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Vor- und Frühgeschichte : Jägerin und Sammler

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Ich jagen, du sammeln? Auch bei dieser Felszeichnung aus Norwegen ist für die Genderstudies nichts zu holen. Bild: F1online

Was sagen uns Grabungsfunde über die Verteilung der Geschlechterrollen in Zeiten, aus denen es keine schriftlichen Zeugnisse gibt? Herzlich wenig.

          Da lagen also: ein Hiebmesser, Reste eines Lederköchers mit 51 Pfeilspitzen, bronzene Gewandspangen auf der einen Seite. Auf der anderen Reste eines vierrädrigen Wagens, Bronzegefäße, Goldschmuck, Perlenketten aus Glas und Bernstein. Gustav Riek fand bei seinen Grabungen zwischen 1936 und 1938 am großen hallstattzeitlichen Grabhügel Hohmichele in Württemberg, was er suchte. Das Doppelgrab VI musste die Ruhestätte eines keltischen Fürsten und seiner Gemahlin sein, schloss der Professor für urgeschichtliche Forschung der Universität Tübingen. Auch wenn keine verwertbaren Knochenreste erhalten waren, sprachen die Grabbeigaben doch für sich, glaubte Riek.

          Aber warum nicht Fürstin nebst Gespielen? Oder der Fürst und sein Lustknabe? Schließlich sollen die Kelten zu manchen Zeiten der Knabenliebe nicht abgeneigt gewesen sein, wie etwa Aristoteles berichtet. Doch frühe Verbildlichungen des Fundes von Hohmichele rekonstruieren das Erwartbare: eine kettenbehängte Frau und einen waffentragenden Mann. In der Ausstellung „Ich Mann. Du Frau“ dagegen, die aktuell im Freiburger Colombischlössle zu sehen ist, sind einigen ausgewählten Stücken aus Grab VI Illustrationen zur Seite gestellt, die zeigen, wie man den gleichen Befund auch ganz anders interpretieren könnte.

          Werkzeugmacherinnen, schmuckbehängte Männer ...

          Der Archäologie fällt es ziemlich schwer, die fatale Macht der Bilder und Klischees über Männer und Frauen durch ewiges Anmahnen von Aussagen im Konjunktiv zu relativieren. Denn generalisierbare Einsichten zu Geschlechterrollen, vor allem aus der vorschriftlichen Zeit, kann die Archäologie nicht liefern. Um das zu verstehen, muss man sich noch nicht mal für Genderarchäologie begeistern. Es genügt schon, sich der kulturell getönten Brillen bewusst zu werden, die wir tragen.

          Gerade noch fühlte man sich komfortabel mit der Annahme, Waffen und Werkzeuge genau wie Wagen als typisch männliche Grabbeigaben zu betrachten und rückschließend jedes so bestückte Grab auch ohne anthropologisch zuordbare Knochenreste zum Männergrab zu erklären. Dazu passt aber nicht das ebenfalls hallstattzeitliche Mauenheimer Wagengrab, das erkennbar zur letzten Reise einer Dame gehört. Dann wäre da das weibliche Skelett aus Stetten an der Donau, das mit Schleifstein, geschliffenen Knochenspitzen und Feuerstein bestattet wurde. Schienbein und Elle der Frau wiesen starke Veränderungen auf, sie war jungsteinzeitliche Werkzeugmacherin. In Fridingen an der Donau ruhte eine Frau aus dem Frühmittelalter mit eisernem Kurzschwert und zwei Messern vor der Brust, unweit davon lag ein Mann mit bunten Perlenketten, Bronzeringen und Handspindel ausstaffiert, also strenggenommen Weiberkram.

          ... und eine frühmittelalterliche Frau mit Schwert

          Und so wie man das Jagen durch die Jahrtausende gern den Männern zuschreibt, gilt Kleiderherstellung für gewöhnlich als Frauenarbeit. Da erstaunt dann wieder der etwa 50jährige Weber, der in der mittleren Jungsteinzeit nahe dem heutigen Salzmünden beerdigt wurde, zusammen mit seinen Webgewichten und Spindeln. Typische Verschleißerscheinungen an Wirbelsäule, Schulterblättern und Beingelenken zeigten, dass er sein Leben am Webstuhl hockend verbrachte. Gräber mit dieser Art Beigaben schrieb man im Rahmen archäologischer Geschlechtsbestimmungen normalerweise Frauen zu. Erst anthropologische Untersuchungen von Schädel und Becken zeigten, dass hier die Knochen eines Mannes lagen.

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