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Lesen lernen im Mittelalter Alphabet und Ave Maria

 ·  In diesen Tagen beginnt das neue Schuljahr. Heute lernen Erstklässler regulär, Buchstaben, Silben und schließlich ganze Worte zu entziffern. Im Mittelalter war das hingegen ein Privileg für wenige. Damals lernten man mit aufwendig gestalteten Fibeln.

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© The Fitzwilliam Museum, Universi Am Anfang der Fibel steht das Alphabet. Insgesamt sind die 14 Pergamentseiten in drei eigenständige Inhaltsformen gegliedert.

Solch einen Schüler wünscht sich wahrscheinlich jeder Lehrer. Grammatik, Rhetorik, Dialektik, zwei Fremdsprachen - auf all das stürzte er sich mit Leidenschaft. Zudem war er voller Respekt für seine Pädagogen und ließ sie das auch spüren. Nur in einem Punkt scheiterte er, trotz allen Eifers: „Er versuchte auch zu schreiben“, heißt es in Einharts Biographie über Karl den Großen, „und pflegte dafür Tafeln und Büchlein ins Bett unter die Kissen mitzunehmen, damit er, wenn er Zeit hatte, die Hand an die nachzuahmenden Buchstaben gewöhne - doch mit wenig Erfolg, war die Mühe doch verkehrt und spät begonnen worden.“

Der Frankenkaiser, der von 747 bis 814 lebte, war zu seiner Zeit kein Einzelfall: Während viele Merowinger, das Herrschergeschlecht, das Karl mit seinen Nachkommen ablöste, immerhin ihre Namen schreiben konnten und auf diese Weise beispielsweise Urkunden beglaubigten, war das für die Karolinger keineswegs mehr selbstverständlich.

An Einhards Bericht über die Bildung seines Kaisers ist aber etwas anderes auf den ersten Blick äußerst kurios: Wie kann eine Person einerseits über eine derart umfassende Bildung verfügen wie Einhart über Karl berichtet, auf der anderen Seite aber nicht in der Lage sein, auch nur eine Zeile eigenhändig zu schreiben? Und wenn nicht einmal der Herrscher, der so viel auf Bildung hielt und sich um das Schulwesen in seinem Land so verdient machte, das Schreiben beherrschte - was sagt das über den allgemeinen Grad der Bildung im Reich der Franken?

Wer immer nach Erziehung und Bildung im Mittelalter fragt, hat es zunächst mit Zeichen des Niedergangs zu tun. „Mit dem Absterben antiker Bildungseinrichtungen“, schreibt der Mediävist Alfred Wendehorst, fiel „auch die öffentlich organisierte Wissensvermittlung aus.“ An die Stelle der früheren städtischen Schulen, in denen Laien unterrichteten, trat etwa seit dem 6. Jahrhundert allmählich die Ausbildung durch Geistliche. Ihre Schüler waren zunehmend angehende Kleriker. Sie lernten etwa mit sieben Jahren lesen und singen, meist liturgische Texte und Lieder und offenbar eher selten in der Volkssprache, sondern auf Latein. Das änderte sich erst im hohen Mittelalter, als immer mehr Lesebücher für den Unterricht in der jeweiligen Muttersprache der Schüler hergestellt und eingesetzt wurden.

Ein großer Teil erhielt keine schulische Bildung

Vornehme Laien ließen ihre Kinder durch Hauslehrer unterrichten, und ein großer Teil erhielt überhaupt keine schulische Bildung. Verglichen mit der Spätantike sank der Anteil derer, die lesen und schreiben konnten, im Frühmittelalter erheblich. Dass der Gotenkönig Theoderich der Große (um 455 bis 526) seine Unterschrift mit Hilfe einer Schablone aus Goldblech leistete, scheint kaum jemanden ernsthaft gestört zu haben. Allerdings muss man hier unterscheiden zwischen einer Bildung, wie sie etwa Karl der Große aufwies, und dem Vermögen, zu lesen und zu schreiben.

Irritierenderweise zeigen Untersuchungen einzelner Klerikergruppen, dass es noch im hohen Mittelalter auch dort mit dem Schreiben oft genug nicht weit her war. So betont Alfred Wendehorst, „dass in den Jahren 1291, 1293 und 1297 ein Teil des Konvents der Abtei St. Gallen nicht schreiben konnte. In der elsässischen Abtei Murbach war 1291 offenbar kein einziger Konventsangehöriger fähig zu schreiben. 1299 verhielt es sich im Deutschen Haus zu Freiburg i. Br. ebenso: Niemand, auch keiner der fünf Priester, vermochte zu schreiben. Im Jahr 1313 war der gesamte Konvent des Schwarzwaldklosters St. Georgen einschließlich des Abtes nach eigenem Zeugnis des Schreibens unkundig.

