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Lichtmangel : Im Schattental von Rattenberg

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Soweit jedenfalls die Theorie. Doch vorerst existiert das illuminierte Rattenberg nur im Maßstab 1:200 unter dem künstlichen Himmel im Keller von Bartenbachs Lichtlabor. Mit Hilfe einer Kuppel aus fünfhundert 150-Watt-Scheinwerfern lassen sich dort die Lichtverhältnisse jedes beliebigen Ortes auf der Welt zu jeder beliebigen Zeit simulieren. Wie im echten Himmelszelt strahlt das diffuse Licht aus dem Zenit stärker als in der Nähe des Horizonts. Die Rolle der Sonne übernimmt eine überdimensionierte Zahnarztlampe, deren Hohlspiegel die Strahlen wie die der Sonne parallel ausrichtet. Das Licht bleibt an einer Bergsilhouette aus Pappe hängen, die das detailgenaue Papier-Rattenberg beschattet. Das Modell, komplett mit Mini-Spiegeln ausgerüstet, zeigt den an diesem Tag mit zwei Bussen zum Besichtigungstermin herangekarrten Rattenbergern, wie ihre Stadt künftig Wintersonne genießen könnte.

Kein Grund für übermäßige Erwartungen

Das Modell dämpft auch übergroße Erwartungen: Die Reflexionen hüllen nicht die gesamte Stadt in strahlendes Licht, sondern werfen kleinere Lichtflecken auf einige Stellen an Häusern und Bürgersteigen. "Das ist einfach eine Frage des technischen Aufwands, den man treiben kann und will", meint Lichtlabor-Geschäftsführer Markus Peskoller. Mit seinem Vorschlag will er einen guten Kompromiß gefunden haben.

Die Miniaturgerüste, an denen die Umlenkspiegel befestigt sind, rufen bei einer Bürgerin Widerspruch hervor: "Die stehen ja direkt vor der Burgruine! Und die Spiegel im Tal stehen ja auf dem Gelände vom Doktor Müller!" Einwände, die Peskoller zu entkräften sucht: "Wo genau die Spiegel stehen würden, ist noch völlig offen. Wir sind da flexibel und können uns den Wünschen der Anwohner anpassen." Auch den Einwand, die gespiegelte Sonne könne die Menschen blenden, läßt er nicht gelten. "Natürlich blendet das, wenn man direkt in die Lichtquelle schaut, aber das ist bei der Sonne nicht anders und gehört zu den ganz normalen Sehgewohnheiten." Die Mehrheit der angereisten Rattenberger scheint jedenfalls vom Modell überzeugt, ebenso wie der Stadtrat - der bereits einen Antrag auf EU-Fördergelder gestellt hat.

Sonnenturmkraftwerk als Vorbild

Bei der Frage nach den Kosten hält sich Bartenbach zurück. Je nach Größe lägen die "zwischen denen eines Neuwagens und jenen für ein Mehrfamilienhaus". Der technische Aufwand ist überschaubar. Am stärksten schlagen die Heliostatenspiegel zu Buche, die auf Sekunden genau dem Sonnenstand folgen müssen. Doch die Uhrwerke früherer Zeiten sind längst einer Steuerung per Computer gewichen. So steht in der spanischen Provinz Almeria seit etlichen Jahren das Sonnenturmkraftwerk eines spanisch-deutschen Forschungsverbundes, in dem 300 Heliostaten das Licht der Sonne auf einen sogenannten Receiver fokussieren, der über dem Spiegelfeld an einem Betonturm angebracht ist. Die dort entstehende extreme Hitze erzeugt Wasserdampf, der wiederum eine Turbine antreibt.

Auch für die Beleuchtung von Innenräumen werden bereits Spiegelsysteme eingesetzt, etwa am Sitz von Bartenbachs Firma in Aldrans. Dort lenkt ein Heliostat das Sonnenlicht über einen zweiten, feststehenden Spiegel in ein Lichtrohr, das innen mit Aluminium beschichtet ist. Ähnlich wie in einem Glasfaserkabel leitet das Rohr das Sonnenlicht bis in ein fensterloses Besprechungszimmer im Keller. Am Ende verteilen Glasprismen das Licht nach Wunsch im Raum - wenn denn die Sonne scheint. An diesem typischen Tag im Sommer 2004 demonstriert der Kellerraum den Rattenbergern denn auch die wichtigste Grenze der Heliostatentechnik: An bewölkten Regentagen wie diesem gibt es nichts zu spiegeln. Doch das ficht Bartenbach nicht an: "Das macht doch gerade den dynamischen Eindruck von Tageslicht aus, daß es in andauerndem Wandel begriffen ist." Und dazu gehöre eben auch, daß die Sonne mal hinter den Wolken verschwindet.

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