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Training für Senioren : Denksport macht neugierig auf mehr

  • -Aktualisiert am

Neugierig auf Neues: Mitglieder des Deutschen Senioren Computer Clubs vor einem Laptop Bild: dpa

Sudokus und andere Aufgaben für das Gehirn verändern das Selbstbild von älteren Menschen: Sie empfinden sich als kreativer und offener gegenüber Neuem.

          Ein intensives kognitives Training kann Senioren nicht nur dabei helfen, neue Aufgaben besser zu lösen, sondern sogar ihre Persönlichkeit verändern: Sie werden offener für neue Erfahrungen und trauen sich wieder mehr zu. Entscheidend dabei sei noch nicht einmal, wie sehr sich die geistige Leistungsfähigkeit durch das Training tatsächlich verbessert hat, sondern vor allem die Beschäftigung mit den Denkaufgaben und die damit verbundenen positiven Erfahrungen, schreiben die Autoren um Elizabeth Stine-Morrow von der University of Illinois im Fachmagazin "Psychology and Aging" (doi: 10.1037).

          Als Teilnehmer wurden 183 gesunde Seniorinnen und Senioren zwischen 60 und 94 Jahren gewonnen, die weder beruflich noch ehrenamtlich aktiv waren. Alle machten vor und nach der Trainingsphase die gängigen Tests zu Persönlichkeitsdimensionen und kognitiven Fähigkeiten. 85 Senioren nahmen an dem kognitiven Trainingsprogramm teil, die anderen 98 Teilnehmer waren als Kontrollgruppe auf einer Warteliste eingetragen. Sechzehn Wochen lang erhielten die Teilnehmer der Trainingsgruppe wöchentlich umfangreiches Material wie Worträtsel, Sudokus und andere Aufgaben, das sie zu Hause im eigenen Tempo bearbeiten konnten. Die Psychologen gingen von einem durchschnittlichen Zeitaufwand von zehn Stunden aus, tatsächlich aber befassten sich die Teilnehmer sogar mehr als elf Stunden pro Woche freiwillig mit den Aufgaben. Der Schwierigkeitsgrad war dabei an die individuelle Leistungsfähigkeit angepasst und erhöhte sich wöchentlich mit dem Fortschritt des Teilnehmers.

          Veränderung im Persönlichkeitstest

          Am Ende der Trainingsphase hatten die Teilnehmer ihre Problemlösefähigkeiten leicht verbessert, sie konnten nicht nur Aufgaben des geübten Typs schneller lösen, sondern waren auch in nichttrainierten Aufgaben etwas erfolgreicher als die Vergleichsgruppe. Auch in dem Persönlichkeitstest zeigte sich eine Veränderung: Die Teilnehmer bezeichneten sich selbst als kompetenter, kreativer und neugieriger als vor dem Training. Offenheit gegenüber Neuem ist jedoch eine Persönlichkeitseigenschaft, die eng mit der geistigen Leistungsfähigkeit verknüpft ist. Denn durch neue intellektuelle Erfahrungen bleiben Menschen geistig beweglich. Die Vergleichsgruppe zeigte keine entsprechende Entwicklung.

          Dass sich durch Trainings tatsächlich die geistige Leistungsfähigkeit steigern lässt, war lange sehr umstritten. Die kommerziell vertriebenen Gehirnjogging-Programme halten nicht, was sie versprechen, erklärt zum Beispiel die Expertengruppe "Altern in Deutschland" der Leopoldina-Akademie. Im Jahr 2010 konnten Psychologen um Ulman Lindenberger und Florian Schmiedek vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung mit der Cogito-Studie erstmals zeigen, dass sich auch bei älteren Menschen noch kleine Zugewinne bei geistigen Fähigkeiten erzielen lassen. Allerdings nur mit einem zeitaufwendigen und langdauernden Training, das vor allem Merkfähigkeit und Arbeitsgedächtnis ständig forderte, die wichtige Voraussetzungen für effizientes Denken und Schlussfolgern sind. "In den üblichen Programmen werden nur Fertigkeiten trainiert, die sich aber nicht in Fähigkeiten ummünzen lassen. Wer Sudokus löst, wird besser im Sudoku, aber nicht bei anderen Aufgaben", sagt Schmiedek.

          Mehr Offenheit

          Die nun vorliegende Studie hat die Teilnehmer ebenfalls über Monate hinweg täglich für mehr als eine Stunde gefordert. "Wir vermuten, dass die Anpassung der Aufgaben an die ganz individuelle Leistungsfähigkeit der Teilnehmer entscheidend dazu beitrug, mehr Offenheit zu ermöglichen", berichtet Stine-Morrow. Denn so gewannen die Teilnehmer allmählich mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten, auch neue Aufgaben zu meistern. Offen ist aber, ob der kleine beobachtete Leistungszuwachs auf das Training selbst oder auf das veränderte Selbstkonzept der trainierenden Senioren zurückzuführen ist. Das Prinzip ist aus der Schulpädagogik unter dem Stichwort "Fordern, aber nicht überfordern" bekannt: Wer nach angemessener Anstrengung Aufgaben meistern kann, bleibt motiviert und steigert seine Leistungen. Noch offen ist auch die Frage, ob die trainierten Senioren nun auch im realen Leben aktiver als zuvor nach Anregungen suchen, die sie geistig immer wieder neu herausfordern.

          Quelle: F.A.Z.

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