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Schöner werfen : Speere, Bälle, Blumen

„Love is in the air“ nennt Banksy sein Graffito. Der britische Künstler sprühte so einen Blüten-Bomber schon auf Mauerwerk, Holz, Haus- sowie Leinwände und druckte ihn auch auf Platten- und Buchcover. Bild: Foto Archiv

Wenn zum 1. Mai Steine hageln, gibt es an einem solchen Gewaltakt nichts zu beschönigen. Gerade weil der Mensch so gut im Werfen ist.

          Weiße Federn wirbeln durch die Luft. Der eine Kämpfer trägt Helm und Uniform, der andere Palästinensertuch. Eine Kissenschlacht mitten in Bethlehem. Sie findet zwar nur auf einem Wandbild im kürzlich eröffneten „Walled Off“-Hotel statt, doch sie bezeugt, was der britische Künstler Banksy grundsätzlich von Krieg und Gewalt hält: nichts. Banksy finanzierte die Umgestaltung des Gebäudes direkt neben der israelischen Sperrmauer zum musealen Hort der Kunst und prägte so manches Hotelzimmer durch eigene Graffiti. Nicht weit vom „Walled Off“ entfernt hat er allerdings schon vor Jahren auf charakteristische und sehr ironische Weise gegen den Nahost-Konflikt protestiert. In einem Fall war ein Esel bei der Ausweiskontrolle zu sehen, in einem anderen sprühte Banksy – nicht zum ersten Mal – einen Vermummten auf die Hauswand.

          Sonja Kastilan

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Weder Stein noch Molotow-Cocktail hält dieser Kämpfer in der rechten Hand. Stattdessen holt er zum Wurf mit einem bunten Strauß aus. Seine Haltung ist nicht spielerisch, sie stellt keinen Athleten dar oder einen Jäger, sondern eine Attacke auf ein unbekanntes Ziel. Allein durch die Blumen scheint der Anblick akzeptabel. Welche Fronten es auch immer zu überwinden gilt, Mauern in Städten oder Köpfen: Banksy, über dessen Identität nach wie vor gerätselt wird, geht mit seinen Farbschablonen dagegen an. Er macht Ratten zu Symbolen, greift unsere Verhaltensweisen mit Luftballons, Pinseln, Herzen oder eben Blüten als Waffen an. Eine Bombe lässt er von einem Mädchen wie einen Teddybären umarmen. Viele seiner subtilen Botschaften sind inzwischen übermalt. Oder man hat die Bilder vom Mauerwerk gelöst beziehungsweise mitsamt Verkleidung von Stromkästen abmontiert, um sie auf Kunstauktionen teuer zu versteigern.

          Tanz in den Mai

          Das geschieht im Nahen Osten ebenso wie in London, Hamburg oder Berlin, wo Banksy seinen friedvollen Krieger zum Beispiel auf einer Wand des Kunsthauses Tacheles hinterließ. In einer Stadt, die für ihre Auferstehung aus Ruinen so berühmt ist wie für ihre gewalttätigen Straßenkämpfe berüchtigt. Am 1. Mai hat hier Randale Tradition. Während sich der Stadtteil Kreuzberg jetzt auf das offizielle „Myfest“ vorbereitet, das sich laut „Tagesspiegel“ in den letzten Jahren zum Massenbesäufnis mit vielen Touristen entwickelte, plant die Polizei einen Einsatz von rund 6000 Beamten. Man will „unaufgeregt und gelassen handeln“, zumindest „die Walpurgisnacht ist Normalität“. Im Wedding wird mit einem friedlichen Verlauf einer Demonstration gerechnet, die Krawalle am Mauerpark oder Kollwitzplatz gehören offenbar der Vergangenheit an.

          Den Blumen-Bomber von Banksy kann man auch als ein Lob des Werfens verstehen. Wie die antiken Statuen ist sein Kämpfer das Symbol einer Fähigkeit, die vielleicht zwei Millionen Jahre alt ist. Der sportliche Mensch ist imstande, einen Handball mit 130 Kilometern pro Stunde zu schmettern. Er kann stattdessen aber auch einen Stein nehmen. Oder einen Speer, um ein Beutetier zu erlegen. Die menschliche Hand ist dafür prädestiniert, ihr Daumen eignet sich besonders gut zum Greifen. Sein Beugemuskel und die spezielle Form des Daumensattelgelenks ermöglichen es, dass der Mensch gleichzeitig fest und präzise zupacken kann, was Schimpansen in dieser Form nicht gelingt. Auch unterscheidet sich die Anatomie von Arm und Schulter erheblich, Elastizität und Winkelgrade sind mitentscheidend. Das macht den Homo sapiens, nicht aber den Affen zum besseren Werfer.

          Triumph der Biomechanik

          Vor allem über Kopf gelingen uns schnelle, energische Würfe. Es wirken Drehmomente, der Oberarm rotiert, das Zusammenspiel von Muskeln, Bändern, Sehnen, Knochen und Gelenken erzeugt schließlich die schnellste Bewegung, zu der ein menschlicher Körper fähig ist, mit bis zu 9000 Grad pro Sekunde, umgerechnet sind es 1500 Umdrehungen pro Minute. Ähnlich einem Katapult oder einer Schleuder nutzt der Arm aufgestaute Energie, wenn wir werfen. Wenn wir die Gelenke über den Ellenbogen bis hin zur Hand blitzartig strecken, kommt eine Bewegung wie ein Peitschenhieb heraus.

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