen miteinander, sondern um die Ritter des Artushofs auf jeweils ihre Seite zu bringen. So achtet Morgan bei seinem vorläufigen Sieg über Merlin sehr darauf, dass er möglichst viele Zuschauer hat, als er den Wohnturm seines Rivalen kurzerhand in die Luft sprengt.

Im Zeitalter der Popularisierung von Wissenschaft

Spätestens hier wird man Twains unkonventionellen Artusroman als einen Kommentar zu Forschung und Fortschritt, zu Wissenschaft und vor allem zur Wissenschaftsvermittlung in seiner eigenen Zeit, im neunzehnten Jahrhundert lesen. Nun ist der Autor, dessen Todestag sich am kommenden Mittwoch zum hundertsten Mal jährt, schon durch seinen Werdegang als Journalist und rastlos die Welt bereisender Publizist einigermaßen unverdächtig, vor diesem Signum seines Jahrhunderts die Augen zu verschließen. Doch Twains Interesse galt nicht nur technischen Entwicklungen, Grundlagenforschung, Expeditionsberichten oder anthropologischen Fragestellungen, er meldete auch eigene Erfindungen zum Patent an (siehe Kasten unten: "Der Autor als Erfinder") und ruinierte sich fast, indem er eine halbe Million Dollar in eine neuartige Setzmaschine namens "Paige Typesetter" steckte, die sich dann als nicht konkurrenzfähig erwies. Dagegen erkannte Twain sofort die Bedeutung von Nikola Teslas Wechselstromgenerator, freundete sich mit dem zwanzig Jahre jüngeren Erfinder an und besuchte ihn oft in dessen Labor.

Bei aller Fortschrittsbegeisterung aber wird man unter seinen Zeitgenossen nicht leicht einen Autor finden, der dabei so hartnäckig die Auswüchse der Wissensvermittlung kritisiert und lächerlich gemacht hätte. Er hatte allen Grund dazu. Denn Twains Lebenszeit, die kurioserweise auf den Monat genau durch zwei Erscheinungen des Halleyschen Kometen begrenzt wird (November 1835 bis April 1910), ist auch eine Zeit der massenhaften Popularisierung seriöser Wissenschaft sowie aus heutiger Sicht pseudowissenschaftlicher Spekulationen. In seiner fragmentarischen Autobiographie schildert Twain, wie er sich um 1850 bei einer öffentlichen mesmerischen Veranstaltung als Testperson zur Verfügung stellte und aus reinem Geltungsdrang so tat, als seien die sogenannten magnetischen Manipulationen an ihm wirksam. Das aber muss recht überzeugend gewesen sein: "Als das Gastspiel des Zauberkünstlers zu Ende war, gab es im ganzen Ort nur einen Menschen, der nicht an den Mesmerismus glaubte, und das war ich."

Besuch in Barnums Museum

Als Publizist näherte sich Twain mit offener Skepsis, Ironie oder satirischer Überspitzung vermeintlichen Sensationen auf dem Feld der Wissenschaft - so nahm er den Schwindel um den angeblichen "Riesen von Cardiff", die 1869 präsentierte plumpe Fälschung der Überreste eines Giganten, zum Anlass, eine Satire auf die Auffindung der kapitolinischen Venus zu publizieren. Sieben Jahre zuvor hatte er als Zeitungsredakteur in Virginia City versucht, der verbreiteten "Versteinerungsmanie", also der fast täglichen Publikation angeblicher Versteinerungen, "mit einer zarten, sehr zarten Satire" zu begegnen. Er publizierte also einen Artikel "voller schreiender Absurditäten" über die Auffindung eines versteinerten Menschen, der durch die Kalksedimente eines Rinnsals am Boden festgewachsen war - und musste erleben, dass sein Artikel weithin für bare Münze genommen und nachgedruckt wurde.

Falls Twain dies wirklich so überrascht hat, wie er behauptet, hätte ihn ein Besuch des seit 1841 von P. T. Barnum in New York betriebenen "American Museum" eines Besseren belehrt. Das mehrstöckige Gebäude in bester Lage kann mit seinem Nebeneinander von seriösen ethnologischen, historischen oder naturkundlichen Exponaten und dreistesten Fälschungen wie einer angeblich echten Seejungfrau als ein Sinnbild einer Wissenschaftsvermittlung dienen, die vor allem auf Unterhaltung setzt und die Frage der Authentizität nicht so eng sieht.

