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Neue Sucht : Im Sog des Tangotanzens

  • -Aktualisiert am

Carolina Rocchietti und Silvio Sotomayor - die Stars des Tango-Musicals „Tanguera“ Bild: Sebastian Cunitz

Tanzen kann in die Abhängigkeit führen, warnt ein ungarisches Forscherteam. Wer einmal in den Bann von Tango oder Flamenco gerät, zeigt demnach schnell andere Symptome von Suchterkrankungen.

          Eigentlich ist der Fall klar: Tanzen – sei es nun die wöchentliche Ballettstunde oder die Teilnahme am angesagten Lambada-Kurs – scheint der Gesundheit von Menschen durchschlagend zu nützen. Das jedenfalls legt die Fülle der in den vergangenen Jahren erschienenen Studien zum Thema Tanzen nahe. Wenn Paare tanzen, senkt das die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Speichel beider Partner. Paartanzen schützt sogar besser vor Demenz als Kreuzworträtsellösen. Wer schon als Grundschüler tanzt, ist weniger aggressiv als die Mitschüler – und auch noch besser in Geometrie, weil das räumliche Vorstellungsvermögen profitiert.

          So weit, so überzeugend. Doch in diesen Tagen kratzen gleich zwei Wissenschaftlerteams ganz gehörig am sauberen Image des Tanzens. Zum einen zeigen Mediziner der University of California in San Diego im Fachmagazin „Pediatrics“ anhand von 260 Tanzschülerinnen zwischen fünf und achtzehn Jahren, dass die Kinder und Jugendlichen in den Kursen zwei Drittel der Zeit nur herumstehen, zuhören oder leichte Dehnübungen machen. Den Teilnehmerinnen war ein elektronischer Gürtel umgelegt worden, mit dem sich die Bewegungsintensität messen ließ. Am besten schnitten noch die Hip-Hop-Kurse ab, am schlechtesten Flamencostunden. „Wir sehen das als verpasste Gelegenheit, Kinder gesünder werden zu lassen“, sagt Studienautor James Sallis in einer Mitteilung zur Studie streng.

          Herumstehen und tuscheln

          Nun gut, könnte man sagen, vermutlich muss man die Konzeption solcher Kurse ein wenig überdenken, um zu verhindern, dass die teilnehmenden Kinder nur gelangweilt an der Heizung stehen und tuscheln. Aber dann, wenn man alle doch noch auf dem Parkett hat – dann müsste doch das eintreten, was in den Studien versprochen wird: Die Kinder werden intelligent, sozial, ausgeglichen. Und an dieser Stelle stellt sich eine ungarische Forschergruppe mitten auf die Tanzfläche und hält ein großes Warnschild hoch: Zu viel Tanz, meinen die Wissenschaftler, könne auch schaden. In „Plos One“ haben die Forscher um die Psychologin Aniko Maraz nämlich gerade eine Studie über die verheerenden Folgen von Tanzsucht publiziert. Ja, richtig gelesen: Wer seine Kinder in den Tanzkurs schickt, statt sie vor dem Rechner versauern zu lassen, riskiert Abhängigkeiten. Tanzen macht süchtig wie Computerspiele, Geldautomaten oder Shoppen.

          Das glaubt zumindest die Gruppe um Maraz, die 450 Freizeittänzer mit einem selbst entwickelten Fragebogen untersuchte. Die Teilnehmer tanzten Salsa und Gesellschaftstänze. Zeigten sie im Interview Suchtsymptome, dann lagen auch häufig Anzeichen einer Borderline-Störung, einer Essstörung oder sonstige psychische Stresssymptome vor. Die Tanzsuchtexperten aus Budapest stehen weltweit fast allein mit ihrem Forschungsthema. Und an der Schwelle, zu einer offiziellen Diagnose zu werden wie etwa Glücksspielsucht, steht die Tanzsucht wohl noch lange nicht – auch wenn französische Suchtforscher im „Journal of Behavioral Addictions“ auch schon bestätigten: Ja, zumindest Tango kann abhängig machen. Nur: Diese Sucht, so schreiben sie, nütze wirklich allen, die in ihren Sog geraten.

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