http://www.faz.net/-gwz-7wns4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 29.11.2014, 08:00 Uhr

So schrieben die alten Römer Post für die liebste Seele

Wie sah der Alltag der Legionäre aus? Die Schreibtafeln aus Vindolanda erlauben uns einen einzigartigen Blick auf das Leben der Römer im besetzten Britannien.

von
© Getty Claudia Severas Geburtstagseinladung in Transkription: „Cl(audia) Seuerá Lepidinae [suae [sa]l[u]tem iii Idus Septembr[e]s soror ad diem sollemnem natalem meum rogó libenter faciás ut uenias ad nos iucundiorem mihi ii [diem] interuentú tuo facturá si (...)s (...) Cerial[em t]uum salutá Aelius meus et filiolus salutant (...) sperabo te soror uale soror anima mea ita ualeam karissima et haue“ Die deutsche Übersetzung lautet ungefähr: „Claudia Severa sendet ihrer Lepidina einen Gruß. Am dritten Tage vor den Iden des September bitte ich gerne, Schwester, zu meinem feierlichen Geburtstag. Mach doch, dass Du zu uns kommst. Den Tag wirst Du mir durch Dein Kommen erfreulicher machen, wenn Du (Verb unvollständig). (...) Grüße Deinen Cerialis. Mein Aelius und der kleine Sohn lassen grüßen. Ich hoffe auf Dich, Schwester. Es möge Dir gut gehen, Schwester, meine Seele, dann geht es auch mir gut, Du liebste. Und gehab Dich wohl.“

Claudia Severas Einladung, verfasst wohl um das Jahr 100 n. Chr., gilt als die weltweit älteste erhaltene Handschrift, die sicher einer Frau zugeordnet werden kann. Sie steht auf einem jener hauchdünnen Holztafelfragmenten, die im Römerfort Vindolanda entdeckt wurden, etwas südlich des Hadrianswalls. Von 1973 bis heute sind dort mehr als eintausend Täfelchen ans Licht gekommen. Die Zeiten haben sie mehr oder weniger beschädigt überstanden, manche sind gänzlich unlesbar, andere tragen fast vollständig erhaltene fortlaufende Texte. In der Regel wurden sie querformatig und in zwei Kolumnen mit kursiver Schrift in lateinischer Sprache beschrieben, anschließend gefaltet und, wenn es sich um Briefe handelt, auf der Außenseite mit Absender und Empfänger versehen.

Auf Außenposten im Holzfort

Tilman Spreckelsen Folgen:

Darauf, wie sie zugestellt wurden, geben Bemerkungen auf den Täfelchen selbst Hinweise, etwa wenn es heißt, der Schreibende nutze die Gelegenheit zum Briefversand, die sich gerade biete. „Die Leute warteten, dass sie von jemandem hörten, der zu dem Ort reisen würde, an den sie schrieben. Wenn aber die Angelegenheit dringend oder dienstlich war, konnte ein Offizier einen oder mehrere Soldaten mit dem Brief losschicken“, schreibt Anthony Birley, ein Sohn des großen Vindolanda-Archäologen Eric Birley und bis 2002 Professor für Alte Geschichte in Düsseldorf.

Mehr zum Thema

Die meisten von ihnen wurden zwischen den Jahren 92 und 115 verfasst - also noch vor dem Bau des Hadrianswalls und in einer Zeit, in der das Lager Vindolanda lediglich ein Holzfort war. Stationiert waren dort sogenannte Auxiliareinheiten, Hilfstruppen der römischen Armee. Zwischen den Jahren 90 und 105 war das die Neunte Batavische Kohorte, die ursprünglich im Mündungsgebiet des Rheins heimisch war. Ihr Präfekt war zumindest von 97 an ein gewisser Flavius Cerialis, Ehemann der so dringlich zum Geburtstag eingeladenen Sulpicia Lepidina. Auf keine zweite namentlich bekannte Person beziehen sich so viele der Täfelchen wie auf ihn.

Warum schreibst du mir nicht, Kamerad?

Sie enthalten zum einen Berichte aus der militärischen Sphäre. Berühmt ist etwa eine Liste, die aus der Zeit kurz vor Ankunft der Bataver stammt, als die Erste Kohorte der Tungerer zwischen etwa 87 und 92 in Vindolanda ihr Fort errichtete. Von eigentlich 752 Soldaten waren demnach nur 296 vor Ort und einsatzbereit. Die anderen waren krank oder dienstlich abwesend, allein 337 im wie Vindolanda an der Stanegate-Straße gelegenen Militärlager Coria, wo sie möglicherweise, wie Anthony Birley vermutet, als Rekruten ausgebildet wurden.

Aber auch sogenannte Renuntia finden sich unter den Vindolanda-Tafeln, offenbar regelmäßig verfasste Berichte über den Zustand des Lagers und der Truppe, von denen knapp vierzig Fragmente erhalten sind. Meist halten ihre Autoren in knappen Worten fest, dass alles in Ordnung ist, nur einmal wird die Abwesenheit eines Soldaten beklagt, vielleicht war der Mann ein Deserteur. Obwohl diese Renuntia außer in Vindolanda nirgends sonst im Römerreich überliefert worden sind, muss das nicht heißen, dass es sie nicht auch in anderen Lagern gegeben hat. Sie wurden sicher nicht einzeln archiviert, sondern wahrscheinlich nach dem Lesen weggeworfen, hatte ihr Trägermaterial ohnehin nur geringe Chancen, die Zeiten zu überdauern.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Forschung im Abwärtsstrudel

Von Joachim Müller-Jung

Noch ist die Forschungsmacht Nummer eins nicht am Boden. Aber Trumps Budgetpläne zeigen: Der Präsident pfeift auf die Zukunft, wie er auf Wahrheit pfeift. Amerika entmachtet sich. Ein Kommentar. Mehr 11 48