Dies allerdings hatte Barnum schon in seiner 1854 veröffentlichten Autobiographie durchblicken lassen, ein Buch, das über eine Million Mal verkauft wurde - und das Twain sehr mochte. Vielleicht, weil er Barnums Einsichten in die Natur seiner Mitmenschen anerkannte, die den Verfasser märchenhaft reich gemacht hatten, und vielleicht auch, weil er aus dem Buch einige Züge für die Gestalt seines Tom Sawyer entlehnen konnte - Toms berühmte Manipulation seiner Spielkameraden etwa, die er dazu bringt, seine Arbeit zu erledigen und für das Bemalen des Gartenzauns seiner Tante Polly auch noch zu bezahlen, mag eine Reminiszenz an Barnum sein. In jedem Fall steht am Ende dieser Episode ein empirisch gewonnener Erkenntnisgewinn für Tom: "Er hatte unwissentlich ein wichtiges Gesetz des menschlichen Verhaltens entdeckt - dass man nämlich etwas nur schwer erreichbar machen muss, um das Begehren eines Mannes oder Jungen zu wecken."

Hank Morgan gegen Merlin

Das Bild, das sich aus Twains offensichtlicher Begeisterung am technischen Fortschritt und seinem ebenso offensichtlichen publizistischen Kampf gegen Scharlatanerie im Gewand seriöser Forschung ergibt, könnte man leicht als Plädoyer für Hank Morgan und gegen Merlin verstehen, als Eintreten für Wissenschaft und gegen Magie. Im Roman jedenfalls läuft anfangs alles auf eine solche Wertung zu: Morgan krempelt den Artushof gehörig um, er installiert als erstes ein Patentamt und dann eine Reihe von Schulen, um sich die Ingenieure heranzuzüchten, die er für seinen zivilisatorischen Schnelldurchlauf braucht. Das Land bekommt Eisenbahnen und Telefon, Schallplattenspieler und Dampfer, die Artusritter spekulieren an der Börse und spielen Baseball, statt Turniere abzuhalten.

Läuft die Entwicklung aus dem Ruder? Oder ist das Ende unvermeidlich? Spätestens als Morgan die Republik ausruft und in einem äußerst ungleichen Kampf mit einem Revolver die gegen ihn anreitenden Artushelden erschießt oder die Druckerpresse erfindet, nur um dann einen unliebsamen Autor hinrichten zu lassen, wird klar, dass Morgan, die Inkarnation des technischen Fortschritts, mit dessen Aufbau ein Zerstörungswerk begonnen hat und zum Despoten im Namen der Freiheit geworden ist.

Vielleicht liegt hier der Grund verborgen, warum Twains Artus-Roman mit einer erstaunlichen Pointe endet: Als Morgan schließlich seinen Vernichtungskrieg kämpft, bei dem die Ritter elend an einem Elektrozaun ums Leben kommen, befördert ihn Merlin wieder in die Zukunft zurück. Offenbar kann der Mann wirklich zaubern.

Oder, anders gewendet: Dem entfesselten Fortschritt aus dem Geist des 19. Jahrhunderts, der nicht nur für Eisenbahnen und Straßen, sondern irgendwann für Leichenberge steht, ist allenfalls mit Magie beizukommen, zeigt Twain. Also gar nicht.

Der Autor als Erfinder

Insgesamt drei Patente, die sich auf höchst unterschiedliche Gegenstände bezogen, meldete Mark Twain im Laufe seines Lebens an.

Am 19. Dezember 1871 wurde ihm für einen neuartigen elastischen Träger für Strümpfe, Westen oder andere Kleidungsstücke das Patent Nummer 121992 zuerkannt. Der zweiteilige Träger, der wie ein Strumpfband angebracht wird, lässt sich durch ein System von drei parallelen Haken, die in sechs verschiedenen Positionen befestigt werden können, enger oder weiter stellen.

Am 24. Juni 1873 erhielt Twain das Patent Nummer 140245 für ein Sammelalbum mit selbstklebenden Seiten (Abbildung oben). Zwei Versionen seien davon denkbar, schreibt Twain in der Patentschrift, die eine besteht aus einer Reihe komplett mit Klebstoff bestrichener Seiten (oben rechts), die andere sieht nur bestimmte klebende Abschnitte vor (links). Was genau es mit dem Klebstoff auf sich hat, bleibt allerdings im Dunkeln; Twain teilt lediglich mit, dass man die Seite an der Stelle, an der man sie bekleben möchte, zuvor befeuchten müsse.

Am 18. August 1885 schließlich ließ sich Twain unter der Nummer 324535 das Patent für ein Brettspiel erteilen, in dem es auf die korrekte Zuordnung von historischen Ereignissen und Jahreszahlen ankommt.

(spre)

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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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