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Veröffentlicht: 18.11.2014, 18:24 Uhr

Im Gespräch Ein Leben auf Sparflamme

Auf Twitter wurde unlängst intensiv über Depressionen diskutiert. Betroffen sind nicht nur die Patienten, sondern auch ihre Freunde und Angehörigen. Wie können sie ihnen helfen?

von Katharina Menne
© Röth, Frank Wenn Depressive auf Distanz gehen, sollten Freunde und Angehörige sich nicht auch noch zurückziehen.

„Depressionen zu haben heißt nicht, traurig zu sein. Es heißt im schlimmsten Fall, sich komplett leer zu fühlen und nichts mehr zu spüren.“ Mit dieser Nachricht trat die deutsche Twitter-Nutzerin Jenna Shotgun ungeahnt eine Lawine los. Innerhalb kürzester Zeit reagierten andere Nutzer auf ihren Tweet, um von ihren Erfahrungen mit der Krankheit zu berichten. Und damit nicht genug: Unter dem daraufhin erstellten Hashtag #NotJustSad schreiben sich nun schon seit Tagen weitere Betroffene Wut, Hilflosigkeit und Verzweiflung von der Seele. Ihre Reaktionen verdeutlichen, wie gering ihrer Wahrnehmung nach die Akzeptanz selbst unter Ärzten ist und dass sie sich von nahestehenden Personen unverstanden und abgewiesen fühlen. Unweigerlich stellt sich die Frage: Wie sollte man sich als Freund, Partner oder als Verwandter verhalten?

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Ablehnung, aber auch die eigene widersprüchliche Gefühlswelt in depressiven Episoden sorgen für Probleme: „Nichts wollen, als in den Arm genommen zu werden, nicht alleine sein, aber doch keinen anderen Menschen ertragen können“, mit diesen Worten erklärt ein Twitternutzer sein Befinden. „Sich nach Nähe sehnen, aber keinen an sich heranlassen aus Angst, enttäuscht zu werden“, schreibt ein anderer.

Ablehnung nicht persönlich nehmen

Diese Tweets schildern ein typisches Symptom der Krankheit: die emotionale Distanzierung. In solchen Fällen sei es ganz entscheidend, dass Angehörige die Ablehnung nicht persönlich nehmen, sagt Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Denn das Gefühl, jemanden unterstützend an seiner Seite zu wissen, sei sehr hilfreich für einen Erkrankten.

Von einer ausgeprägten Depression spricht man, wenn Menschen nicht einfach nur traurig oder deprimiert sind, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg hoffnungslos und niedergeschlagen. Die internationale Krankheitsklassifikation ICD-10 zählt die Depression zu den affektiven, das heißt stimmungsverändernden, psychischen Störungen. „Der betroffene Patient leidet unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt“, heißt es dort. Das spiegelt sich auch in den Zustandsbeschreibungen der Twitter-Nutzer wider: „Ist nicht so, dass ich nicht will. Eher, dass ich nicht kann. Da hilft schreien auch nicht viel!“ Oder: „Man öffnet keine Post mehr, Wäsche stapelt sich, Wohnung voll Unordnung, Körperhygiene auf Sparflamme, soziale Kontakte auf null.“

Was löst eine Depression aus?

Seit Jahren werden die neurobiologischen Ursachen der Krankheit erforscht. Vieles deutet auf Störungen des Stoffwechsels im Gehirn hin. Die Botenstoffe Serotonin oder Noradrenalin sind für die Übertragung von Impulsen zwischen den Nervenzellen verantwortlich. Eines davon, manchmal auch beide, sind bei Depressiven offenbar aus dem Gleichgewicht geraten. Genetische Faktoren spielen unter anderem eine Rolle, und als Auslöser für Depressionen kommen nicht nur psychosoziale Belastungen in Frage, wie etwa der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder chronische Überforderung im Job. Es gibt auch saisonale Einflüsse und in manchen Fällen keinen erkennbaren Grund.

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