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Lernfutter ohne Ballaststoffe

Chegg it out und gib's zurück: Eine Online-Plattform für den Verleih von akademischen Lehrbüchern macht gerade den amerikanischen Buchmarkt nervös.

Im Herzen des Silicon Valley, im kalifornischen Santa Clara, wo man in virtuellen Autos durch virtuelle Hügel zu virtuellen Arbeitsplätzen fährt, virtuelle Orangenbrause trinkt und der Welt Tag für Tag gigatonnenbitweise Virtualität verkauft, waren in den letzten Tagen erstaunliche Töne zu hören: In der Zukunft irgendwann könnte es einmal digitale Lehrbücher geben. "Einstweilen aber lieben es die Studenten, Bücher tatsächlich zu fühlen." So spricht Aayush Phumbhra, der Mitbegründer des ra-

sant wachsenden Start-up-Unternehmens Chegg.com, welches vom Magazin TechCrunch jüngst als "Geldmaschine" bezeichnet wurde, weil es bereits fünf Jahre nach der Gründung einen geschätzten Jahresumsatz von mindestens 130 Millionen Dollar aufweise.

Auch der neue Vorstandsvorsitzende von Chegg, Dan Rosensweig, der zuvor schon einen Topjob bei Yahoo innehatte und bis zum Februar dieses Jahres bei Activision Blizzard für die Goldesel-Software "Guitar Hero" verantwortlich war, widerspricht im aktuellen Interview mit Kara Swisher von "All Things Digital" der allgemeinen These eines schnellen Siegeszugs des E-Textbooks: "Eines Tages mag das so kommen, aber ich glaube nicht, dass es bald ist." Dieser Zwölf-Milliarden-Dollar-Markt sei immer noch buchgetrieben, und das zu Recht: "Ein Reader-Gerät hat keine längere Akkulaufzeit als ein Buch, ist nicht leichter als ein Buch und man kann eigentlich auch kaum mehr mit ihm anfangen." Das hätte kein bibliophiler Nostalgiker schöner sagen können.

Was diese ostentative Sympathie für das traditionelle Medium im Software-Tal zu erklären vermag, ist der Umstand, dass Chegg zwar ein Online-Unternehmen ist, aber eines, das mit Realien handelt (ohne einfach eine Verkaufsplattform zu sein). Das Kerngeschäft besteht in der Vermietung von Lehrbüchern an Studenten im gesamten Land. "Lächerlich teuer" seien die anzuschaffenden Bücher, betont Rosensweig und gibt sich als Retter der finanziell Bedrückten. Chegg nämlich verleihe das Gewünschte für einen Bruchteil der Kosten.

Der Name "Chegg" ist eine Kontraktion aus "Chicken" und "Egg" und soll andeuten, dass man das Huhn-Ei-Problem gelöst habe. Gute Ausbildung sei nötig für einen guten Job, aber ein guter Job scheine nötig, um eine gute Ausbildung finanzieren zu können. Chegg helfe nun, die Ausbildungskosten zu drücken, und zwar bereits an 6400 Colleges. Klein ist der Bruchteil allerdings nicht, meist muss ein Drittel oder gar die Hälfte des Ladenpreises gezahlt werden - pro Semester.

Im Grunde handelt es sich um die geschickte Web-Optimierung der sehr alten Idee, gefragte Lehrbücher, welche keine Universitätsbibliothek in der benötigten Zahl vorhält, nach Gebrauch weiterzuverkaufen. Viele College-Buchläden in den Vereinigten Staaten bieten auch längst Gebrauchtausgaben an, doch nur minimal preiswerter als die neuen Lehrbücher. Zurückgekauft werden sie jedoch zu einem Spottpreis. Mit Chegg kommen die Studenten da zurzeit besser weg, außerdem ist die Auswahl mit mehr als vier Millionen Titeln gigantisch. Wie viel das Unternehmen seinen Kunden erspart, also dem Handel an Verlusten beschert haben will, zeigt seit einiger Zeit eine Echtzeit-Sparuhr auf der Webseite an: bislang 250 Millionen Dollar. Mit seinem Geschäftsmodell steht die Chegg-Plattform nicht nur quer zu den Interessen des etablierten Buchmarkts, sondern natürlich auch zu denen der Verlage, die mit einer noch eklatanteren Preissteigerung - die Teuerung liegt schon jetzt mit sechs Prozent bei der doppelten Inflationsrate - reagieren könnten, wenn in den folgenden Jahren die Erlöse dramatisch einbrechen sollten. Die Verlage haben es indes verschlafen, nach dem Modell der Filmindustrie teurere Verleih-Ausgaben zu erfinden. Chegg kauft seine Ausgaben nicht einmal zum regulären Preis, sondern übernimmt sie zum Secondhandpreis von Studenten, die Lehrbücher ohne viele Gebrauchsspuren abstoßen wollen. Das amortisiert sich schnell.

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