Anders als in der Moderne war im Mittelalter in der Regel der Lese- vom Schreibunterricht getrennt, und es scheint viele gegeben zu haben, die sich mit dem Lesenkönnen begnügt haben - schließlich gab es fürs Schreiben Spezialisten, nicht zuletzt in den Klöstern. Für die wohlhabendere städtische Bevölkerung, etwa die Kaufleute sowie den Adel, lag es im hohen Mittelalter nahe, schriftliche Arbeiten Klerikern anzuvertrauen.

Lesen wurde unter anderem mit Hilfe einer an der Wand angebrachten sogenannten Alphabettafel gelehrt, zum Schreiben dienten metallene oder aus Holz beziehungsweise Knochen gefertigte Griffel, mit denen man nicht nur in Wachstäfelchen ritzen konnte, sondern auch mit dem breiteren Ende falsch geschriebene Passagen auslöschen konnte. Avanciertere Schreiber nutzten Gänsefedern oder Halme und als Träger Pergament oder Papier.

Lehrmaterialien aus dem Lese- oder gar dem Schreibunterricht sind nur in geringer Zahl auf uns gekommen. Eine Ausnahme stellen Fibeln dar, die vor allem im ausgehenden Mittelalter für junge Adlige gefertigt und wegen ihrer Kostbarkeit aufbewahrt wurden. Ein schönes Exemplar ist gerade im Luzerner Quaternio-Verlag als Faksimile erschienen: der schmale Band, den die französische Königin Anne (1477 bis 1514) für ihre Tochter Claude in Auftrag gab.

Anne, die als Zwölfjährige als Nachfolgerin ihres Vaters Herzogin der Bretagne wurde, heiratete ein Jahr später Maximilian I. von Österreich, in der Hoffnung, dem französischen Expansionsstreben gegenüber der Bretagne auf diese Weise besser begegnen zu können. Doch schon 1491 musste sie die Ehe mit Maximilian wieder lösen, um nun auf französischen Druck hin König Karl VIII. von Frankreich zu heiraten. Nach dessen frühem Tod wurde Anne 1499 die Frau des neuen Königs Ludwig XII. Aus dieser Ehe stammt ihre im selben Jahr geborene Tochter Claude.

Anne, die als Herzogin der Bretagne nach wie vor eine eigene politische Basis hatte und diese auch nutzte, sammelte Bücher, meist religiösen Inhalts, mit hinreißenden Miniaturen, aber auch ebenfalls kostbar ausgestattete Werke zur bretonischen und französischen Geschichte. Die Fibel, die sie für die damals fünfjährige Claude in Auftrag gab, enthält auf insgesamt 14 Pergamentseiten drei im Grunde eigenständige Inhaltsformen. Da ist zunächst das Alphabet, von dem manche Buchstaben in unterschiedlichen Formen vorkommen, und das am Ende auch drei Zeichen für die gebräuchlichsten Abkürzungen enthält. Es folgen die wichtigsten Gebete, etwa das Vaterunser, das Ave Maria und das Glaubensbekenntnis, sowie liturgische Texte wie das Sanctus oder das Agnus Dei.

Das Kind sollte lesen und beten lernen

Und da sind schließlich die Miniaturen, von denen zwei ganzseitige am Anfang und am Ende der Handschrift die übrigen einrahmen, die schlaglichtartig die Erschaffung der Welt, den Sündenfall sowie ausführlich die Geschichte von Christi Geburt erzählen. Am Ende steht hier eine Darstellung des Limbus, der Vorhölle, in der sich verstorbene biblische Gestalten über ihre nahende Erlösung freuen, unter ihnen auch Propheten des Alten Testaments sowie Adam und Eva.

