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Sprachforschung : Selbst ist das Frau

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„Hallo, hier isch s Rita“: Sächliche Frauenvornamen in Dialekten drücken keineswegs Verachtung aus. Bild: dpa

Um Frauen zu verhöhnen, werden die Namen weiblicher Personen häufig ins Neutrum gesetzt. In Dialekten können sächliche Frauenvornamen aber auch Nähe signalisieren.

          Seit Beginn der Flüchtlingsdebatte stößt man in Foren, Blogs und sozialen Medien häufiger auf Formulierungen wie „Das Merkel muss weg“. Man muss sich die zugehörigen Ergüsse gar nicht genauer durchlesen, um zu erkennen, dass die Kanzlerin damit verhöhnt werden soll. Wer über Merkel im Neutrum spricht, entweiblicht sie, um sie zu entmenschlichen.

          Zum Weltfrauentag am 8. März sei auf diese Perfidie hingewiesen, denn in Bezug auf männliche Politiker sind solche Neutralisierungen noch nicht aufgetaucht. Selbst der übelste Schmähartikel lässt ihr Genus im Maskulinum. Nur wenn sie gegen Rollenerwartungen verstoßen, werden sie mitunter ins Femininum gesetzt: die Tunte, die Schwuchtel, die Memme – wie umgekehrt als nicht rollenkonform wahrgenommene Frauen Maskulina ertragen müssen: der Drache, der Vamp.

          Mehr als hundert negative Neutra für Frauen

          Nun sind abwertende sächliche Substantive für Frauen vergleichsweise häufig. Sprachforscher haben mehr als hundert negative Neutra für Frauen gezählt, aber nur eine Handvoll für Männer. Zudem gibt es mehr Diminutiva, also Verkleinerungsformen, die für weibliche Personen verwendet werden oder wurden – man denke nur an „Mädchen“ –, und Diminutiva sind im Deutschen immer Neutra. Übrigens war Merkel einmal „Kohls Mädchen“, lange bevor man aus ihr „das Merkel“ machte.

          Das Beispiel legt heutzutage nahe, im Gebrauch von Diminutiven für erwachsene Frauen generell eine abwertende Verniedlichung zu sehen und sich das mit dem tradierten Rollenbild männlicher Provenienz zu erklären: Eine erwachsene, verheiratete und sozial integrierte Frau verbleibt meist im Femininum, während eine eher junge, emanzipierte und damit unkontrollierbare Frau sich das herablassende Neutrum gefallen lassen muss. Von dort sei es dann nicht mehr weit zur Degradierung zum Sexualobjekt. Solche Frauen werden dann als das Girl, das Pin-up und das Playmate oder offen herabwürdigend als das Luder, das Stück, das Ding oder gar das Loch bezeichnet.

          Aus dieser Sicht habe das Neutrum aber auch die Funktion, der Frau die eigene Handlungsfähigkeit abzusprechen. „Sie handelt nicht selbst, vielmehr ist sie direktes Objekt der Handlungen anderer“, schreibt die Mainzer Linguistin Damaris Nübling in einem Aufsatz über „das Merkel“. Dies sei eine subtil-grammatische Methode, die mächtigste Frau Europas zu entmachten. Zudem stehe die so neutralisierte Kanzlerin häufig in Verbindung mit einer Passivkonstruktion: Das Merkel wird verachtet, gestürzt, abgewählt. Sprachforscher nennen so etwas eine Agentivitätsreduktion.

          Das Neutrum hat obendrein eine Tendenz, weniger belebte Objekte zu markieren. Zwar haben grammatisches und biologisches Geschlecht nicht notwendig miteinander zu tun, doch einen Trend gibt es. So hat der Berliner Linguist Manfred Krifka vor sieben Jahren die Genera der 600 häufigsten Substantive gezählt, die Menschen bezeichnen: 69 Prozent sind maskulin (der Gast), 16 Prozent feminin (die Person), 9 Prozent neutral (das Kind) und 7 Prozent Plurale (die Leute).

          Sächliche Frauenvornamen in Dialekten sind keine Verachtung

          Weniger erforscht sind hingegen sächliche Frauenformen in Dialekten, vor allem im Süden und Westen des deutschen Sprachraums. Der Rheinländer sagt „dat Rita“, der Pfälzer „et Hilde“, der Alemanne „s Eva hät gsait“ (Eva hat gesagt). „Das Günter“ gibt es auch hier nicht. Daher hat sich Damaris Nübling nun vorgenommen, diesen sogenannten Femineutra auf den Grund zu gehen. Vor allem interessiert sie dabei die räumliche Verbreitung, Entstehung und Funktion. „Manche glauben, die häufige Diminution weiblicher Vornamen habe zur Verallgemeinerung des Neutrums geführt“, sagt sie. Dass also aus der Verkleinerungsform von beispielsweise „das Annchen“ auch „das Anne“ wurde. Nübling hält diese Erklärung allerdings für „zu einfach und für wahrscheinlich falsch“.

          Nun drücken aber sächliche Frauenvornamen in Dialekten keineswegs Verachtung aus. Das erkennt man schon daran, dass sich die Frauen selbst in dieser Form vorstellen, wie Nübling unter anderem anhand von Telefonaten herausgefunden hat. „Hallo, hier isch s Rita“, sagen sie dann selbstverständlich. Das Neutrum ist in solchen Gegenden der Normalfall und keineswegs negativ gemeint. Ebenso wenig wie die Form „Es ist zu Hause“.

          Doch sagt Nübling, dass nur solche Frauen ins Neutrum träten, die bekannt, sympathisch und mit dem Sprecher vertraut sind. Es sei also eine Form der Nähe. Die Forscherin interpretiert das als eine grammatische Zähmung oder Lähmung. Meist seien solche Frauen sozial inferior, quasi domestiziert und damit ungefährlich. Ältere, fremde und nichtverwandte Frauen, die mitunter Karriere gemacht haben, blieben dagegen im Femininum, der im Dialekt Distanz ausdrücke. Beides führt Nübling auf Zuschreibungen durch eine patriarchale Gesellschaft zurück. Ob „das Rita“ oder „das Merkel“ - beides beruhe demnach auf eine Platzanweisung der Männer. Nun muss nur noch untersucht werden, ob es nicht auch andere Erklärungen gibt.

          Damaris Nübling: Das Merkel – Das Neutrum bei weiblichen Familiennamen als derogatives Genus? In: Debus, Friedhelm et al. (eds.): Linguistik der Familiennamen. Germanistische Linguistik 225-227, Hildesheim 2014, 205-232.

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