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Veröffentlicht: 09.11.2014, 14:06 Uhr

Zöliakie & Co. Was kann man heute noch essen?


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Wie lässt sich ein Verdacht bestätigen?

Ob dem Ausbruch in gewissem Maße vorgebeugt werden kann, ist umstritten. Zwei kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studien ließen Zweifel daran aufkommen, dass ausgedehntes Stillen hilft. Säuglinge sollten dennoch die ersten Getreideprodukte weder zu früh noch zu spät erhalten, gerade wenn ein familiäres Risiko besteht. Das beste Zeitfenster für diese Beikost liegt wohl zwischen dem fünften und dem siebten Monat.

„Die Symptome der Erkrankung können erst spät im Leben auftreten. Manchmal fällt bei einer Routineuntersuchung auf, dass die Leberwerte erhöht sind oder eine Anämie besteht“, sagt Stallmach. Dann liefert häufig schon eine Blutanalyse die entscheidenden Hinweise. Antikörper des Typs IgA, die sich gegen das Enzym Transglutaminase richten, liegen bei einer Zöliakie fast immer vor. In einigen Fällen, wenn die Patienten bereits Diät halten, muss aber eine gezielte Belastung mit Gluten beobachtet werden, und in der Regel ist zusätzlich eine Biopsie des Darmes nötig.

Es muss nicht immer eine Zöliakie sein. Auch eine klassische Weizenallergie kann sich im Magen-Darm-Trakt mit ähnlichen Symptomen auswirken. Besteht dieser Verdacht, wird in einer Blutprobe nach spezifischen IgE-Antikörpern gegen verschiedene Weizenproteine gefahndet. Bei den Betroffenen äußert sich eine allgemeine Weizenallergie mitunter durch das sogenannte Bäckerasthma. Oder sie leiden unter Hautausschlag und Ekzemen. Mehl wirkt dann ähnlich wie der Blütenstaub bei Heuschnupfen.

Abwehrreaktionen liegen der Zöliakie ebenfalls zugrunde, doch es handelt sich hier um eine Autoimmunerkrankung, die durch Gluten erst angetrieben wird. Darin besteht ein wichtiger Unterschied zu Multipler Sklerose oder etwa Typ-I-Diabetes: Um eine Zöliakie in den Griff zu bekommen, genügt es, auf nur einen Bestandteil der Ernährung zu verzichten. Das allerdings ohne Ausnahme. Die Patienten müssen glutenhaltige Lebensmittel konsequent meiden und verstecktes Gluten auch da fürchten, wo man es nicht unbedingt erwarten würde. Enzympräparate, die derzeit klinisch getestet werden, könnten in Zukunft dafür sorgen, dass zumindest geringe Mengen keine Probleme mehr bereiten.

Das Geschäft mit der Angst

Immerhin ist die Suche nach entsprechenden Lebensmitteln einfacher geworden. Sogar Discounter bieten heute eine Reihe von Produkten an, die als „glutenfrei“ deklariert sind. Sie dürfen dann höchstens 20 parts per Million (20 mg/kg) der unerwünschten Speicherproteine enthalten. Der Markt ist groß, schon 2018 könnten mit glutenfreien Produkten mehr als sechs Milliarden Dollar umgesetzt werden.

Das hat einen schlichten Grund: Auf das Label vertrauen mittlerweile längst nicht nur jene, die es tatsächlich müssen. Prominente berichten, dass der Verzicht auf Gluten sie positiv beeinflusst habe. Das reizt viele zur Nachahmung. Dabei zeige sich oft ein starker Placeboeffekt, erklärt Stallmach; viele fühlen sich anschließend tatsächlich besser. Vielleicht auch darum, weil sie etwas Gewicht verlieren. „Menschen, die glauben, dass sie an einer Weizenunverträglichkeit leiden, sind zunächst ernst zu nehmen“, stellt Stallmach klar. Gerade von den Ärzten. Auch deshalb verfassten die Fachgesellschaften eine entsprechende Leitlinie.

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