Natürlich entspricht dieser Aufbau in keiner Weise dem heutiger Bücher, mit denen Kinder lesen lernen sollen. Während aktuelle Fibeln darauf setzen, den Horizont des Kindes hinsichtlich seiner unmittelbaren Erfahrungen zu beachten und daran mit möglichst kurzen, einfachen Worten anzuknüpfen (was dann gern zu Sätzen wie „Das ist Pauls Ball“ führt), geht es im Buch der kleinen Claude de France darum, dem Kind gleichzeitig zwei Kompetenzen zu vermitteln: Es soll lesen lernen ebenso wie beten. Und wo moderne Lehrwerke peinlich darauf achten, dass es einen möglichst engen Zusammenhang zwischen Text und Bild gibt, dass also Pauls Ball deutlich zu sehen ist, sind in Claudes Fibel die biblischen Miniaturen keine direkte Illustration der Gebete.

Anders sieht es bei den ganzseitigen Bildern aus, die religiöse Motive mit den Entstehungsumständen sowie mit dem Zweck des Buches verbinden: Auf der ersten Miniatur, gegenüber dem ABC, sieht man den heiligen Claudius von Besançon, zu dessen Füßen zwei Mädchen betend knien. Eines davon stellt Königin Anne dar, ihre Hände liegen auf einem geschlossenen Buch. Hinter ihr steht ihre Namenspatronin, die heilige Anna.

Die Königin betet also zum Schutzheiligen ihrer kleinen Tochter, für die jene Fibel entstanden ist, sie wird dabei von der eigenen Patronin unterstützt, und es liegt nahe, dass sie Hilfe bei dem Projekt des Lesen- und Betenlernens erfleht. Das letzte Bild nimmt diesen Gedanken auf, aber mit umgekehrten Vorzeichen: Nun betet Claude zur heiligen Anna, während der heilige Claudius bestärkend hinter ihr steht. „Die Prinzessin ist als Sechs- oder Siebenjährige dargestellt“, schreibt der Kunsthistoriker Roger S. Wieck im Begleitband zum Faksimile, „in jenem Alter also, in dem sie ihr Buch tatsächlich erhalten hat. Das Erlernen ihrer Gebete hat sie noch nicht abgeschlossen - das vor ihr liegende Buch ist noch geöffnet.“

Die aktive Rolle, die Anne von Frankreich beim Lesenlernen ihrer Tochter ergriff, wurde dem Buch also eingeschrieben - und das ganz sicherlich nicht ohne den Willen der Monarchin, die damit demonstrierte, wie wichtig ihr dieser Unterricht war. Dass Claude eine Prinzessin war und kein Prinz, schadete ihr dabei nicht, zumal es noch zwei Jahrhunderte zuvor umgekehrt eher für männliche Adlige fast anrüchig gewesen wäre, zu viel Gelehrsamkeit zu demonstrieren anstelle genuin ritterlicher Fähigkeiten wie Reiten und Kämpfen.

Der Antrieb zum Lesen lernen war kein religiöser mehr

Aber auch für männliche Adlige hatten sich die Zeiten geändert, für den Klerus, Mitarbeiter der Verwaltung und Kaufleute sowieso. Seit etwa der Mitte des 14. Jahrhunderts begann sich „die Entwicklung zur Schriftlichkeit der Kommunikation zu beschleunigen“, schreibt Wendehorst: „Der Antrieb zur Erlernung des Lesens, Schreibens und auch Rechnens war außerhalb des Klerus kein religiöser mehr.

Es gab nun andere Gründe, lesen und schreiben zu lernen als das Studium und das Kommentieren der Bibel. Und das um so mehr, je gebräuchlicher Schriftlichkeit im Handel und in der Verwaltung wurde und je komplizierter die verhandelte Materie. In den gut hundertfünfzig Jahren bis zum Ende des Mittelalters stieg, Schätzungen zufolge, unter den Stadtbewohnern die Quote derjenigen, die Lesen und Schreiben gleichermaßen beherrschten, auf um die zwanzig Prozent. Die Neuzeit konnte kommen.

Die „Fibel der Claude de France“ ist als Faksimile mit Kommentarband im Quaternio-Verlag, Luzern, erschienen. Literatur: Alfred Wendehorst, „Wer konnte im Mittelalter lesen und schreiben?“ In: Johannes Fried (Hrsg.), „Schulen und Studium im sozialen Wandel des Hohen und späten Mittelalters“. Sigmaringen 1986. - Demnächst erscheint als Sonderheft der „Zeitschrift für Erziehungswissenschaft“: Stephanie Hellekamps, Jean-Luc Le Cam, Anne Conrad (Hrsg.): „Schulbücher und Lektüren in der vormodernen Unterrichtspraxis“.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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