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Soziale Systeme : Der Bub geht aufs Gymnasium!

  • -Aktualisiert am

Der Weg zur höheren Bildung. Bild: dpa

Soll das Lehrerurteil oder der Elternwille gelten? Beim Schulwechsel aufs Gymnasium sind die Fronten verhärtet, welche Entscheidung die bessere sei. Nun liegen harte Daten zum ewigen Streit über den Zugang zur höheren Schule vor.

          Die Frage, ob ein eher unauffälliger Schüler der vierten Klasse sich dennoch für das Gymnasium eignen könnte, wird man nicht unabhängig von den Lehrern beantworten wollen, die ihn zuvor unterrichtet haben. Vor dem Schulwechsel sprechen diese Lehrer daher eine sogenannte Übergangsempfehlung aus, die in den verschiedenen Bundesländern verschieden behandelt wird: In Ländern wie Bayern und Bremen bindet es auch die ehrgeizigen Eltern, wenn der Lehrer zur Realschule rät, in Hessen und Nordrhein-Westfalen können sie das folgenlos ignorieren.

          An der Diskussion darüber, welche dieser beiden Lösungen den Vorzug verdient, hat sich auch die Soziologie vielfach beteiligt. Am Anfang stand ein Aufsatz Helmut Schelskys, der sich vor mehr als einem halben Jahrhundert zugunsten der seinerzeit neuen Idee aussprach, das letzte Wort den Eltern zu lassen. Eine verbindliche Empfehlung der Lehrkraft könne nur dazu führen, dass die Eltern der zurückbleibenden Schüler schon Jahre zuvor für das Schicksal ihrer Kinder kämpfen. Den Lehrer würden sie dabei so gut wie zwangsläufig als ihren Gegner definieren, und zwar auch den eigenen Kindern gegenüber. Das wiederum untergrabe seine Autorität, von der am Ende doch der gesamte Schulunterricht abhänge. Besser sei es daher, dem Elternwunsch auch wider besseres Wissen zu folgen. Sollte ein Schüler dem Gymnasium nicht gewachsen sein, würden das ja sehr bald auch die Eltern bemerken – und ihn stattdessen auf die Realschule schicken.

          Wenn Eltern der Bildungsaufstieg ihrer Kinder nicht geheuer ist

          Heute tendiert man als Soziologe eher zu der umgekehrten Bewertung. Ein Grund dafür ist, dass ein Wechsel der einmal gewählten Schulform zu den ausgesprochenen Seltenheiten gehört. Der Korrekturmechanismus für Zuordnungsfehler funktioniert also längst nicht so gut, wie Schelsky es annahm. Außerdem sind es natürlich nicht irgendwelche Eltern, die beim Elternsprechtag im Kampfanzug vorstellig werden, sondern solche, die ihrerseits einen relativ hohen Bildungs- und Sozialstatus haben. Nur sie können ernsthafte Konflikte mit dem Lehrer riskieren, ohne durch das Gefühl der sozialen Unterlegenheit behindert zu sein. Und nur für sie hat der schulische und berufliche Erfolg der Kinder einen konservativen Sinn: Dass auch der Nachwuchs das Gymnasium durchläuft, so wie man selbst es tat, erleichtert die spätere Verständigung zwischen den Generationen und wahrt so die Kontinuität der Familie.

          In den Familien der Unterschichten und mancher Migranten sieht das anders aus. Dort fürchtet man nicht ohne Grund, ein etwaiger Bildungsaufstieg der Kinder werde sie ihren Eltern entfremden, und hält sich auch deswegen beim Zugang zur höheren Bildung eher zurück. Eine Empfehlung, die unverbindlich bleibt, begünstigt also nur die ohnehin begünstigen Gruppen.

          Diese Einschätzung der Lage ist vermutlich zutreffend. Der bildungspolitische Schluss, dass man nur verbindlich empfehlen müsse, um Ungerechtigkeiten zu minimieren, wird aber trotzdem zu schnell gezogen.

          Kein Schutz vor sozialen Ungleichheit

          Das zeigt eine Untersuchung, die soeben vorgelegt wurde. Die Soziologen Tobias Roth und Manuel Siegert haben große und zuverlässige Datensätze aus zwei Arten von „alten“ Bundesländern miteinander verglichen: solchen mit und solchen ohne verbindliche Übergangsempfehlung, und herausgekommen ist dabei, dass die ländertypischen Unterschiede in der sozialen Durchlässigkeit des Gymnasiums von dieser Frage ganz unabhängig sind. Auch beim Zeitvergleich zweier Bundesländer, die vor und nach der Einführung beziehungsweise vor und nach der Abschaffung einer verbindlichen Regelung untersucht wurden, zeigten sich keine Unterschiede in der sozialen Herkunft der Gymnasiasten. Der Verzicht auf das Vetorecht der Eltern bietet demnach keinen wirksamen Schutz gegen soziale Ungleichheit.

          Die Autoren sagen nicht, dass sie dieses Ausbleiben der erwarteten Wirkung erklären können. Aber sie nennen einige Punkte, an die man hier denken kann. Für die bildungsehrgeizigen Eltern gibt es mehrere Möglichkeiten, den Wegfall der Wahlmöglichkeit zu kompensieren. Sie können, und sei es um den Preis des Familienfriedens, den Leistungsdruck auf das Kind erhöhen. Sie können ihm einen Nachhilfelehrer bezahlen. Und wenn auch das nicht hilft, können sie eine Privatschule in Betracht ziehen in der sicher nicht unberechtigten Hoffnung, dass dort die wohlwollende Beurteilung im Preis inbegriffen ist. Für die Unterschichten dagegen ist die Frage nach der Verbindlichkeit weniger wichtig. Denn die Freiheit, sich gegen das empfohlene Gymnasium und für die Realschule zu entscheiden, wird natürlich auch von der Empfehlung nicht eingeschränkt. Sie schützt nur das Gymnasium vor den Ungeeigneten, nicht aber die Geeigneten davor, Eltern zu haben, die von den höheren Schulen nichts halten. Hier wie so oft scheint also der Kampf gegen Schichtung auf einen Kampf gegen die Familien hinauszulaufen, den eine demokratische Politik nicht gewinnen kann.

          Literatur:

          Tobias Roth/Manuel Siegert, Freiheit versus Gleichheit? Der Einfluss der Verbindlichkeit der Übergangsempfehlung auf die soziale Ungleichheit in der Sekundarstufe, in: Zeitschrift für Soziologie 44(2015), S. 118-136;

          Helmut Schelsky, Schule und Erziehung in der industriellen Gesellschaft, Würzburg 1957.

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